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Vegane Aktivisten machen im Fleischfresserparadies Frankreich mit Kunstblut von sich reden – es wurden auch schon Fleischhauerbetriebe attackiert.

Foto: imago/CrowdSpark

Es lebe die Blanquette!": Dieser Aufruf eines Publizisten zugunsten eines Klassikers der französischen Küche – einer Art Kalbsragout – zeigt, wie emotional die Debatte über die Causa der Tiere bei uns geführt wird. Ein radikaler Flügel der "Antispecisten" (Leute, die sich weigern, Menschen höher als andere Tiere zu stellen) hat binnen kürzester Zeit maximale Aufmerksamkeit damit errungen, dass vermummte Militante die Vitrinen von Fleischhauern einschlugen und mit künstlichem Blut bespritzten. Und heuer sollten die Kandidaten bei der französischen Matura über eine "Erklärung der Tierrechte" dissertieren.

In Frankreich hatte es bis 2015 gedauert, bis das Zivilrecht Tiere nicht mehr als "bewegliches Gut", sondern als empfindsame Wesen anerkannt hat. Inzwischen schlägt die Philosophin Corinne Pelluchon vor, die einst weißen Männern vorenthaltenen Rechte, die mit der Zeit auch Frauen, Exkolonisierten und sexuellen Minderheiten zugesprochen wurden, im Interesse der Menschheit auf die Tiere auszuweiten.

Zunehmende Begeisterung

Obgleich Frankreich nur fünf Prozent Vegetarier und kaum ein Prozent Veganer zählt, erfolgt diese schnelle Veränderung der Mentalität doch gerade zu einer Zeit, in der die öffentliche Hand ihr Engagement für die Umwelt verstärkt. Nach seiner Wahl zum Präsidenten hat Emmanuel Macron Nicolas Hulot, einen berühmten Fernsehjournalisten, zum Minister der "Ökologischen Wende und Solidarität" berufen. Hulot bedient sich gerne überspitzter Formulierungen: Er beschreibt zum Beispiel den Menschen als "Massenvernichtungswaffe gegen die Umwelt".

Obwohl die Medien schon oft von seinem bevorstehenden Rückzug unter dem Druck industrieller Lobbies berichteten, hat Hulot einige Resultate vorzuweisen. Das für das Bienensterben verantwortliche Glyphosat konnte er zwar noch nicht verbieten lassen. Dass Paris zunehmend auf erneuerbare Energien setzt, um möglichst bald den Anteil der Atomkraft auf 50 Prozent (!) zu reduzieren, ist jedoch sein Verdienst. Die Regierung hat auch den seit Jahren umstrittenen Bau des Flughafens Notre-Dame-des-Landes untersagt; alle öffentliche Schulen – wo viele Kinder in der Kantine ihre einzige echte Mahlzeit erhalten – sind dazu verpflichtet, 20 Prozent Bioprodukte anzubieten. Im kommenden Herbst will der Minister die Umwelt in den ersten Artikel der Verfassung aufnehmen lassen, insbesondere den Kampf gegen die Klimaerwärmung und den Schutz der Biodiversität.

Politisch waren Umweltbewegungen im Hexagon immer schwach. Bei Präsidentschafts- wie Parlamentswahlen haben sie nie vier Prozent überschritten, etwa ein Drittel der besten Ergebnisse der österreichischen Grünen. Wenn sich die Heimat der Aufklärung und des Positivismus nunmehr derart für diese Themen begeistert, dann wohl angesichts der zunehmenden Schäden, die unsere Industriegesellschaften der Erde zufügen: Die Flüchtlingsströme aus Afrika sind auch auf die sich beschleunigende Erschöpfung der natürlichen Ressourcen zurückzuführen.

Soll man daher im 21. Jahrhundert vom "Ökozid" sprechen, wie man im letzten noch vom Genozid gesprochen hat? Soll man Menschenrechte auf die Umwelt ausdehnen, sogar im Namen von Bäumen und Flüssen vor Gericht ziehen? Fragen, die im Zentrum der internationalen Konferenz "The Right Use of the Earth" (Der richtige Gebrauch der Erde) Ende Mai an der Pariser École Normale Supérieure (ENS) standen. Eine der Keynote-Sprecherinnen war die amerikanische Anthropologin Anna Tsing, Autorin eines Buches über die Zusammenarbeit von Menschen und Nichtmenschen im Postkapitalismus ("Der Pilz am Ende der Welt", Matthes & Seitz, 2018). Tsing bricht mit der dystopischen Sicht mancher Intellektueller, zum Beispiel von Bruno Latour, der auch an der Konferenz teilnahm.

