Zwei Betriebssysteme dominieren die Smartphone-Welt derzeit praktisch im Alleingang: Apples iOS und Googles Android. Bei beiden sind gerade neue Softwaregenerationen in Entwicklung, die dank öffentlicher Testversionen von experimentierfreudigen Nutzern bereits ausprobiert werden können. Und dabei zeigt sich vor allem eines: Die Zeiten der großen Unterschiede zwischen Android und iOS gehören offenbar der Vergangenheit an, die aktuelle Entwicklung zeigt eine geradezu frappierende Parallelität, wie ein Blick auf die fünf wichtigsten Neuerungen in Android P und iOS 12 zeigt.

"Digital Wellbeing" / "Screen Time

Android P: Unter dem Namen "Digital Wellbeing" widmet sich Google dem zuletzt viel diskutierten Thema Smartphone-Sucht. Ein zentrales Dashboard soll in Android P Aufklärung darüber geben, wie viel Zeit man mit welchen Apps und anderen Aktivitäten am Smartphone verbraucht. Zusätzlich ist es aber auch möglich, Zeitlimits für einzelne Apps festzulegen. Nach Überschreiten dieses Limits lässt sich die betreffende App für den Rest des Tages nicht mehr öffnen. Zusätzlich ist es künftig möglich, eine Uhrzeit festzulegen, nach der die gesamte Anzeige in Graustufen nur mehr erfolgt. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die bunten Farben eines Smartphones einen gewissen Suchtfaktor haben, der zur weiteren Nutzung animiert, und gerade am Abend dem Einschlafen abträglich ist.

Zwei Systeme, ein Gedanke: Die zwei Screenshots links zeigen Apples "Screen Time", jene rechts Googles "Digital Wellbeing".
Screenshots: Daniel Koller / DER STANDARD und Google

iOS 12: Bei Apple arbeitet man an einem Feature namens "Screen Time", der Name ist aber auch schon der größte Unterschied im Vergleich zu "Digital Wellbeing". Auch hier wird es also ein Dashboard geben sowie die Möglichkeit zeitliche Limits festzulegen. Allerdings will Apple das Ignorieren dieser Grenzen einfach machen, während man bei Android zumindest den Weg in die Systemeinstellungen beschreiten muss.

Bemerkung am Rande: Auch wenn Google seine Entwicklung ein paar Wochen vor Apple präsentiert hat, wird die "Screen Time" wohl schneller bei iOS-Usern landen. So sprach Google von einer Veröffentlichung im Herbst, in der initialen Version von Android P wird das Ganze also wohl noch nicht mit dabei sein – in den aktuellen Testversionen fehlen die "Digital Wellbeing"-Funktionen jedenfalls noch.

Performance / Akku

iOS 12: Schon früh ließ Apple durchblicken, dass man sich bei iOS 12 weniger auf große neue Features denn auf die Optimierung des Bestehenden konzentrieren will. Daraus soll eine gerade bei älteren Geräten signifikante gesteigerte Performance resultieren, erste Tests scheinen diese Behauptung auch zu bestätigen. Und wie immer gilt: Bessere Performance heißt auch längere Akkulaufzeit, ein Task, der schneller erledigt ist, verbraucht nämlich ebenfalls weniger Strom.

Apples iOS und Android sind sich mittlerweile ziemlich ähnlich.
Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Android P: Unter dem Namen "Smart Battery" widmet sich Google der Verbesserung der Akkulaufzeit, und greift dabei zu den Möglichkeiten von Maschinenlernen. Mithilfe von am Smartphone laufenden neuronalen Netzwerken analysiert man die individuelle App-Nutzung der User, um daraus Schlüsse zur Akku-Optimierung zu ziehen. So werden dann etwa Apps, die nur selten benutzt werden, sehr schnell nach der aktiven Nutzung durch die User wieder in ihren Möglichkeiten beschränkt, etwa der Zugriff auf das Internet blockiert. Das soll vor allem bei Usern mit vielen installierten Apps signifikante Verbesserungen bei der Akkulaufzeit bringen, und die Erfahrungen mit den aktuellen Beta-Versionen bestätigen dies auch tatsächlich.

Slices / Siri Shortcuts

Android P: Die sogenannten "Slices" erlauben unter Android künftig die Anzeige von App-Bestandteile an anderer Stelle im System. So kann etwa eine Reise-App dann direkt Details zu einem künftigen Trip in der Suchfunktion darstellen, samt Bildern und der Möglichkeit damit an dieser Stelle zu interagieren. Eine weitere Neuerung nennt sich "App Actions", die den Nutzern – wieder mithilfe von Maschinenlernen – konkrete Aktionen in einzelnen Apps vorschlagen, die sie gerade brauchen könnten. So soll dann etwa das Smartphone gleich die zuletzt gehörte Playliste auf Spotify zum Fortsetzen anbieten, wenn man Kopfhörer mit dem Smartphone verbindet.

