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Arbeit ist mehr: "Wir wollen nicht nur überleben, sondern auch sinnvoll leben", sagt Johannes Kopf.

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Wer über die zukünftige Entwicklung von Arbeitslosigkeit nachdenken will, sollte diese nach ihrer jeweiligen Entstehung betrachten. Denn Arbeitslosigkeit entsteht nicht nur aus konjunkturellen Gründen, sondern zusätzlich friktionell und strukturell. Als friktionelle Arbeitslosigkeit bezeichnet man die meist nur kurz andauernde Sucharbeitslosigkeit zwischen zwei Jobs. (Die saisonale Arbeitslosigkeit kann als Sonderform betrachtet werden.) Bei der strukturellen Arbeitslosigkeit hingegen passen Arbeitssuchende und offene Stellen nicht zusammen, etwa aus regionalen Gründen oder aufgrund der Qualifikation.

Anders als unsere Eltern und Großeltern die oft im gleichen Unternehmen, in dem sie ihre Arbeit begonnen haben, ihr Arbeitsleben auch beendeten, wechseln heute die meisten von uns viel öfter die Arbeitgeber: Im Durchschnitt dauern Dienstverhältnisse in Österreich heute weniger als zwei Jahre. Dadurch nimmt die friktionelle Arbeitslosigkeit entsprechend zu.

Die strukturelle Arbeitslosigkeit ist die am schwierigsten zu bekämpfende Form der Arbeitslosigkeit und leider zumeist eine langfristige.

Viele österreichische Unternehmen suchen heute qualifizierte Arbeitskräfte – aber fast jede/r zweite Arbeitssuchende beim AMS hat nur die Pflichtschule besucht. Während bei Akademiker/innen aktuell nur etwa jede 30. Person am Arbeitsmarkt arbeitslos ist, ist es bei Personen mit nur Pflichtschulbesuch aber jede/r Vierte. Für sie gibt es schon heute aufgrund von Automatisierung und Produktionsverlagerung einfach zu wenige Jobs. Ein Mangel, der sich künftig noch verstärken wird, zuletzt hat die OECD schlecht ausgebildete Personen als von der Automatisierung und Digitalisierung als "am meisten gefährdet" bezeichnet.

Ich persönlich halte nichts von den Kassandrarufen, die meinen, Arbeit wird durch die künftigen technologischen Entwicklungen immer mehr zu einem seltenen Gut, sodass wir uns schon heute auf Massenarbeitslosigkeit einstellen sollten. Zu oft sind diese Schreckensbilder schon seit den Maschinenstürmern zu Beginn des 19. Jahrhunderts an die Wand gemalt worden. Richtig ist zwar, dass große technologische Innovationen wie die Dampfmaschine, die Eisenbahn, die Verbreitung der Elektrizität, das Automobil oder das Internet unseren Arbeitsmarkt grundlegend verändert haben. Immer wieder haben dabei zwar zahlreiche Menschen ihre bisherige Arbeit verloren, aber immer sind dabei auch viele neue Jobs entstanden. Insgesamt ist die Summe an bezahlter Arbeit sogar deutlich gestiegen.

Digitale Revolution

Diesmal aber, so sagen die Warnrufe, sei es anders, denn die digitale Revolution sei mit keiner der genannten Erfindungen vergleichbar. Warum aber steigen dann laut Statistik Austria seit 2015 die in unserem Land tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden ständig weiter an? Warum kann erwartet werden, dass wir heuer sogar den bisherigen Höchststand von 7,1 Milliarden Arbeitsstunden, die in Österreich bisher nur im Vorkrisenjahr von 2008 gearbeitet wurden, übertreffen werden? Hat also die "große digitale Revolution", die so viele Arbeitsplätze vernichten soll, für die Pessimisten noch gar nicht begonnen?

Ich glaube, dass sich die Arbeitslosigkeit in Zukunft stark polarisieren wird und die Digitalisierung dafür der entscheidende Treiber sein wird. Denn während sie die Probleme der strukturellen Arbeitslosigkeit noch deutlich verschärfen wird, wird sie bei der Bekämpfung der friktionellen Arbeitslosigkeit hingegen helfen.

Der Arbeitsmarkt gilt unter anderem deswegen als unvollkommener Markt, weil – anders als etwa an der Börse – Arbeitsanbieter und Arbeitsnachfrager bisher über keine vollständigen Informationen über den gesamten Markt, seine detaillierten Angebote und Bedingungen besitzen. Mithilfe moderner Technologien aber wird es uns nicht nur gelingen, die Transparenz massiv zu steigern, sondern auch gesuchte und angebotene Kompetenzen detailliert zu erfassen und elektronisch zu "matchen". Das bedeutet, dass Unternehmen und Arbeitsuchende in Zukunft fast "auf Knopfdruck" zueinanderfinden können. Zur Vorbereitung dieser Entwicklung ist eine bessere Erfassung der fachlichen Skills aktuell ein besonderer Schwerpunkt im AMS.

Und ob es uns passt oder nicht: Die künftige Technik wird auf Wunsch demnächst auch Social Skills wie Team- oder Lernfähigkeit eines Bewerbers messbar und für potenzielle Arbeitgeber zugänglich machen. Spätestens dann können Personalentscheidungen schneller als heute fallen und die friktionelle Arbeitslosigkeit verkürzen.

Nicht wehrlose Opfer

Wie groß hingegen die strukturelle Arbeitslosigkeit in Zukunft sein wird, weil die Qualifikation, Lernbereitschaft oder etwa Flexibilität vieler Jobsuchender für die künftigen Erfordernisse nicht ausreicht, das bestimmt glücklicherweise nicht nur der technologische Fortschritt, sondern kann auch durch die Intensität unserer Gegenmaßnahmen gestaltet werden. Und so gibt es Zuversicht, dass wir hier nicht wehrlose Opfer einer unverschuldeten Entwicklung sein müssen, sondern entscheidende Reformen dagegensetzen können: Reformen etwa im Bereich der Früherziehung, unseres Bildungssystems oder sogar unseres Gesundheitssystems. Und natürlich auch Reformen im Bereich des AMS, das wissen wir, und darum bemühen wir uns täglich.

Dennoch: Auch wenn wir alle genannten Politikfelder schon heute daraufhin ausrichten, das Entstehen struktureller Aussichtslosigkeit zu verhindern – es werden Mitmenschen übrig bleiben, für die wir in Zukunft keine Arbeit am Markt finden.

Ob dafür das bedingungslose Grundeinkommen der richtige Problemlöser wäre? Ich glaube es nicht, nicht nur, weil ich an dessen Mehrheitsfähigkeit zweifle, sondern auch, weil meines Erachtens auch die Sinnstiftung dabei zu kurz käme. Weil wir nicht nur überleben, sondern auch sinnvoll leben wollen.

So ist also Nachdenken angesagt, darüber, wie eine gesellschaftliche Teilhabe für vom Arbeitsmarkt ausgegrenzte Personen in Zukunft aussehen kann. (Johannes Kopf, 27.4.2018)