Die historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen Bulgariens mit Russland sind sehr stark.

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Die Sympathie für Putin in weiten Teilen der bulgarischen Bevölkerung ist politisches Kapital, das Sozialisten wie Nationalisten ausnutzen.

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Sie haben einen eigenen Containerhafen, Tausende Denkmäler und einen Staatspräsidenten, der sein Leben lang MiG-Kampfjets flog. Sie investieren so viel wie nirgendwo sonst in Osteuropa – Weißrussland ausgenommen –, bringen die Pensionisten ins Schwärmen und haben wenigstens vier der fünf Parlamentsfraktionen im Parlament in der Tasche. Die Russen sind in Bulgarien. 400.000 haben mittlerweile Immobilien an der Schwarzmeerküste, in den Bergen und in der Hauptstadt Sofia gekauft: Bulgarien ist Russlands bevorzugte Landepiste in der EU.

Bulgariens politische Landschaft teilt man nicht in links und rechts ein, sondern in pro-europäisch und pro-russisch, so erklärt Hristo Iwanow, ein ehemaliger Justizminister und Chef der Reformpartei "Da, Bulgaria".

Das kleine Balkanland ist zwar seit 2004 Mitglied der Nato und seit 2007 in der EU. Doch der große Bruder auf der anderen Seite des Schwarzen Meers hat Bulgarien nie losgelassen. Jede sensible Information, die in Sofia ausgetauscht würde, sei in drei Stunden auf Wladimir Putins Schreibtisch, sagt Iwanow. Der Kremlherr hat ein zuverlässiges Netzwerk in Bulgarien.

In Belene in Bulgarien entsteht das zweite Atomkraftwerk des Landes.
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Der Energiesektor ist das strategisch und wirtschaftlich wichtigste Feld der Russen in Bulgarien. Gasprom deckt den Gasbedarf der Bulgaren, Lukoil liefert über seinen Hafen in Burgas Erdöl, lässt es zu Treibstoff verarbeiten und vertreibt es über sein Tankstellennetz im Land. Rosatom plant den Bau des nächsten Atomkraftwerks in Bulgarien, immer wieder angetrieben, wenn die Sozialisten der BSP an die Macht kommen, und gebremst, wenn die Rechtspartei von Boiko Borissow wie derzeit regiert.

Geschäftsinteressen und Sympathie

Borissow selbst manövriert vorsichtig zwischen Brüssel und Moskau. Geschäftsinteressen mit Russland werden den meisten Politikern nachgesagt. Doch die Sympathie für Putin in weiten Teilen der bulgarischen Bevölkerung ist politisches Kapital, das Sozialisten wie Nationalisten ausnutzen.

Die anhaltende soziale Misere im Land wird dem Westen und der Wende zum ungezügelten Kapitalismus angelastet. Im kollektiven Gedächtnis bleibt dafür der große Bruder Russland: vom russisch-osmanischen Krieg 1877/78, der Bulgarien den Weg zur Unabhängigkeit bahnte, über die Jahre des Sozialismus, als Bulgarien in wirtschaftlicher Symbiose mit der Sowjetunion lebte, bis heute, wo Wladimir Putin Brüssel und Washington die Stirn bietet.

In einem kleinen Souvenirshop in Sofia findet man Putin-Fan-Shirts.
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Moskau kann sich auf die Sozialisten der BSP verlassen, die Geschäftsleute-Partei DPS der türkischstämmigen Minderheit und des Oligarchen Deljan Peewski, auf die rechtsextreme Ataka und auf die Populistenpartei Volja des Geschäftsmanns Wesselin Mareschki. Der versucht gerade eine Volksabstimmung zum Nato-Austritt zu organisieren.

Dass Boiko Borissow sich nicht an den neuen Russland-Sanktionen der Europäer wegen des Giftanschlags auf den Agenten Skripal beteiligte, erfreute den Kreml. Die bilateralen Beziehungen werden nun wieder angekurbelt, die Verstimmung nach dem Aus des South-Stream-Pipelineprojekts 2014 ist vergessen.

Borissow wird diese Woche (30.05./01.06.) in Moskau erwartet. Bulgariens Staatspräsident Rumen Radew, der frühere Luftwaffenchef, der von den Sozialisten unterstützt wird, war gerade im Kreml und hat schon für eine neue Gaspipeline aus Russland geworben – "Bulgaria-Stream". (Markus Bernath, 3.6.2018)