Massenhaftes Auftreten von Vögeln führt immer wieder zu spektakulären Bildern.
Foto: The Southwest Times Record, Kaia Larsen, File/AP/dapd

Basel – Betrachtet man die Klasse der Vögel in ihrer Gesamtheit, kommt man von einem Superlativ zum nächsten: Über 10.000 Vogelarten gibt es (zum Vergleich: Säugetiere nur etwa 6.300), nach neueren Definitionen der Artengrenze wären es sogar fast 20.000. Die Individuenzahl kann natürlich nur grob geschätzt werden – eine Berechnung britischer Forscher, die seit mittlerweile 20 Jahren immer wieder zitiert wird, spricht von 200 bis 400 Milliarden Vögeln weltweit.

Solche Massen haben naturgemäß große Auswirkungen auf das Ökosystem. Einen Aspekt hat sich nun ein internationales Forscherteam um Martin Nyffeler von der Universität Basel herausgegriffen: In ihrer Studie, die im Magazin "The Science of Nature" veröffentlicht wurde, versuchten Biologen aus der Schweiz, den USA und der Türkei zu errechnen, wie groß die Menge an Insekten, Spinnen und anderen Gliederfüßern ist, die von Vögeln vertilgt werden.

Summa summarum

Hochgerechnet aus Zahlen, die in 103 Studien über insektenfressende Vögel aus sieben großen Biomen der Erde erhoben worden waren, kommen die Forscher auf eine Masse von 400 bis 500 Millionen Tonnen pro Jahr. Diese Zahl ist nicht nur schwindelerregend hoch – sie wirkt auch verblüffend bekannt: Sie entspricht nämlich ziemlich genau der Menge an Fleisch und Fisch, die die Menschheit laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) pro Jahr verzehrt.

Dem stehe ein bemerkenswert niedrige Biomasse gegenüber: Die Insektenfresser unter den Vögeln (etwa 6.000 Spezies) kommen laut der Studie nur auf eine Gesamtmasse von etwa drei Millionen Tonnen. Das liege daran, dass sie nur einen Bruchteil der durch Nahrung gewonnenen Energie in Wachstum umsetzen können – den Löwenanteil würde ihr agiler Lebensstil buchstäblich verbrennen.

Und all diese Massen kommen über kleine Einzelmahlzeiten wie die hier im Bild zustande: Eine Blaumeise füttert ihren Nachwuchs mit einer Käferlarve.
Foto: Maurice Baker

Und noch einen Vergleich hatten die Forscher parat: Der jährliche Energieverbrauch der insektenfressenden Vögel entspreche mit 2,8 Exajoule dem einer Megacity à la New York. Drei Viertel der globalen Insektenschlemmerei entfallen übrigens auf Waldbewohner – alle anderen Lebensräume von der Savanne bis zur Tundra machen zusammengerechnet nur etwa 25 Prozent aus.

Nyffeler betont, dass Vögel durch ihre schiere Menge ein bedeutender ökologischer Faktor sind: Sollten ihre Bestände schwinden, käme es zur massenhaften Ausbreitung von Insekten – nicht zuletzt solchen, die die Landwirtschaft schädigen. Und auch wenn das der eigentliche Hauptaspekt ist, fasziniert die Studie doch auch über die Magie der großen Zahlen. Und noch eine letzte ist darin als Vergleichsgröße enthalten: Eine Tiergruppe dürfte die Vögel nämlich noch übertreffen – wie Nyffeler in einer früheren Studie errechnete, verputzen Spinnen pro Jahr eine Insektenmasse von bis zu 800 Millionen Tonnen. (jdo, 15. 7. 2018)