Rund um die Lenin-Statue vor dem Moskauer Luschniki-Stadion haben sich Fifa-Sponsoren breitgemacht. Es ist eine Sperrzone, Kapitalismus pur, Musik laut, bis 16. Juli. Dann wird wieder Ruhe einkehren.

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Saudi-Arabiens Star Mohammed Al-Sahlawi (31) hat 16 Tore in der WM-Qualifikation erzielt, acht davon gegen Osttimor.

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Der saudische Sportminister Turki Al Sheikh beim Training.

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Moskau – Wladimir Iljitsch Lenin würde sich im Mausoleum umdrehen. Rund 94 Jahre nach seinem Ableben hat der Fußballweltverband (Fifa) die 1933 errichtete Statue vor dem Moskauer Luschniki-Stadion vereinnahmt. Rund um sie haben sich die milliardenschweren Sponsoren breitgemacht, sie bieten in Containern oder auf Bühnen ihre Produkte zu überhöhten Preisen feil, es ist eine Sperrzone, Kapitalismus pur, Musik laut. Zur Beruhigung: Ab dem 16. Juli, dem Tag nach dem Endspiel, wird Lenin die Sicht nicht mehr verstellt sein, eine Fußball-WM kommt, eine Fußball-WM geht.

Moskau ist bereit und im Ausnahmezustand, das eine bedingt das andere. Die Sicherheitskontrollen sind strikt und überall, zum Beispiel in jeder Metrostation, es sind gefühlte 25.000. Hersteller von Metalldetektoren dürften auf Generationen ausgesorgt haben. Tasche auf, Tasche zu, Hände hoch, Hände runter. Laptop on, Laptop off. Ob ein Polizist beim Perlustrieren freundlich oder finster dreinschaut, funktioniert nach dem Zufallsprinzip, es gibt solche und solche. Wie auch bei den Perlustrierten.

Im Vergleich zu den vergangenen Weltmeisterschaften in Brasilien und Südafrika wurden mehrere Schaufeln nachgelegt. Die Ausgaben für den Sicherheitsaufwand werden auf vier bis fünf Milliarden Euro geschätzt. Wo der Fußball beginnt, wird die Freiheit eingeschränkt, das ist der Faszination, dem Wahnsinn des Spiels geschuldet.

Rauf und runter

Der Rote Platz war im Vorfeld meist abgesperrt, im Lauf der WM werden dort Konzerte stattfinden. Die U-Bahn ist übrigens ein Paradies für Rolltreppenfetischisten, echt viele, echt lange, da kann man ewig rauf und runter fahren. Russen sprechen nahezu ausschließlich Russisch, das aber perfekt. Die Wahrscheinlichkeit, eine oder einen des Englischen Mächtigen zu finden, liegt im Promillebereich, der Informationsfluss ist praktisch trockengelegt. Es wird aber durchaus freundlich angeschwiegen, mit den Schultern gezuckt. Der Volkssport ist sicher nicht Fußball. Um den ersten Platz streiten Eishockey und Das-Smartphone-Quälen, die Handymanie dürfte sich bereits durchgesetzt haben. Zumal man auf den Rolltreppen Zeit hat.

Das Luschniki-Stadion ist das Zentrum der WM. Es liegt in einer Grünanlage am Ufer der Moskwa. Hier wird eröffnet und auch finalisiert, insgesamt sieben Partien sind angesetzt. Es fasst 80.000 Zuschauer, wurde 1956 fertiggestellt. 2013 begann die radikale Renovierung, die jegliche Stimmung tötende Laufbahn wurde entfernt, der Umbau soll eine Milliarde Euro verschlungen haben.

