DER STANDARD

Die Seenotrettung im Mittelmeer wird nun nicht mehr bloß verbal verunglimpft, sondern aktiv verhindert – Schiffe werden am Auslaufen gehindert, Flugzeuge am Boden gehalten, Kapitäne und Crews festgesetzt und angeklagt. Das läuft auf eine faktische Politik des Ertrinkenlassens hinaus, die aber kommunikativ vorbereitet wurde, indem Flüchtlinge, Elende und Migranten zuvor aktiv entmenscht wurden: Sie kommen nicht mehr als Individuen vor, sondern nur als Masse, Horde, Invasoren.

Die Sprache der Verrohung ist stets die Vorbedingung der Rohheit. Es beginnt mit dem Satz "Je mehr man rettet, umso mehr kommen doch", kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" dieser Tage, und all das gipfelt längst in der Ungeheuerlichkeit, dass es mittlerweile zur Frage, ob man Menschen retten oder absichtlich ertrinken lassen soll, zwei Meinungen gibt.

Pluralismus, 2018-Style. Was früher humanistischer Konsens war, ist heute "linksgrünversiffter Moralismus", nämlich dass es über so manches zwei Meinungen geben darf, aber nicht über die Frage, ob man jemanden, der um Hilfe ruft, ertrinken lassen oder besser vor dem Ertrinken retten soll. Wenn Humanismus und Menschenrechte als "linke Propaganda" erscheinen, zeigt das nur, wo der rechte Rand mittlerweile angelangt ist. (Robert Misik, 8.7.2018)