Gut möglich, dass der Preis heuer nicht verliehen wird.

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Frage: Worum geht es?

Antwort: Seit Wochen erschüttert ein Korruptions- und Belästigungsskandal die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Der Ehemann des Akademiemitglieds Katarina Frostenson soll Frauen im Umfeld der Akademie belästigt und Fördergeld für sein Kulturinstitut von der Gattin erhalten haben. Dazu gab er vorab die Namen von Nobelpreisträgern weiter. Infolge dieser Causa kam es zu Streitereien in der Akademie – und zu fünf Rücktritten. U. a. von Frostenson, die erst nach erheblichem medialem Druck den Hut nahm.

Frage: Was ist nun das Problem?

Antwort: Es besteht darin, dass die 18 Akademie-Mitglieder (sieben Frauen und elf Männer) auf Lebenszeit gewählt sind und laut den Statuten erst nach ihrem Tod ersetzt werden können. Der schwedische König, "hoher Beschützer" der Akademie, will nun die Satzungen ändern.

Frage: Warum?

Antwort: Weil neben den fünf kürzlich zurückgetretenen Mitgliedern auch zwei weitere nicht an den Sitzungen der Akademie teilnehmen. Die Statuten schreiben vor, dass das Gremium mindestens zwölf Mitglieder umfassen muss. Die Akademie ist mit nunmehr elf Mitgliedern weitgehend handlungsunfähig.

Frage: Könnte der Nobelpreis im Herbst trotzdem vergeben werden?

Antwort: Ja, denn die Bestimmung des Zwölfer-Quorums bezieht sich nur auf die Fähigkeit der Akademie, neue Mitglieder zu wählen. Für die Kür des Preisträgers hingegen braucht es die Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Frage: Entscheidet die Akademie allein über den Preis?

Antwort: Ja. Die von Alfred Nobel gestiftete Auszeichnung wird nach dem testamentarischen Willen des Dynamiterfinders jährlich von der Akademie vergeben, die auf eine Gründung König Gustav des Dritten im Jahr 1786 zurückgeht. Es handelt sich dabei um ein wissenschaftliches, vor allem mit Literaturwissenschaftern und Autoren besetztes Gremium mit der Aufgabe, die schwedische Sprache und Literatur zu fördern.

Frage: Wie funktioniert das Auswahlverfahren für den Nobelpreis?

Antwort: Die Mitglieder der Akademie wählen aus ihren Reihen ein Nobelpreiskomitee (fünf bis sieben Personen). Dieses bittet Mitglieder der schwedischen oder anderer Akademien, Literaturprofessoren, bisherige Nobelpreisträger und Vorsitzende nationaler Schriftstellerverbände um Kandidatenvorschläge. Die Vorschlagsliste (hunderte Namen) wird auf 20 Kandidaten reduziert. Ende Mai präsentiert das Komitee der Akademie eine Shortlist von fünf Namen, aus denen der Preisträger erkoren wird.

Frage: Wie geht es nun weiter?

Antwort: Das weiß niemand. Auf jeden Fall sind Image, Prestige und Glaubwürdigkeit des Preises beschädigt. Unlängst spekulierte Anders Olsson, Sekretär der Akademie, im Radio gar über eine Aussetzung der Auszeichnung: "Wir arbeiten gerade daran. Wir werden auf die Frage zurückkommen. Sie werden demnächst benachrichtigt", so Olsson. Gut möglich, dass der Preis heuer nicht verliehen wird. Das gab es in der 117-jährigen Geschichte der Auszeichnung sieben Mal. Unter anderem im Zweiten Weltkrieg. (Stefan Gmünder, 26.4.2018)