Links die Slices von Android P. Die anderen zwei Screenshots zeigen die Siri Shortcuts.
Screenshots: Google und Daniel Koller / DER STANDARD

iOS 12: Mit den "Siri Shortcuts" gibt Apple seinen Nutzern die Möglichkeit Befehle für Siri weitgehend frei zusammenzustellen. So können dann etwa mehrere Smart-Home-Aktivitäten kombiniert werden, auch ist es möglich die passenden Sprachbefehle selbst zu wählen. Das Ganze erinnert etwas an IFTTT (If This Then That), und in beschränktem Ausmaß erlaubt auch der Google Assistant bereits die Erstellung eigener Sprachroutinen. Dass gerade Apple seinen Nutzern hier ein solch mächtiges Tool an die Hand gibt, zeigt aber erst recht wieder, wie ähnlich sich die Systeme – und auch die herangehensweise der Entwickler – geworden sind. In früheren Jahren hätte man so etwas eher als Bestandteil von Android erwartet.

Grouped Notifications / Gestensteuerung

iOS 12: Ein Bereich, in dem selbst so mancher eingefleischte iPhone-Fans Vorteile bei Android zugesteht, ist der Umgang mit Benachrichtungen. Mit iOS 12 bringt Apple nun signifikante Verbesserungen in diesem Bereich. Allen voran die Möglichkeit, Benachrichtigungen nach App zu gruppieren, um so den Überblick zu erleichtern. Bisher konnte die Notification-Liste bei einer hohen Anzahl von Benachrichtigungen schon einmal reichlich unübersichtlich werden. Vollständig zu Android kann man in dieser Hinsicht zwar noch nicht aufschließen – auch weil Android P ebenfalls weitere Verbesserung für das Benachrichtigungssystem bringt – für Apple-User ist dies aber fraglos ein großer Schritt.

Links und Mitte: Die neue Gestensteuerung in Android P. Rechts: Benachrichtigungen werden künftig auch unter iOS gebündelt.
Screenshots: Andreas Proschofsky / DER STANDARD und Apple

Android P: Mit Android P zieht Google in Fragen Gestensteuerung nach. Ähnlich wie beim iPhone X soll diese die bekannte Systemnavigation ersetzen, im Fall von Android wirkt dies derzeit aber noch etwas inkonsequent implementiert. So wird zwar der Aufruf des Task Switchers durch eine Geste ersetzt, der Zurück-Knopf bleibt aber in den meisten Fällen erhalten. Auch wird durch die Gestennavigation kein Platz gespart – was für viele der verlockendste Teil eines solchen System ist. Wer sich damit so gar nicht anfreunden kann, dem bleibt der Trost, dass all dies derzeit optional ist.

Updates / Update-Bemühungen

iOS 12: Eines werden selbst eingefleischte Android-Fans eingestehen: In Hinblick auf die Update-Versorgung hat Apple die Nase klar vorne. Und das zeigt iOS 12 einmal mehr eindrucksvoll: So wird selbst das iPhone 5s die neue Softwareversion noch erhalten – und somit bereits ein mittlerweile fast fünf Jahre altes Gerät. Von solchen Verhältnissen können Android-User derzeit nur träumen, und dass es all das bei Apple für sämtliche Geräte am Tag 1 gibt, ist dabei noch gar nicht einbezogen.

Android P: Google macht keinen großen Hehl daraus, dass die Update-Situation unter Android verbesserungswürdig ist. Also hat man in den letzten Jahren einiges in technische aber auch organisatorische Änderungen investiert, um die Erstellung von Updates zu vereinfachen. Mit Android P sollte dies erstmals Früchte tragen. Entsprechend könnte die neue Version deutlich schneller auf den Smartphones von – daran interessierten – Drittherstellern landen. So war etwa zuletzt zu hören, dass Nokia bereits kurz nach der Freigabe durch Google mit den Updates auf Android P beginnen will. Zum Vergleich: Im Vorjahr dauerte es mehr als zwei Monate, bis der erste Dritthersteller mit einem Update auf Android 8 aufwarten konnte.

Zeitablauf

Die Veröffentlichung von Android P wird – unter der offiziellen Versionsnummer Android 9.0 – derzeit für die erste August-Hälfte erwartet. Die Freigabe von iOS 12 sollte dann im Verlauf des Septembers folgen. (Andreas Proschofsky, 29.7.2018)