Foto: Reuters/HEINZ-PETER BADER

Oxford – Wo, warum und wie oft Menschen Nachrichten konsumieren – das erforscht das Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxord seit sieben Jahren und fasst die Erkenntnisse im jährlichen Digital News Report zusammen. Das sind die zentralen Punkte der wichtigsten Studie zum Medienwandel:

Das Vertrauen in Nachrichten stagniert weltweit, etwa 44 Prozent glauben, dass man den "meisten Medien meistens vertrauen kann". Während das allgemeine Vertrauen in Nachrichten in Österreich sinkt (von 45 Prozent im Jahr 2017 auf 41 Prozent), vertrauen die Österreicher ihrer hauptsächlich genutzten Nachrichtenquelle etwas mehr als im Vorjahr (53 auf 55 Prozent). Am stärksten ist das Vertrauen bei jenen Gruppen zurückgegangen, bei denen es in den letzten Jahren besonders hoch war. Bei politisch links orientierten Personen sank das Vertrauen um 7,1 Prozentpunkte, bei Anhängern der politischen Mitte um 6,8 Prozentpunkte. Die politisch rechts Orientierten verlieren – ausgehend von einem niedrigen Niveau im Vorjahr – kaum Vertrauen in die Medien (minus 0,8 Prozentpunkte). Besonders stark gesunken ist das Vertrauen bei Personen mit einem Haushaltseinkommen mit mehr als 45.000 Euro.

Facebook verwenden Nutzer zunehmend weniger, um Nachrichten zu finden und zu teilen – nach Jahren des kontinuierlichen Wachstums. In Österreich holen sich 30 Prozent ihre News über das soziale Netzwerk – vier Prozentpunkte weniger als im Jahr davor. In den USA war der Rückgang am stärksten: Die Nutzung von Facebook für Nachrichteninhalte sank um neun Prozentpunkte, bei jüngeren Gruppen sogar um 20.

Ein möglicher Grund dafür: Facebook hat kürzlich am Newsfeed-Algorithmus geschraubt – statt Nachrichten sollen Nutzer weniger News und mehr Inhalte von Freunden zu Gesicht bekommen. Der Großteil der Studie wurde allerdings vor der Newsfeed-Umstellung durchgeführt, auch wenn Facebook schon Ende 2017 mit neuen Algorithmen experimentierte.

Nutzer kritisieren zudem die mangelnde Diskussionskultur und die Unpersönlichkeit auf dem sozialen Netzwerk. Sie weichen auf Whatsapp und Instagram aus, die ebenfalls zum Facebook-Konzern gehören. 15 Prozent nutzen Whatsapp, um Nachrichten zu finden oder zu teilen. Besonders hoch ist die Nutzung in Ländern wie Malaysia (54 Prozent) oder der Türkei (30 Prozent), wo es gefährlich sein kann, in der Öffentlichkeit politische Aussagen zu tätigen. Auch Brasilianer (48 Prozent) und Spanier (36 Prozent) nutzen Whatsapp gerne, um Nachrichten zu teilen oder zu finden.

Auch wenn soziale Netzwerke für die Informationsbeschaffen unwichtiger werden, bevorzugen die meisten (65 Prozent) der weltweit Befragten, über einen Umweg auf Nachrichtenwebseiten zu kommen. 24 Prozent finden Nachrichten vor allem über Suchmaschinen, 23 über soziale Netzwerke, je 6 über E-Mail, mobile Benachrichtigungen oder Aggregatoren. 32 Prozent schlagen Nachrichtenseiten am liebsten direkt auf.

Adblocker benutzen 31 Prozent der befragten Österreicher, letztes Jahr waren es noch 23 Prozent. Nachdem die Nutzung von Werbeblockern vergangenes Jahr weltweit stagnierte, wird sie jetzt wieder beliebter: In den untersuchten Ländern blockierte jeder Vierte (27 Prozent) Onlinewerbung. Die Studienautoren führen das darauf zurück, dass Privatsphäre zunehmend wichtiger werde. Die meisten Adblocker verhindern schließlich auch, dass persönliche Daten gesammelt werden.

Die Bereitschaft, für Onlinemedien zu zahlen, ist in Österreich ebenfalls gestiegen – und zwar um 14,9 Prozent. Die absoluten Werte bleiben allerdings niedrig: Nur jeder zwölfte Österreicher hat im vergangenen Jahr für Onlinemedien bezahlt (8,5 Prozent), 2017 waren es 7,4. Gleichzeitig sind immer weniger dazu bereit, für gedruckte Tageszeitungen zu bezahlen. 56 Prozent der befragten Österreicher gaben an, sich in der vergangenen Woche eine Zeitung gekauft zu haben, zwei Prozentpunkte weniger als im Jahr davor.

In Norwegen (30 Prozent) und in Schweden (26 Prozent) ist die Zahlungsbereitschaft besonders groß. Das 21 Euro teure Digitalabo der Tageszeitung Aftenposten hat in Norwegen etwa 100.000 Abonnenten.

Mit Fake-News sehen sich die Österreicher wenig konfrontiert. Nur jeder Siebente (14 Prozent) hat angegeben, in der letzten Woche auf aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen frei erfundene Nachrichten gestoßen zu sein. Vier von zehn haben kürzlich Erfahrung mit "schlechtem Journalismus" gemacht, also sachliche Fehler, starke Vereinfachungen oder irreführende Überschriften entdeckt. Am häufigsten anzutreffen sind frei erfundene Nachrichten in der Türkei (49 Prozent), in Griechenland und in Malaysia (jeweils 44 Prozent).

38 Prozent der Befragten in Österreich machen sich Sorgen, dass es sich bei Nachrichten im Internet um Fake-News handeln könnte – was ebenfalls vergleichsweise wenig ist. Besonders hoch ist der Anteil in Brasilien (85 Prozent), Spanien, (69 Prozent), Frankreich (62 Prozent) und den Vereinigten Staaten. "Das sind alles Länder mit starker Polarisierung, in denen kürzlich zu Ende gegangene oder laufende Kampagnen zu Wahlen oder Referenden von Desinformation beeinflusst wurden", heißt es im Report.

Den Kampf gegen Desinformation sollen vor allem Medienunternehmen und Journalisten führen, drei Viertel (77 Prozent) der Österreicher sprechen sich dafür aus. 72 Prozent wollen, dass Technologieunternehmen wie Google und Facebook mehr unternehmen. Sechs von zehn (62 Prozent) wollen die Regierung in die Pflicht nehmen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in kaum einem Land so intensiv genutzt wie in Österreich. 82 Prozent der befragten Österreicher haben den ORF in der vergangenen Woche "offline" – also per klassischen Rundfunk – konsumiert, 41 Prozent online. Fünf Prozent nutzen online ausschließlich ORF.at.

74.000 Menschen befragt

Für den Digital News Report wurden dieses Jahr mehr als 74.000 Personen in 37 Ländern befragt. In Österreich ist die Universität Salzburg Partner des Reuters Institute, auch der STANDARD unterstützt das Projekt. (Text: Philip Pramer, Grafiken: Michael Matzenberger, 14.6.2018)