Touristen im Stephansdom: ein Besuch im Zentrum des Zentrums, der auch während der Messfeiern möglich ist.

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Michael Hausenblas ist ein City-Bewohner, wie es ihn öfters geben sollte. Kosmopolitisch, gebildet, offen für Neues, stilvoll. Und offenkundig im Besitz einer bezahlbaren Wohnung. Von diesen gibt es tatsächlich immer weniger und da tröstet es nicht, wenn man die globale Attraktivität von Wien für Investoren und Besucher als Argument anführt. Bei der Unterkunftssuche ist einem das Wohnungshemd näher als der Standortrock.

Stellvertretend für die Befürchtung, dass der Mittelstand aus attraktiven Innenstadtlagen gedrängt wird, kommt oft der Tourismus als Symbol einer Globalzentrifizierung in die Ziehung. Daher hat die Diskussion über "Overtourism" nun auch Österreich erreicht. Wir sind ja im Tourismus in der postmodernen Brechung angekommen – es gibt 1,3 Milliarden Reisende weltweit, aber natürlich ist keiner mehr ein Tourist, Touristen sind immer die anderen. Und keine Frage, in vielen Städten sind die Grenzen der Belastbarkeit überschritten, manchmal durch die Zahl und das Verhalten der Gäste selbst, in Großstädten meist aber durch schnelle Geschäftemacher und Abzocker – oft im öffentlichen Raum.

Im Vergleich zu anderen europäischen Städten hat Wien kein Overtourism-Problem. Ein wichtiger Indikator ist die Tourismus-Dichte, also die Nächtigungen pro Einwohner. Sie liegt in Wien bei acht, einem guten europäischen Mittelwert. Selbst wenn alle 66.000 Wiener Hotelbetten und die zusätzlichen Privatzimmer und -wohnungen voll ausgelastet sind, sind diese Besucher für die Infrastruktur der Stadt kaum spürbar. Da hilft auch, dass Otto Wagner die Stadt in optimistischen Zeiten für vier Millionen Einwohner ausgelegt hat. Und schließlich findet auch die Mehrzahl der Wiener, dass der Tourismus, der im Jahr immerhin 3,7 Mrd. Wertschöpfung bringt und über 90.000 Arbeitsplätze sichert, gut für Wien ist. Wien-Tourismus monitort das ganze Jahr über die Stimmung bei Herrn und Frau Wiener. Und über alle Bezirksgrenzen hinweg gibt es mit 96 Prozent eine überwältigende Zustimmung zum Tourismus.

Aufdringliche Verkäufer

Kritisch betrachtet werden allerdings aufdringliche Straßenverkäufer, die Zunahme der Zahl der Souvenirshops oder Rikschas & Co. Kurz, die Verramschung des öffentlichen Raums. Hier gibt es Tendenzen in die falsche Richtung, und über kurz oder lang wird man kluge Lösungen zwischen "Laisser-faire" und "Law and Order" finden müssen.

Aber in Ermangelung wirklicher Dramatik manifestiert sich in Wien 1 die veröffentlichte Meinung zum Thema "Overtourism" in Begriffswolken wie "zu viele Leut'", "die falschen Leut'" oder "warum überhaupt Leut'?". Sehr wienerisch, bringt uns aber nicht weiter.

"The Vienna that never was is the grandest city ever", hat Orson Welles die Gemütslage der Wiener in den modrigen 60er-Jahren charakterisiert. Ein Bild von der Stadt, die so niemals existiert hat, wird zum Beleg dafür, dass alles schlechter wird. Kennen wir vom Naschmarkt und eben auch vom ersten Bezirk. Bei aller Nostalgie ist mir nicht klar, auf welches Innenstadtbild man sich einigen soll: Ist es das Nachkriegswien der 50er- bis 70er-Jahre, in denen die Trottoirs um 18 Uhr hochgeklappt wurden, man zum Shoppen nach München fahren musste und Jugend an sich verdächtig war?

Blinddarm Westeuropas

Sicher ging es damals in einer schrumpfenden Stadt im Blinddarm von Westeuropa kommoder zu: weniger Leute, weniger Ausländer und viel mehr Parkplätze, die bei manchen bis heute das Wichtigste im Zentrum einer beinahe zwei Millionen Menschen zählenden Stadt zu sein scheinen.

Oder aber – träumen wird man ja noch dürfen – die Innenstadt, wie sie bis in die frühen 30er- Jahre existiert hat? Ein mondäner Standort sogenannter Weltstadtkaufhäuser wie Zwieback und Neumann auf der Kärntner Straße, Goldman & Salatsch am Michaelerplatz oder Haas & Söhne und Jacob Rothberger am Stephansplatz? Aber Achtung: Damals lebten 70.000 Menschen im Ersten, Fußgängerzonen unbekannt, die Straßenbahn zum Neuen Markt und ein paar Buslinien die einzigen Verkehrsmittel. Also auch nix mit Schlendern. Und kommerziell war es auch noch, jede Feuermauer, jeder freie Platz auf den Fassaden voller Reklame.

Goldenes Wienerherz

Dieser Innenstadt hat das goldene Wienerherz gezeigt, wozu es fähig ist. Was 1938 mit den Plünderungen und Diebstählen des Mobs begann, wurde 1945 vollendet, als beim abermaligen Plündern und Brandschatzen, ausgehend von Haas & Söhne, auch gleich der ganze Stephansplatz samt Dom in Flammen aufging. Ganz ohne Fliegerbomben.

Welcher erste Bezirk darf es nun sein? Ich für meinen Teil bin mit dem Ersten des Jahres 2018 nicht unglücklich. Er gibt etwa 115.000 Menschen Arbeit und generiert allein im Goldenen U mehr als die Hälfte der Shoppingumsätze von Ländern außerhalb der EU in Wien. Ein passabler Anteil, wenn man bedenkt, dass in Wien mehr als 60 Prozent der gesamten Non-EU-Shopping-Umsätze Österreichs getätigt werden.

Natürlich müssen wir auf unser Zentrum besonders gut aufpassen, kuratieren und manchmal auch Unfug vermeiden. Bewusstsein schaffen, dass es die Hausbesitzer selbst in der Hand haben, welchen Shop sie im Erdgeschoß einmieten, und damit zur Auf- oder Abwertung des Grätzels beitragen können. Und bei allem marktwirtschaftlichen Denken auch einen ordnungspolitischen Rahmen schaffen. Der Wien-Tourismus sieht sich als Partner all jener, die sich für den Ersten einsetzen. Nicht alleinig die Gäste der Stadt, auch ihre Einwohner und Wirtschaftstreibenden erkennen wir als wichtige Zielgruppe.

Beim derzeit vieldiskutierten Thema Overtourism dürfen wir eines nicht vergessen: In Wien ist es allein schon deswegen etwas voller geworden, weil die Stadt in den vergangenen 15 Jahren etwa um die Einwohnerzahl von Graz gewachsen ist.

6000 vornehme Leut'

Lotte Tobisch hat einmal gesagt: "6000 wirklich vornehme Leut' findet man auf der ganzen Welt nicht mehr." Würden nur diese den Ersten bewohnen oder besuchen, wäre es dort ganz schön ausgestorben. Was wünschen wir uns für das Zentrum der Weltstadt Wien? (Norbert Kettner, 14.6.2018)