Ein historischer Moment: Kim Jong-un (links) überschreitet die Grenze zu Südkorea – Hand in Hand mit dessen Staatschef Moon Jae-in.

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Gespräche in der demilitarisierten Zone zwischen den beiden Politikern.

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Als am Freitagvormittag die Einigung über eine Denuklearisierung Koreas über die Ticker der internationalen Nachrichtenagenturen lief, wurde das als Nachricht womöglich historischer Dimension bewertet. Folgt auf sechseinhalb Jahrzehnte Kriegszustand auf der Koreanischen Halbinsel nun, wo sich Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Südkoreas Präsident Moon Jae-in zu ihrem vielbeachteten Händeschütteln getroffen haben, ein dauerhafter Friede?

Der Nordkorea-Forscher Patrick Köllner vom Hamburger Giga-Institut für Asienstudien tritt vorerst auf die Bremse. "Jenseits aller Symbolik ist es erst einmal wichtig, dass überhaupt Gespräche auf höchster Ebene stattfinden. Bei den beiden früheren Gipfeltreffen wurden zwar wirtschaftliche Kooperationen vereinbart, die entscheidende Frage, nämlich jene des Atompotenzials des Nordens, aber nicht gelöst."

Definitionsfrage Denuklearisierung

Köllner warnt vor voreiligem Jubel. Die USA, Schutzmacht des Südens, und Nordkorea verstünden nämlich keineswegs dasselbe unter dem Schlagwort Denuklearisierung. "Aus US-Perspektive kann dies nur einen völligen, unumkehrbaren und überprüfbaren Rückbau des nordkoreanischen Atomwaffenarsenals auf null bedeuten. Das wiederum ist für Pjöngjang wohl nicht akzeptabel. Dort versteht man sich als Atommacht, was einen elementaren Teil der Legitimationsstrategie und die ultimative Überlebensstrategie des Regimes darstellt."

Und doch könnten aus den beiden Gipfeltreffen – nach jenem der beiden koreanischen Staatschefs folgt das von Kim mit US-Präsident Donald Trump – Verhandlungen erwachsen, die der Eiszeit in Korea ein Ende bereiten. In der jüngeren Vergangenheit sei Südkorea schließlich in die Rolle des Zuschauers gezwungen worden, während sich die USA und Nordkorea gegenseitig bedroht haben.

Ein erster Schritt sei eine Reduktion des Atomarsenals des Nordens und, im Gegenzug, eine Lockerung der Sanktionen durch die USA, sagt Köllner: "Ob indes der große Wurf, also eine Paketlösung mit Nuklear- und Raketenabrüstung sowie humanitären und anderen Fragen, kommt, darüber bin ich skeptisch, weil ich nicht glaube dass die Nordkoreaner auf ihr mühsam erarbeitetes Atompotenzial vollständig werden verzichten wollen."

"Niedrig hängende Früchte"

Dass sich Kim tatsächlich mit Trump treffen wird, ist nach Ansicht von Köllner nun jedenfalls wahrscheinlicher denn je. "Beide Seiten richten sich darauf ein. Entscheidend waren die Reise Kims nach China und jene des designierten US-Außenministers Mike Pompeo nach Pjöngjang." Es gebe, so der Wissenschafter, bei dem US-Nordkorea-Gipfel schließlich "eine ganze Reihe von niedrig hängenden Früchten, die geerntet werden können".

Ob sie ausreichen, um den US-Kongress und China zur Zustimmung zu bewegen, stehe aber in den Sternen. "Ein medial wunderbar zu verkaufender Erfolg für Trump wäre es zu Beginn, die drei in Nordkorea gefangenen US-Bürger mit nach Hause zu nehmen. Und für Kim ist allein das direkte Zusammentreffen mit dem US-Präsidenten, quasi von Atommacht zu Atommacht, ein Triumph."

Es kann schnell gehen – oder auch nicht

Und auch was die Erwartungen hinsichtlich einer zukünftigen Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten betrifft, will sich Köllner auf Spekulationen nicht einlassen. Andererseits: "Auch wenn alle Beteiligten glauben, dass sie weit entfernt ist, kann es, wenn sich äußere Umstände unvorhersehbar ändern, sehr schnell gehen. Das haben wir aus der deutschen Geschichte gelernt." (Florian Niederndorfer, 27.4.2018)