Italienische Wissenschafter sammeln Meeresgeräusche und wollen so Grenzwerte für Unterwasserlärm ausarbeiten.

Foto: Reuters / Darrin Zammit Lupi

Wenn man mit den Mitgliedern des Vereins eConscience an Siziliens Ostküste spazieren geht, hört man Dinge, die einem normalerweise entgehen. Sie führen ein Hydrofon für Unterwasseraufnahmen mit sich, an einem 30 Meter langen Kabel, das sie zwischen die großen, dunklen Lavasteine des Küstengewässers halten. Dazu haben sie ein mehrspuriges Aufnahmegerät und ein Mikrofon dabei, das oberhalb der Küste auf einem Stativ montiert ist und eine Stunde lang Wellen und Wind, Tiere und Pflanzen aufnehmen soll. Lorenzo Parisi, Sounddesigner und Komponist aus der Nähe von Palermo, ist für die Technik zuständig. Virginia Sciacca und Giovanni de Vincenzi, zwei Meeresbiologen aus Messina, analysieren das Gehörte. "Die Krebse klappern wieder", sagen sie mit Kopfhörern auf dem Kopf, und nach einer Pause: "Und die Seeigel grasen."

Akustische Identität

Der Spaziergang im Naturschutzgebiet La Timpa di Acireale ist eine Feldexpedition. "Wir suchen die akustische Identität des Ortes", sagt Parisi, "dazu brauchen wir so viele Klänge wie möglich." Die Gruppe hat den Verein "eConscience – Art of Soundscape" im vergangenen Jahr gegründet, weil der allmählichen Verlärmung der Welt zu wenig Aufmerksamkeit zukommt. "Wir wollen nicht nur in Wissenschaftsmagazinen publizieren", sagt die 29-jährige Sciacca, "wir wollen das breite Publikum erreichen." Der beste Kommunikationskanal sei hier die Kunst, findet sie, "denn sie weckt Emotionen".

Ihr Anliegen tragen die Aktivisten in Schulen, wo sie mit Kindern Spiele mit Naturgeräuschen machen, die dann unerwartet von Motorenlärm gestört werden. Und sie bieten Ausflüge in die Umgebung an, bei denen Teilnehmer auf typische Klänge einer Gegend aufmerksam werden und über deren emotionale Bedeutung sprechen. Oder sie spielen in Kinos akustische Arrangements aus verschiedenen Regionen der Erde ab, wie demnächst beim World Listening Day am 18. Juli.

Dringliches Problem

Bereits das Sammeln der Daten zeigt, wie dringlich das Problem ist: Die Aktivisten können praktisch nur in geschützten Gebieten oder nachts arbeiten. Sie wollen Natur hören, ohne den Krach von Autos oder Flugzeugen. Der 39-jährige Parisi erinnert sich, dass er das als Kind noch erlebte. Heute muss er nachts aus dem Bett steigen, um das Material aufzunehmen, mit dem er später die Soundscapes, die Klanglandschaften, gestaltet. Über die Akustik stellt der Sounddesigner Nähe zwischen Mensch und Natur her, sucht nach dem "verlorengegangenen Gleichgewicht". Deutlich werde das bei Kindern: "Wenn sie erkennen, dass auch Tiere eine Sprache haben, wollen sie sie sofort beschützen."

Auch die Meeresbiologen Sciacca und de Vincenzi haben beruflich mit Klang und Lärm zu tun. Sie haben sich auf Bioakustik spezialisiert. De Vincenzi hat am Institut zum Schutz der Meeresumwelt und der Küstengebiete in Messina gerade ein Experiment mit Fischen in großen Meerwassertanks abgeschlossen, die er dem Lärm von Schiffsmotoren ausgesetzt hat. Das Fluchtverhalten der Tiere und die erhöhten Cortisolwerte im Gewebe haben gezeigt, dass auch Fische auf Lärm gestresst reagieren. Die Ergebnisse sollen helfen, erstmals europaweit Grenzwerte für Unterwasserlärm auszuarbeiten. Die Europäische Kommission will bis 2020 anhand von elf Parametern den guten, erstrebenswerten Umweltzustand von Meeresgebieten definieren. Einer dieser Parameter ist Lärm.

Permanenter Lärmteppich

Virginia Sciacca hat zum Lärm in der Meerenge von Messina geforscht, wo das westliche und das östliche Mittelmeer zusammenfließen. Unzählige Schiffe passieren die nur drei Kilometer schmale Stelle, um Sizilien mit Waren vom italienischen Festland zu versorgen und Passagiere zu transportieren. Sie ist auch für Meeressäuger und Fische wichtig, denn Strömungen treiben hier viel Nahrung an die Oberfläche. Hört man sich Sciaccas Unterwasseraufnahmen an, versteht man das Anliegen des Vereins: permanenter Motorenlärm, durchdrungen von Klicks und Gesängen von Delfinen und Walen. Auch im Hafen der Stadt bilden die laufenden Motoren von Kreuzfahrtschiffen, Fähren, Autos und Lastern einen permanenten Lärmteppich. Will man sich unterhalten, muss man richtig laut sprechen. Die Aufnahmen dienen Sciacca als Negativbeispiel und auch dazu, Empathie herzustellen. "Menschen und Wale haben ein ähnliches Problem", sagt sie, "wir können uns vielerorts nur noch unter großen Anstrengungen verständigen." (Brigitte Kramer, 14.6.2018)