Im Winter 2016 reisten über das steirische Spielfeld Flüchtlinge nach Österreich ein. Zum Wir dazu gehören sie für weniger als die Hälfte der Befragten einer STANDARD-Umfrage.

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Linz – 87 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten meinen, dass es "wichtig" (49 Prozent) oder sogar "sehr wichtig" (weitere 38 Prozent) wäre, "dass es ein Wir-Gefühl im Land gibt, also ein Bewusstsein von Nähe, Solidarität und Gemeinschaft". Das geht aus einer Market-Umfrage für den STANDARD hervor.

Sie zeigt, dass dieser Wunsch in Österreich erheblich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland, wo bei einer Infas-Umfrage im Vorjahr nur 56 Prozent das Wir-Gefühl für wichtig oder sehr wichtig gehalten hatten. Ähnlich wie in Deutschland sind in Österreich 63 Prozent der Meinung, dass das Wir-Gefühl stärker werden sollte.

Konservative Sehnsucht nach Nähe

Besonders die erklärten Anhänger der Koalitionsparteien äußern diese Sehnsucht. Allerdings: Wenn man nachfragt, wer denn aller zu dieser Wir-Gemeinschaft gezählt wird, ergeben sich erhebliche Auffassungsunterschiede.

Dazu wurden zwei Fragen gestellt, nämlich nach den persönlichen Assoziationen zum Wir und nach Personengruppen, die allenfalls dazugehören sollten oder eben nicht.

Beim Begriff "Wir" denkt man zuerst an "mein Heimatland Österreich" – das nennen 68 Prozent der heimischen Befragten. Von den deutschen Befragten nannten 78 Prozent ihr "Heimatland Deutschland".

An zweiter Stelle kommt die Familie (63 Prozent), 54 Prozent nennen den Freundes- und Bekanntenkreis, 38 Prozent den Wohnort, ebenso viele das Bundesland. Für 33 Prozent gehört die Nachbarschaft zum Wir. Europa nennen nur noch 29 Prozent – von den deutschen Befragten hatten dagegen 68 Prozent Europa zum Wir dazugerechnet.

Deutsche sehen das anders

Market-Institutschef David Pfarrhofer: "In Deutschland wird Gemeinschaft offenbar viel intensiver, aber auch breiter gesehen als bei uns. Dort erreichen sowohl Familie und Freunde Werte über 90 Prozent – gleichzeitig ist die Hälfte der Befragten dort bereit, die ganze westliche Welt als Wir zu bezeichnen, bei uns tun das nur 13 Prozent der Befragten. Wir haben zusätzlich auch die EU und die deutschsprachigen Länder als Dimensionen des Wir-Gefühls zur Auswahl gestellt – aber da auch nur Zustimmungen von 23 beziehungsweise 15 Prozent Zustimmung erhalten."

Auch "die christliche Welt" wird nur von 23 Prozent – überdurchschnittlich oft von ÖVP-Wählern und älteren Befragten – genannt.

Wer aller nicht dazugehört

Die zweite Frage, jene nach zum Wir gehörenden Personengruppen, ist in der Grafik aufgeschlüsselt. Hier ging es vor allem darum, welche Personen explizit nicht dazugehören.

Dabei zeigt sich, dass Homosexuelle in Österreich auf weniger Ablehnung stoßen als in Deutschland, wo sie beinahe von jedem fünften Befragten ausgegrenzt werden. In Deutschland werden auch Menschen mit anderer politischer Einstellung und mit gänzlich anderem Lebensstil vielfach nicht zum Wir gerechnet.

Umgekehrt werden Ausländer und Migranten sowie Flüchtlinge in Österreich von weniger als der Hälfte der Befragten explizit zum Wir dazugerechnet, aber von je mehr als einem Drittel der Befragten vom Wir ausgegrenzt. (Conrad Seidl, 9.7.2018)