Am Mittwoch um 13.15 Uhr saß Russlands Teamchef Stanislaw Tschertschessow im prall gefüllten Pressekonferenz-Saal, er trug einen orangefarbenen Kapuzensweater, besprach relativ ausführlich den nächsten Tag, das Match gegen Saudi-Arabien. Es hat in der WM-Historie von der Besetzung her gewiss aufregendere Auftaktpartien gegeben, es ist ein Treffen krasser Außenseiter. Saudi-Arabien, dessen Team auf "Grüne Falken" hört und zuletzt im Test gegen Deutschland achtbar 1:2 verlor, ist übrigens das erste zum asiatischen Verband gehörende Land, das beginnen darf.

Wollen und Müssen

Teamchef Juan Antonio Pizzi, ein in Argentinien geborener Spanier, fühlt sich am Bauch gepinselt. "Eine Ehre, die Welt blickt auf uns, wir wollen die Vorrunde überstehen." Tschertschessow will/muss das auch, die anderen Nationen in Gruppe A sind Ägypten und Uruguay. Russlands Cheftrainer machte mangels Alternative auf Optimist, die Sbornaja werde alles geben, mit Würde modernen Fußball spielen. "Die Stimmung ist gut, wir sind bereit. Wir gewinnen, weil wir es unbedingt wollen." Mit Kritik an zuletzt gezeigten Leistungen könne er leben. "Ich lese sie nicht." Er hoffe auf Unterstützung der Landsleute. "Sie wünschen mir Erfolg, nicht Glück. Erfolg ist im Russischen männlich, Glück weiblich." Saudi-Arabiens Topstar ist Mohammed Al-Sahlawi, der 31-Jährige erzielte 16 Quali-Tore, acht davon gegen Osttimor.

Das Spiel beginnt. "Russland hat den Mythos, nie erobert worden zu sein. Ab Donnerstag wird es erobert. Vom Fußball. Mit dem Anpfiff im wunderschönen Luschniki-Stadion wird der Fußball die Welt erobern", sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino, ohne dabei knallrot im Gesicht zu werden. Papst Franziskus war nicht zuletzt berufsbedingt weit bescheidener, hat der WM von Rom aus lediglich seinen Segen erteilt. "Möge dieses bedeutende Sportereignis Gelegenheit für Begegnung, Dialog und für Geschwisterlichkeit der Kulturen und verschiedenen Religionen sein, möge es die Solidarität und den Frieden fördern." Wladimir Iljitsch Lenin schweigt. (Christian Hackl aus Moskau, 13.6.2018)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen zum Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Russland:

Gruppe A – 1. Runde:

Russland – Saudi-Arabien (Moskau, Luschniki-Stadion, 17.00 Uhr/live ORF eins, SR Pitana/ARG)

derStandard.at tickert live: Hier geht's zum Liveticker Russland gegen Saudi Arabien

Russland: 1 Akinfejew – 14 Granat, 3 Kutepow, 4 Ignaschewitsch – 19 Samedow, 17 Golowin, 11 Sobnin, 18 Schirkow – 15 Al. Mirantschuk, 9 Dsagojew – 10 Smolow

Ersatz: 12 Lunew, 20 Gabulow – 2 Fernandes, 5 Semenow, 13 Kudriaschow, 23 Smolnikow, 6 Tscheryschew, 7 Kusjajew, 8 Gasinski, 16 An. Mirantschuk, 21 Jerochin, 22 Dsjuba

Teamchef: Stanislaw Tschertschessow

Saudi-Arabien: 1 Al-Muaiouf – 13 Al-Shahrani, 3 Os. Hawsawi, 5. Om. Hawsawi, 2 Al-Harbi – 14 Otayf, 17 Al-Jassam – 19 Al-Muwallad, 8 Al-Shehri, 18 Al-Dawsari – 10 Al-Sahlawi

Ersatz: 21 Al-Mosailem, 22 Al-Owais – 4 Al-Bolayhi, 6 Al-Burayk, 9 Bahbir, 23 M. Hawsawi, 7 Al-Faraj, 11 Al-Khaibri, 12 Kanno, 15 Al-Khaibari, 16 Al-Moqahwi, 20 Asiri

Teamchef: Juan Antonio Pizzi (ARG)