Nasim Aghdam war "wütend" auf Youtube.

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Die Plattform hat eine holprige Beziehung mit ihren Content-Machern.

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Bei Schüssen im Youtube-Hauptquartier in San Bruno in Kalifornien sind am Dienstag drei Menschen verletzt worden. Die mutmaßliche Täterin, die 39-jährige Nasim Aghdam, hat sich laut Polizei selbst das Leben genommen.

Auf der Videoplattform betrieb sie mehrere Kanäle und veröffentlichte etwa Tierrechts- und Fitnessclips. Zuletzt hatte sie sich über eine vermeintliche Zensur ihrer Videos beschwert. Dadurch hätte sie weniger Besucher auf ihren Kanälen und weniger Werbeeinnahmen, kritisierte sie auf ihrer Website. Die Ermittler sehen die Wut auf Youtube aufgrund kürzlicher Änderungen auf der Plattform als mögliches Motiv für die Schüsse.

Keine Monetarisierung

Aghdams Frust spiegelt auch die Debatte wider, die sich immer wieder rund um die Beziehung zwischen den Produzenten auf der Plattform und dem Unternehmen entfacht. Bereits 2016 kritisierten viele Youtuber die Firma, weil große Teile ihrer Videos ohne ersichtlichen Grund nicht mehr monetarisiert wurden.

Casey Neistat gehört zu den bekanntesten Youtubern.
CaseyNeistat

Intransparent

Youtube antwortete damals, dass die Plattform bereits seit Jahren Inhalte als nicht werbefähig einschätzte, betroffene Nutzer nun aber erstmals darüber informiert werden. Seitdem beschweren sich immer wieder zahlreiche bekannte Youtuber – eine Antwort darauf, warum bei bestimmten Videos keine Werbung gespielt wird, bleibt ihnen das Netzwerk nämlich oft schuldig.

Fake-News, Neonazis und Verschwörungstheorien

Und neben dem Zank mit den eigenen Produzenten muss sich das Unternehmen auch anderer Kritik stellen – denn die Plattform ist ein beliebter Ort für Verschwörungstheorien und Fake-News. Der britische Ausschuss für innenpolitische Angelegenheiten, das Home Affairs Comitee, warf Youtube erst kürzlich vor, es mehrfach verabsäumt zu haben, Inhalte der verbotenen britischen Neonazi-Organisation National Action zu blockieren.

"Youtubes wiederholtes Versagen, sich um das illegale Extremistenvideo zu kümmern, ist eine absolute Schande und zeigt das schockierende Fehlen an Mühe, seine grundlegende soziale und juristische Verantwortung zu erfüllen", sagte die Vorsitzende Yvette Cooper der BBC. "Wenn es ein Copyrightproblem wäre, hätten sie es sofort und automatisch entfernt und die Technologie zur Verfügung gestellt, um es weiterhin zu verhindern", so Cooper.

Heftige Kritik an Youtuber

Auch die monetarisierten Inhalte der größten Youtuber, eigentlich Vorzeigeschilder des Unternehmens, gerieten immer wieder ins Sperrfeuer der Kritik. Youtube-Star Pewdiepie veröffentlichte seit August 2016 neun Videos, in denen Nazisymbolik oder Humor mit antisemitischen Inhalten vorkam. Youtubes Reaktion war, ihn aus der Google Preferred hinauszuwerfen, einer Plattform, über die sich Werbekunden direkt mit besonders erfolgreichen Youtubern vernetzen können.

Logan Paul, ebenfalls enorm erfolgreich auf der Plattform, veröffentlichte ein Video aus dem japanischen Aokigahara-Wald, zeigte dabei eine Leiche und lachte peinlich berührt. In Tokio schoss er unter anderem einen Stoff-"Pokeball" nach Leuten und kaufte in einem Geschäft einen Gameboy, um ihn draußen mit voller Absicht auf den Asphaltboden zu werfen, so zu zerstören und daraufhin zu versuchen, ihn zu retournieren. Youtube warf auch ihn aus seinem Werbeprogramm und deaktivierte Werbung auf seinen Videos zeitweise gänzlich.

Strengere Regeln, strenge Werbekunden

Solche Vorfälle brachten das Unternehmen auch dazu, strenger bei der Ausschüttung von Werbegeldern zu werden. Seit Februar müssen Youtuber mit ihren Videos 4.000 Stunden Verweilzeit erreichen, um ihre Kanäle monetarisieren zu können. Weiters sind 1.000 Abonnenten Plicht, zuvor mussten sie lediglich 10.000 Klicks erreichen. Zudem prüft das Unternehmen verstärkt manuell, ob sich Kanäle an die Regeln des Unternehmens halten. Werbekunden sollen außerdem präziser darüber informiert werden, wo ihre Inhalte erscheinen.

Der Effekt der Maßnahmen ist, dass teilweise Produzenten harmloserer Inhalte, wie auch jene von Aghdam selbst, davon betroffen waren. Sie beklagte daraufhin, dass einige ihrer Videos von Youtube-Angestellten altersbeschränkt und "gefiltert" worden seien, und glaubte, dass man so versucht habe, sie zu demotivieren. (muz, 5.4.2018)