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Je nachdem, in welchem Jahrzehnt Sie Ihre Kindheit verbrachten, haben Ihre Eltern Sie mit unterschiedlich hohen Geldbeträgen zum Freibadbuffet geschickt, um Eis am Stiel zu kaufen. Im Sommer 1960 kostete die teuerste Sorte drei Schilling; zwanzig Sommer später konnten Sie bereits 15 Schilling für ein einzelnes Eis ausgeben – vorausgesetzt, Sie befanden sich in einem Freibad, das Eis vom unangefochtenen Branchenführer Eskimo (siehe Wissen) vertrieb und sich an dessen Preisempfehlung hielt.

Die Eskimo-Eiskarten sind nicht nur für eine Aufstellung der Alltagskosten interessant, sondern sagen auch viel über die Reklameästhetik zwischen 1960 (links) und 2019 (rechts) aus.

Die Tafeln mit den Eispreisen, die seit Jahrzehnten in Freibadbuffets und in der Nähe vieler Supermarktkassen aufgestellt sind, erlauben eine lückenlose Dokumentation von Alltagskosten, wie sie in Österreich sonst kaum ein Produkt oder eine Dienstleistung über mehr als ein halbes Jahrhundert zulässt. Deshalb haben wir alle Preisempfehlungen für die acht populären Sorten Eskimo -Becher (eingeführt 1960), Nogger (1965), Cornetto (1966), Jolly (1967), Twinni (1968), Brickerl (1973), Combino (1975) und Ma gnum (1990) gesammelt, um daraus einen Konsumkostenindex zu erstellen.

Günstiges, teures Magnum

Die Eispreise wurden in den vergangenen 60 Jahren je nach Sorte durchschnittlich alle drei bis vier Jahre erhöht. Die häufigsten Erhöhungen erfuhr das Ma gnum (alle 2,3 Jahre), die wenigsten das Combino (alle 4,1 Jahre). Auch das mittlere Ausmaß einer Preiserhöhung ist sortenabhängig und kann zwischen vier (Jolly) und neun Cent (Magnum) betragen.

In absoluten Beträgen zog der Preis des Magnum – mit einem globalen Verkaufserlös von jährlich mehr als 2,5 Milliarden Euro das beliebteste Stieleis der Welt – von 1990 (15 Schilling oder 1,09 Euro) bis 2019 (zwei Euro) besonders an.

Setzt man aber das Einführungsjahr aller Sorten auf einen gemeinsamen Startpunkt, dann hat sich das an Erwachsene gerichtete Magnum zumindest prozentuell am wenigsten ver teuert. Im dreißigsten Jahr seines Bestehens kostet es rund 183 Prozent des Einführungspreises.

Der Eskimo-Becher, der in verschiedenen Geschmacksrichtungen seit 1980 auch unter dem Sortennamen Cremissimo firmiert, kostete nach dreißig Jahren schon 333 Prozent des Einführungspreises (ein Sprung von drei auf zehn Schilling); bis heute ist sein Preis auf 780 Prozent geklettert.

Die Gesamtteuerung der Eislutscher weicht in Summe nur wenig von der allgemeinen Inflation ab. Einzelne Sorten lagen aber durchaus unter oder über dem Verbraucherpreisindex. So überflügelt der Eskimo-Becher seit Anfang der 2000er-Jahre die Inflationsrate, das Combino entspricht ihr fast exakt, das Cornetto blieb deutlich darunter.

Mehr Eis pro Arbeitsstunde

Weitaus stärker hat sich vor allem bei länger bestehenden Sorten die relative Abweichung zum Einkommen entwickelt (siehe Grafiken unten). Der erwähnten Verteuerung des Eskimo-Bechers auf 780 Prozent des Einführungspreises steht eine Erhöhung eines durchschnittlichen Nettoeinkommens auf 1760 Prozent gegenüber: 1960 verdiente ein Vollzeitarbeitnehmer im arithmetischen Mittel – Medianwerte stehen so weit zurück nicht zur Verfügung – laut einer Wirtschaftskammer -Erhebung auf Basis von Statistik-Austria-Zahlen umgerechnet 1752 Euro netto pro Jahr. 2017 waren es 30.840 Euro.

Oder anders gerechnet: Einem Facharbeiter in der Bauindustrie stand 1960 ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 9,10 Schilling brutto zu, das waren netto rund 7,80 Schilling. Davon konnte sich der Arbeiter rechnerisch 2,6 Eskimo-Becher zu je drei Schilling leisten. 2018 lag der Mindestlohn für Facharbeiter auf dem Bau bei stündlichen 14,20 Euro brutto, das sind netto rund 9,90 Euro. Davon gehen sich rechnerisch 5,8 der Becher zum heutigen Preis von 1,70 Euro aus.

Vom Luxus zum Impulskauf

Ein bisschen muss die ganze Rechnung aber relativiert werden, denn es sind nicht alle Sorten gänzlich stabil im Volumen geblieben. So wurde das zum Beispiel das Brickerl bei stetiger Verteuerung etwas verschlankt.

Davon abgesehen sind industriell hergestellte Eislutscher in jedem Fall teurer geworden, viel teurer als die drei Schilling, die manche in nostalgischer Erinnerung mit dem Freibadbesuch in den 1960ern verknüpfen. Noch stärker sind aber die Löhne und Gehälter gestiegen, sodass Eis am Stiel für viele vom kleinen Luxus zwischendurch zum schnöden Impulskauf geworden ist. (Michael Matzenberger, 13.7.2019)