Zagreb badet.

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Zagreb – Die Popcorns und die Chips knistern und knacksen zwischen den Zähnen. Viele sind hier am Platz der Blumen, im Herzen von Zagreb so aufgeregt, dass sie sich unentwegt Knuspergebäck in den Mund schieben und dabei gebannt auf den Bildschirm starren. Als der Star der Kroaten, Luka Modrić, auf dem Screen auftaucht, klatschen alle. Modrić steht auch auf vielen T-Shirts, die die Leute hier tragen.

Wie das Match ausgehen wird? Der Mann, der in der ersten Reihe beim Public Viewing sitzt, ist sich der Sache ganz sicher: "Wir gewinnen 2 zu 1, zuerst schießen die Engländer ein Tor, und dann kommt der Ausgleich. Und dann schießen wir noch eines." Woher er das weiß? "Meine Frau hat das alles heute Nacht geträumt", eröffnet er mit größtem Selbstverständnis die Quelle seines Geheimwissens. Als die Briten nach nur fünf Minuten ein Tor schießen, scheint sich zumindest der erste Teil von Marios Traum zu erfüllen.

Ein kleines Land

In Zagreb wird schon seit Stunden gesungen, geschrien, werden Flaggen geschwungen und wird gebangt. Im Radio wird gefragt, wie es sein kann, dass ein so kleines Land mit nur vier Millionen Einwohnern es bis ins Semifinale schafft. Eine Antwort wissen auch die Kroaten nicht. Aber allein die Tatsache, dass sie es bis hierher geschafft haben, führt schon zu großem Stolz. "Es ist schon ein Sieg an sich, dass wir im Halbfinale sind", sagt die 60-jährige Anita, die mit ihren Freundinnen beim Ožujsko-Bier sitzt. Gegen England zu spielen, ist für viele wie eine Begegnung zwischen David und Goliath.

Die Schachbrettflagge weht aus den Autos, viele Kroaten haben sich Rot-Weiß angezogen, selbst die Babys haben rot-weiße Schachbrett-Hauberln auf. Und die Touristen ziehen mit. In Zagreb sieht man asiatische und amerikanische Sommerurlauber in Rot und Weiß spazieren gehen. Die Stimmung ist äußerst vergnügt. Wer heute keine Šahovnica trägt, der fällt ohnehin fast auf. "Wir kommen aus Australien, und weil wir hier auf Urlaub sind, haben wir uns gedacht: Wir besorgen uns die Farben und unterstützen die Kroaten", meinen zwei Urlauber, die unterwegs zum Hauptplatz sind. "Die Kroaten haben definitiv eine Chance, aber die Briten sind schon sehr gut", meinen die beiden Mittzwanziger.

"Hajde! Hajde!"

Als das Spiel beginnt, setzt auch ein sanfter Nieselregen ein, aber das merken die Menschen gar nicht. In den nächsten 90 Minuten scheinen viele wie weggebeamt zu sein – in Zagreb könnte sich ein Erdbeben ereignen, und die Leute würden es nicht merken, so konzentriert sind sie auf ihr Fußballteam. Als Ivan Rakitić in der 17. Minute den Ball vor sich hertreibt, schreien am Platz der Blumen Hunderte "Hajde! Hajde!, auf Österreichisch könnte man das mit "Gemma!" übersetzen. Auch der Name Rakitić steht auf vielen Leiberln, die die Kroaten diesen Sommer tragen, er ist der "goldene Junge" der "neuen goldenen Generation", wie das Team genannt wird. Rakitić schoss Kroatien nach 20 Jahren erstmals wieder ins Halbfinale.

Zu dem immer öfter erfolgenden "Hajde!"-Geschrei werden gewöhnlich die Arme weit geöffnet und angespannt nach oben gezogen, so als würde man einen riesigen Ball in die Höhe heben. Die Finger sind dabei gespreizt. Die Gestik bedeutet so viel wie: Wie ist das nur möglich? Oder auf Österreichisch: "Wos bitte?" Der 15-jährige, der sich eine Flagge wie einen Rock um seine Hüften gebunden hat, ist so nervös, dass er die Fahne in Minute 29 mit seinen Händen schon ganz zerwuzzelt hat, noch bevor die Briten fast ein zweites Tor schießen. Als dann einige Chancen für die Kroaten kommen, springen die Männer hinter ihm fortwährend auf, die Frauen klatschen. Die Chipspackerln sind schon in der 36. Minute fast geleert, und es wird erwogen, dass Marios Frau offenbar doch nicht so faktensicher träumt.

Bengalische Feuer

So eine Aufregung, so ein Ereignis hat das mitteleuropäische Land schon lange nicht mehr erlebt. Der Ban Jelačić Platz im Herzen der Stadt ist vom rosaroten Rauch der bengalischen Feuer eingehüllt, das Geschrei liegt wie ein Teppich darüber. Viele haben sich offenbar schon am Nachmittag gedacht, dass angesichts der Anspannung nur mehr viel Bier hilft. Die Polizei steht auch bereits einsatzbereit im Hintergrund. In der 41. Minute findet Anitas Freundin Marija, die einen rot-weißen Hut trägt, noch ein Chipspackerl in ihrer Tasche. "Jetzt können wir es noch ein bisschen aushalten."

Auch die Spieler sind offenbar genervt. Kurz vor der Halbzeit sieht man Dejan Lovren groß im Fernsehen, wie er etwas zu einem englischen Fußballer sagt. Die Zagreber können offenbar Lippenlesen. Der ganze Platz lacht auf. Was hat er gesagt? "Etwas Schlechtes", sagt Anita etwas verlegen. "Jebem ti…" – "Fuck you", übersetzt ihre Freundin Marija bereitwillig. Als in der 57. Minute wieder einmal eine Chance vergeben wird, sind Anitas Freundinnen schon ziemlich fertig. Der Bub, der sich die Flagge um die Hüften gewickelt hatte, verdreht die Augen, die Fahne liegt nun unter seinem Sessel. Viele halten die gefalteten Hände vor ihr Gesicht. Marija hat bereits den zweiten Popcorn-Sack in Arbeit.

Zagreb bebt

Einige Männer greifen sich an den Kopf. Doch in der 68. Minute ändert sich alles. Hunderte springen auf dem Platz der Blumen so fest auf dem Bretterboden herum, dass alles erzittert. Minutenlanges Johlen. Der Ausgleich ist wie ein erleichterndes Sommergewitter. Vielleicht hat Marios Ehefrau Darija doch nicht falsch geträumt? Die Raucher ziehen nun an ihren Zigaretten, als könnten sie da den Sieg heraussaugen. Der Bub mit der Flagge bohrt ein Loch ins seine blaue Trainingshose. Sogar ein Punker hat sich nun unter das Zelt am Platz der Blumen gestellt und faltet die Hände.

Das rot-weiße Volk klatscht nun im Takt "Hrvatska". In einem der Fußball-Lieder hier werden die Farben besungen. "Du weißt wegen meines Trikots, dass ich Dich liebe!", wird die National-Elf angeschwärmt wie eine begehrte Frau. "Spielt für sie, unsere Geliebte." In der 109. Minute erfüllt sich dieses Begehren der Fans. Und der Traum von Darija. (Adelheid Wölfl, 11.7.2018)