Schweigend stapfen Jurek, Adam und Wendy durch den Białowieża-Urwald an der polnisch-weißrussischen Grenze. Sie gehen auf einer bestimmten Trasse "Patrouille", wie sie es nennen. Vor ein paar Monaten hat hier ein Harvester, ein tonnenschweres Baumerntegerät, ganze Arbeit geleistet. Rechts und links vom Weg ragen Baumstümpfe aus dem Boden. In den tiefen Spurrillen der Harvester liegen die einstigen Wipfel, daneben die Stämme der gefällten Bäume, aufgestapelt und abholbereit. Dabei gehört der berühmte Mischwald zum Unesco-Weltnaturerbe. Auch das Natura-2000-Gesetz schützt ihn. Doch hier prallen Wirtschaftsinteressen und Naturschutz so stark aufeinander, dass die EU-Kommission eine Klage beim Europäischen Gerichtshof gegen Polen eingereicht hat – und am Dienstag Recht bekam.

Polen verstößt demnach mit der Abholzung des Białowieża-Urwalds gegen das Naturschutzrecht der Union. Die Ausbreitung des Borkenkäfers rechtfertige nicht den Bewirtschaftungsplan und die Abholzung in dem Urwald, heißt es in dem Urteil, mit dem der Gerichtshof der Klage der EU-Kommission in vollem Umfang entsprach. Der Urwald sei auch wegen seltener Tierarten ein "Gebiet von gemeinschaftlicher Bedeutung". Nach Auffassung der EU-Kommission handelt es sich um einen der am besten erhaltenen Naturwälder Europas.

Der EuGH kam zu dem Schluss, dass die großflächigen Abholzungen "zwangsläufig zur Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflanzungs- oder Ruhestätten" streng geschützter Käfer führe.

2017 wurden im Białowieża-Urwald nach offiziellen Angaben 150.000 Bäume gefällt. Das sei nötig, um den Borkenkäfer in dem Schutzgebiet einzudämmen, hieß es zur Begründung. Die EU-Kommission hält das für unzulässig.
Foto: AP/Czarek Sokolowski

"Mir blutet das Herz, wenn ich diesen Kahlschlag sehe", sagt der Biologe Adam Bohdan. "Den Staatsforsten geht es nur ums Geld: Bäume fällen, aufforsten, fällen, aufforsten. So stirbt der Białowieża-Urwald, der in seiner vieltausendjährigen Geschichte noch jeden Borkenkäferbefall ganz allein überstanden hat. Was bleibt, ist eine Bretterproduktion."

Kaum berührter Mischwald

Im Dorf Białowieża befindet sich der Eingang zur streng geschützten Zone des von Menschenhand über Jahrhunderte kaum berührten Mischwaldes. Besucher dürfen sich nur auf bestimmten Wegen und mit einem lizenzierten Guide bewegen, hier soll die Natur weitgehend sich selbst überlassen werden. Nur Wissenschafter dürfen die vorgeschriebenen Wege verlassen, um Fauna und Flora zu erforschen.

Beispielsweise die Biologieprofessoren Rafał Kowalczyk und Bogdan Jaroszewicz. "Der Fehler liegt im System", sagt Jaroszewicz vom Institut für Geobotanik. Soll der Białowieża-Urwald mit seinem einzigartigen Ökosystem gerettet oder für die Holzproduktion genutzt werden und möglichst viel Gewinn bringen? Das Argument der Lasy Państwowe – der Staatsforste –, durch den massiven Holzeinschlag den Białowieża-Urwald vor dem Befall durch den Borkenkäfer zu retten, sei ebenso vorgeschoben wie das Argument, die Pilzsammler und Spaziergänger vor abgestorbenen Bäumen schützen zu müssen, die plötzlich umfallen könnten.

Der Naturraum erstreckt sich von Polen weit nach Weißrussland und ist auch als Unesco-Weltnaturerbe anerkannt.
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2015 wurde Einschlagslimit drastisch erhöht

Schon 2010 hatten Naturschützer gegen den Raubbau in Polens Wäldern so heftig protestiert, dass der Umweltminister sich gezwungen sah, den Holzeinschlag im zehnjährigen Managementplan für Polens Wälder drastisch abzusenken. Die Staatsforste, ein Monopolist, der knapp 90 Prozent aller Wälder Polens bewirtschaftet, hatten zunächst zugestimmt. Doch 2015 hatte die Oberforstverwaltung in Białowieża den Antrag gestellt, das Einschlagslimit wieder drastisch zu erhöhen, da sie den vorgegebenen Rahmen bereits weitgehend ausgeschöpft hatte – Jahre vor dem Ende der Zehnjahresfrist.

"Umweltminister Szyszko gab diesem Antrag statt", erklärt der Biologe. "Und seitdem fahren hier diese Harvester durch den Urwald und 'ernten Holz'. Dabei müssen auch viele über hundertjährige Bäume dran glauben, die eigentlich unter einem besonderen Schutz stehen."

Falsche Verteufelung des Borkenkäfers

Es sei zudem völlig falsch, den Borkenkäfer zu verteufeln, meint Kowalczyk. Er übernehme in der Natur eine wichtige Rolle, da er nur geschwächte oder kranke Fichten anfliegt und dort seine Eier ablegt. Die ausschlüpfenden Larven fressen dann die berüchtigten Gänge in den Stamm, die es der Fichte unmöglich machen, bestimmte Nährstoffe in die Wurzeln zu bringen. So stirbt der Baum, bietet dann aber über Jahre anderen Tieren und vielen Pflanzen, Pilzen und Moosen eine neue Lebenswelt.

"Transportiert der Mensch das Totholz ab, stirbt auch der Naturwald, in dem Leben und Sterben zum natürlichen Lebenskreislauf gehören. Die Förster behaupten gerne, dass der Wald ihre Hilfe brauche und gepflegt werden müsse. Falsch! Der Wald regeneriert sich selbst. Anstelle des toten Baumes wächst nach ein paar Jahren wieder ein neuer", sagt Kowalczyk. (Gabriele Lesser aus Białowieża, APA, 17.4.2018)

Seit Jahren kommt es immer wieder zu Protesten gegen die Abholzung.
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