"Wir sind die Natur, die sich verteidigt", riefen die Besetzer von Notre-Dame-des-Landes den Polizisten entgegen. Einzelne Kommentatoren mögen ironisch meinen, die Grünen "verteidigen nicht den Planeten, sondern nur Frösche" – doch diese Fragen interessieren die Öffentlichkeit genauso wie die Experten. Sogar Larry Fink, Chef der Investorengruppe Black Rock (6000 Milliarden Dollar schwer), ermahnt die Bosse multinationaler Konzerne, die ökologischen Auswirkungen ihrer finanziellen Entscheidungen zu beachten.

Bei der Pariser Konferenz haben hochkarätige Juristen das Thema ausführlich diskutiert. Laut dem Argentinier Jorge Viñuales, dem renommierten Professor in Cambridge, hat sich das Umweltrecht rund um das Unternehmensrecht entwickelt. Unternehmen sind in dem Bereich keinerlei "Ergebnis" legal verpflichtet und begnügen sich meist damit, vorzuweisen, dass sie brav einen Teil ihres jährlichen Budgets der Umweltfrage gewidmet haben.

Für Mireille Delmas-Marty, Professor am Collège de France, bewegen wir uns von einer "statischen und statutarischen Vision" des Rechtes in Richtung einer ethisch beeinflussten "relationellen Vision". Wie alles Lebendige ist auch das Recht "zusammengebastelt", unsere Aufgabe ist es, wirtschaftliche Entwicklung und globale Perspektive unter einen Hut zu bringen.

Dem Recht der Umwelt, wie es die westliche juristische Tradition vorsieht, wird manchmal ein Recht "auf eine gesunde und intakte Umwelt" entgegengesetzt. Dieses Konzept wird von Begriffen wie Harmonie mit der Natur, Multikulturalismus und "Commongood" mitbeeinflusst. Laurent Neyret, der über Auswirkungen von Ölteppichen gearbeitet hat, unterstreicht die Ambivalenz des Begriffs Ökozid – auf die "Menschwürde" berufen sich etwa auch Anhänger wie Gegner der Euthanasie. Die Umwelt ist jedenfalls ein Rechtsgebiet, sagt Neyret, "bei dem man sich kein Verbrechen leisten kann".

"Es gibt nicht nur eine einzige Interpretation des Eigentumsrechtes", schreibt ein Richter des interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofes. Dieses Gericht in Costa Rica entwickelt seit 2001 eine Jurisprudenz rund um die Forderungen der indigenen Bevölkerungen. Der Argentinier Cosimo Gonzalo Sozzo hat erläutert, wie Begriffe wie "Good Life" und "nachhaltige Entwicklung" das Verfassungsrecht in Lateinamerika beeinflussen. Ecuador, Bolivien und Mexiko haben die Rechte der Natur in die Verfassung aufgenommen.

Ethische Verantwortung

Einige Länder gehen sogar noch weiter: Das neuseeländische Parlament hat 2017 die Rechte "natürlicher Wesen" nach einem Konflikt rund um den für die Urbewohner heiligen Fluss Whanganui anerkannt. Was als lokale Bewegung gegen eine Mine begonnen hat, erlangte internationale Bedeutung, erklärt Linda Te Aho von der Universität Waikato. Noch eindrucksvoller ist die Entscheidung des indischen Uttarakhand im selben Jahr, dem Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus, den Status einer moralische Person und lebenden Wesens zu geben – mit allen dazugehörigen Rechten.

Statt von einem hypothetischen und ebenso problematischen "Weltrecht" der Umwelt zu träumen, will Alain Supiot vom Collège de France lieber eine Ethik der Verantwortung unterstreichen: Seiner Ansicht nach ist dies der einzige Weg, den Widerspruch zwischen einem "humanistischen" Recht und einer "animistischen" Logik zu überwinden.

Um die Problematik zu ermessen, lässt sich ein Beispiel von Menschen heranziehen und auf das heikle Thema Abtreibung blicken, bei dem einander Pro-Life und Pro-Choice erbarmungslos bekämpfen. Niemand, nicht einmal die Franzosen, wird diese große Baustelle umgehen können. (Joëlle Stolz, 6.7.2018)