Messi, der exzellente Freistoßschütze.

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Messi, der geniale Vollstrecker.

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Messi, der Chef der Albiceleste.

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St. Petersburg – Als Lionel Messi weit nach Mitternacht in den Mannschaftsbus stieg, befanden sich seine Mitspieler schon längst im Partymodus. Völlig ausgelassen besangen die Gauchos auf dem Weg zum Flieger ihre "Wiederauferstehung", das geglückte "Weltwunder" bei der WM löste sämtliche Anspannung. "Den Cup zu gewinnen, das lieben wir so sehr", trällerten Messi und Co freudetrunken – aber Vorsicht ist geboten.

"Weltwunder"

Denn zu große Euphorie sollte das schmeichelhafte 2:1 (1:0) gegen Nigeria und der gerade noch geglückte Einzug in das Achtelfinale nicht auslösen. Zwar feierten Spieler und Fans den Triumph wie den dritten Titelgewinn der Verbandsgeschichte, "seine fußballerische Schuld hat Argentinien mit diesem Auftritt aber noch nicht beglichen", analysierte die Tageszeitung "Olé" ganz richtig und bezeichnete den Ausgang daher als "Weltwunder".

Von einem "Befreiungsschrei der Seele" titelte "Diario Popular" nach den "angstvollsten 90 Minuten bei einer WM" ("La Nación"), in der den Südamerikanern laut "Clarin" jedoch "die erlösende Wiederauferstehung" gelang. Der Grund? "Weil Messi zum rechten Zeitpunkt in Erscheinung trat."

Alleinunterhalter Messi

Tatsächlich, und auch das sollte den Argentiniern Sorge bereiten, war der Erfolg mal wieder verdammt eng mit ihrem kleinen, großen Star verbunden. Messi glich in der Offensive einem Alleinunterhalter, die Führung (14.) erzielte er mit einem Geniestreich: die schwierige Ball-An- und -Mitnahme sowie der sehenswerte Abschluss waren eine fließende Bewegung. Während Diego Maradona auf der Tribüne (nicht nur) diesen Moment für seine peinliche Selbstinszenierung nutzte, bejubelte Messi sein Tor mit ausgestreckten Armen und dankendem Blick gen Himmel.

"Gott stand uns bei", sagte der 31-Jährige später. "Er wollte uns nicht außen vor und aus dem Turnier gehen lassen." Neben höheren Mächten und Messi war für den wegweisenden Sieg auch Marcos Rojo mit dem entscheidenden Treffer (86.) verantwortlich. "Danke Jungs! Und Rojo, ich liebe dich", twitterte der argentinische Staatspräsident Mauricio Macri.

Auch Messi nutzte noch einen seltenen Moment der Ruhe, um seinen Gefühlen in den sozialen Netzwerken Ausdruck zu verleihen. Unter jenes Bild, das ihn bei seinem Torjubel zeigte, schrieb er in Richtung der Fans voller Pathos: "Ich danke euch für diesen Wahnsinn, den ihr bei jedem Spiel veranstaltet. Es gibt nichts Schöneres, als Argentinier zu sein – in guten wie in schlechten Zeiten."

Versöhnliche Worte von Sampaoli

Dass diese schlechten Zeiten noch nicht überwunden sind, darüber konnte auch der ohrenbetäubende Jubel nicht hinwegtäuschen. Denn als sich die Mannschaft vor den Augen zehntausender blau-weißer Fans noch auf dem Feld in den Armen lag, fehlte einer: Trainer Jorge Sampaoli.

Der 58-Jährige, der nicht nur in diesem Moment vergessen und verloren wirkte und nach der WM wohl seinen Platz räumen wird, stimmte allerdings versöhnliche Worte an. Vor allem in Richtung Messi, der neben Rekordnationalspieler Javier Mascherano als sein größter Gegenspieler gilt. "Wir haben den besten Spieler der Welt in unseren Reihen, und es liegt an uns, das auszunutzen", sagte Sampaoli.

Bilder am Ende der Halbzeitpause legen nahe, wie wenig Einfluss der Coach auf das Team noch hat. Messi versammelte seine Mitspieler beim Gang zurück in den Innenraum noch einmal um sich und gab Anweisungen – Sampaoli war weit und breit nicht zu sehen.

Am Samstag gegen Frankreich, da dürften sich alle einig sein, muss mehr kommen, um das große Ziel zu erreichen. "Messi und ich", sagte Sampaoli, "wir haben denselben Traum: etwas Besonderes in Russland zu erreichen." (sid, 27.6.2018)