"Hilfe! Die 80er sind zurück!" Sonderlich erfreut war die "New York Times" nicht nach der aktuellen Schau von Marc Jacobs, der für Herbst 2018 an die Extravaganz einer Zeit anknüpfte, die für viele höchstens als Faschingskostüm herhalten darf: extreme Dauerwellenfrisuren, breite Schultern, schreiende Farben, selbstbewusste Opulenz. Die 1980er-Jahre waren nichts für Feiglinge, dezent wurde es erst wieder ein Jahrzehnt später, als Grunge kam und Helmut Lang mit seinem schon in den 80s begonnenen Minimalismus massentauglich wurde.

Aber eigentlich hat diese modisch enorm mutige und kreative Phase vieles vorweggenommen, was uns nach wie vor prägt. Die 1980er haben uns zu dem gemacht, was wir sind, im guten wie im schlechten Sinn. Wenn Models neuerdings mit Yogapants durch die Straßen von New York laufen, dann hat der Trend zur Sportkleidung im Alltag mit Aerobic, Jogging, Bodybuilding und Boxen ("Rocky") begonnen, Trainingsanzüge waren in den 1980ern extrem angesagt. Politiker trugen Sneakers zu ihren Anzügen, eine neue gesellschaftliche Lockerheit machte sich breit.

Das "Miami Vice"-Kommando, "Sonny" Crockett und Ricardo Tubbs, schlug sich mit Schulterpolstern durch die Serie.
Foto: NBC via Getty Images

Der Fokus verlegte sich von Freizeit- zu Sportkleidung, vom traditionellen Lederschuh zum Sneaker, ein Megatrend, der uns bis heute begleitet. Aber auch Ironie wurde plötzlich zu einer treibenden Kraft, schon damals war allen klar, dass Serien wie "Dynasty" oder "Miami Vice" over the top sind, dass man mit Realismus allein nicht weit kommt, dass eine Portion Spaß dazugehört.

Man war gern "campy", eine postmoderne Haltung setzte sich durch, alles kann mit allem kombiniert werden: Dessous zu Lederpants, ein gewagter Denimmix mit Strasssteinchen zu Cowboyboots, feine Spitze und ein Kruzifix um den Hals wie Madonna in "Like A Virgin" (1984).

Start des Musikfernsehens

Die 1980er-Jahre feierten die Selbstinszenierung und waren gerade in ihrer Liebe zum Nichtauthentischen gendermäßig weit vorn: Schlägt man ein "Bravo" von damals auf, ist praktisch jeder männliche Popstar geschminkt. Die Musik- und Modewelle der New Romantics zeichnete ein softes, höchst feminines Männerbild, während Annie Lennox mit ihrem strengen, karottenfärbigen Kurzhaarschnitt eine toughe Weiblichkeit verkörperte. Sexuell ambivalent war das, "fluid" würde man es heute nennen, Paradiesvögel sagte man damals ein wenig naiv.

Mit dem Start des ersten Musikfernsehsenders MTV am 1. August 1981 begann ein neues Zeitalter, in dem die Popkultur die dominante Kraft auch in der Mode wurde. Rapper waren Markenbotschafter, im Grunde waren sie, auch ohne Internet, frühe Influencer. Durchs Fernsehen wusste man auf einmal genau, welche Marken man tragen musste, um cool zu sein. Der vielzitierte damalige Hedonismus führte erstmals in der Geschichte der Mode zu einem wahren Markenfetischismus, der mit der aktuellen Logomania ein Revival erlebt.

Haarproduktwerbungen überschwemmten die Welt, Branding wurde immer wichtiger, schließlich kam die Kreditkarte gerade auf den Markt, das Geld wollte verschwendet werden. Der entfesselte Neoliberalismus (Stichwort: Margaret Thatcher) schlug sich modisch in breiten Schultern nieder (Stichwort: Yuppie), gleichzeitig drängten Frauen tatsächlich verstärkt in Chefetagen.

Der neue Look signalisierte Stärke: Leg dich bloß nicht mit mir an, mein Ego ist so groß, wie meine Schultern breit sind! Überhaupt wurde der Körper in den 1980ern gern dekonstruiert und sehr abstrakt und modern gedacht.

Oberflächen

Power-Dressing lautete das Motto der Stunde, das zeigte, wie die richtige Kleidung Tür und Tor zum Businesserfolg öffnet, dass die Kunst des Verkleidens etwas Emanzipatorisches haben und Hochstapelei durchaus eine Tugend sein kann. "Zieh dich an, als ob du den Job schon hättest", lautet einer der zentralen Sätze, der in dem Hollywoodfilm "Die Waffen der Frauen" 1988 in Form einer Wallstreet-Komödie durchexerziert wurde.

Aktuelle Hype-Labels wie Balenciaga haben die Ironie, den Oversized-Look und die überdimensionierten Schultern erneut aufgegriffen, sie passen schließlich auch gut in eine Zeit, in der man wieder Ellbogen braucht.

Bei all der Euphorie für die Oberfläche waren die 1980er aber auch ein immens politisches Jahrzehnt, was sich nicht nur in einer starken Umweltschutzbewegung manifestierte: Die britische Designerin Katharine Hamnett wurde mit ihren "Choose Life"-Aids-Awareness-T-Shirts, die 1984 Wham! in ihren Videos berühmt machten, zur Großmutter aller Sloganshirts, die im Moment mit ihren vor allem feministischen Sprüchen schon ein wenig inflationär geworden sind. Dass sich Popkultur und Feminismus bestens verschränken lassen, bewies übrigens schon Madonna.

Wham! mit den T-Shirts von Katharine Hamnett.

Natürlich ist unsere nostalgische Erinnerung an dieses Jahrzehnt, die sich in aktuellen Serien wie "Stranger Things" zeigt, auch der Wunsch nach mehr Überschaubarkeit, nach einer Zeit, in der eine Handvoll nerdiger Streberkinder ein Monster besiegen und den Planeten retten kann.

So einfach wird die Welt nicht mehr, auch das historische Hochgefühl nach dem Fall der Berliner Mauer, als sich Ost und West in stonewashed Jeans in den Armen lagen, ist uns nicht vergönnt. Aber was wird uns in den nächsten Monaten, abgesehen von breiten Schultern und Neonfarben, konkret modisch erwarten?

Die Bauchtaschen sind längst wieder da, die Fischerhüte, Jogginganzüge, oversized Sweater in Pastellfarben und Slogan-T-Shirts auch. Verschiedene Denimsorten zu mischen ist auch nicht mehr ganz neu – stonewashed wird sicher wieder kommen. Wir stecken also eigentlich schon längst mitten im 1980er-Revival, aber wir kombinieren die Sachen nicht mehr so dramatisch und extrem wie einst, deshalb fällt es uns nicht so auf.

Was aber sicher für Diskussionen sorgen wird, ist ein Haartrend. Der berüchtigte Vokuhila (vorn kurz, hinten lang), die einstige Prollmatte der Fußballstars, ist laut dem deutschen Männerblog "Dandy Diary" die "Frisur des Jahres". Fehlt nur noch, dass der typische "Rattenschwanz", das dünne Strähnchen hinten, wieder auf den Straßen auftaucht. Das wäre mutig! (Karin Cerny, RONDO, 17.4.2018)

Die Achtziger sind längst bei uns angekommen: Bauchtaschen bei Balenciaga, riesige Jeansjacken bei Monki und Fischerhüte von Asos.
Fotos: Hersteller, Balenciaga

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