Simon Schwartz, "Ikon". € 25,- / 216 Seiten. Avant-Verlag, Berlin 2018


>>>Blog zum Entstehungsprozess der Graphic Novel.

Foto: Avant-Verlag

Eigentlich hatte man ihm den Prozess machen wollen. Zum Abdanken hatte man Zar Nikolaus II. schon in der Februarrevolution 1917 gezwungen. Gut ein Jahr später sollte in Moskau ein Tribunal stattfinden. Als Ankläger vorgesehen: Leo Trotzki, führender Theoretiker der radikalen Revolutionärsfraktion der Bolschewiki. Das Herrscherhaus Romanow sollte sich wegen Verbrechen am russischen Volk verantworten. Doch dazu kam es nicht.

Aus Angst, den immer noch starken Konterrevolutionären, die sich zu sogenannten weißen Armeen formierten, Symbolfiguren zu hinterlassen, entschieden Bolschewikiführer Lenin und sein engster Kreis anders: Der Zar und seine Familie sollten weg. Unverzüglich. Keine Spuren durften zurückbleiben. Die Tat, die sich vor genau 100 Jahren in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli in Jekaterinburg zugetragen hat, gehört zu den grausamsten, die aus den Wirren der russischen Revolution bekannt sind. Besonders erschütternd sind die Details.

Illustration: "Ikon", Avant-Verlag

Erschossen, verbrannt, verscharrt

Unter dem Vorwand, es besser schützen zu können, wurde das Zarenpaar mit seinen fünf Kindern in den Keller jenes Hauses geführt, in dem die Familie von den Bolschewiki festgehalten wurde. Dort wies man sie an, sich wohlgeordnet für ein Familienfoto aufzustellen. Doch in den Raum trat kein Fotograf, sondern ein Erschießungskommando. Eine Tat, für die die Bolschewiki auch ungarische Kriegsgefangene als Schützen missbrauchten.

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"Ikon" erzählt das Schicksal der Romanows (Familienfoto mit Anastasia ganz rechts im Bild) und die Geschichte der falschen Anastasia Anna Anderson.
Foto: Imago

Die Zarenkinder waren nicht sofort tot, daher stach man mit Bajonetten auf sie ein. Die Kleider der Mädchen konnten die Klingen kaum durchdringen: Die Haushälterinnen hatten Familienschmuck in die Mieder eingenäht. 20 Minuten dauerte der Tötungsakt. Dann begann man, die Spuren zu verwischen. Man verbrannte und verscharrte die Leichen oder goss ihnen zur Unkenntlichmachung Säure über das Gesicht.

Illustration: "Ikon", Avant-Verlag

Unter den Ermordeten war auch Jewgeni Botkin, der Leibarzt der Familie. Sein Sohn, der halbwüchsige Gleb Botkin, schaffte es ins Exil. Er hatte ein enges Verhältnis zu Anastasia, der jüngsten Tochter des Zarenpaars. Sie – und hier beginnt die Legendenbildung – soll noch beim Beseitigen der Leichen gelebt, ja die Exekution womöglich sogar überlebt haben.

Die falsche Zarentochter

Jenen Mythos hat sich der deutsche Comicautor Simon Schwartz, bekannt für historisch rechercheaufwendige Buchprojekte, in der Graphic Novel Ikon (Avant-Verlag) genauer angesehen. In starkem Schwarz-Weiß-Kontrast und rasanter Erzählweise schildert er – mit Fiktionen ausgeschmückt – die Verwicklungen um Anna Anderson, auch bekannt als "die falsche Anastasia". Ihr Fall wurde schon zu Lebzeiten 1956 mit Ingrid Bergman in der Oscar-gekrönten Hauptrolle verfilmt.

Bei Anna Anderson, der falschen Anastasia, dürfte es sich in Wahrheit um die gebürtige Westpreußin Franziska Czenstkowski, eine einfache Arbeiterin gehandelt haben.
Foto: gemeinfrei

Anderson wurde im Februar 1920 nach einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen. Durch eine Verwechslung, optische Ähnlichkeit, Zutun der Boulevardmedien sowie der geistigen Verwirrtheit der Frau selbst wurde sie international als die wiederentdeckte Anastasia herumgereicht. Obwohl die Romanow-Nachfahren Anderson nie als solche anerkannten, hatte sie Fürsprecher: Gleb Botkin, der im US-Exil mittlerweile einen obskuren Kult namens Church of Aphrodite gegründet hatte, und den deutschen Prinzen Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg. Er hielt die falsche Anastasia in einer schäbigen Hütte versteckt, bis sie 1968 zu Botkin in die USA auswanderte.

Ikonen erklären das alte Russland

In Ikon erzählt Schwartz die Verwicklungen dieser Biografien vom Revolutionsjahr 1917 bis in die 1980er-Jahre als atemlosen Thriller – mal mit Ironie und Humor, mal mit Wille zur Aufklärung eines lange unaufgearbeiteten Verbrechens im frühen Sowjetrussland. Gerahmt wird die Geschichte durch Einschübe zur christlich-orthodoxen Kultur der Ikonenmalerei. Geschildert werden die Ursprünge der Heiligenbildverehrung, ihre komplizierte Herstellung, die Bedeutung beliebter Motive wie der "Höllenfahrt Christi" oder der brutal ausgefochtene Bilderstreit, der später zur Spaltung der christlichen Welt in den katholisch-protestantischen Westen und den orthodoxen Osten beitrug.

Illustration: "Ikon", Avant-Verlag

Mit dem Kunstgriff zur Ikonenthematik gelingt es dem Autor, das alte (und heute wiedererstarkende) Russland und den gewichtigen Machtfaktor der orthodoxen Kirche verständlich zu machen. Die russische Kirche hatte sich jahrzehntelang für eine Rehabilitierung der Zarenfamilie eingesetzt. In den 1980er-Jahren stellte man erste Ikonen der Familie her, 2004 wurde sie gar heiliggesprochen. Im Jahr 2008 zog auch das offizielle Russland nach: Ein Gericht erklärte die Ermordung Zar Nikolaus II. zu einem Akt verbrecherischer und politischer Willkür.

DNA-Analysen lüften Geheimnisse

Und auch die Legenden um den Verbleib der Zarentochter begannen sich langsam aufzulösen. DNA-Analysen konnten mit ziemlicher Sicherheit den Tod Anastasias in der Mordnacht nachweisen sowie eine Verwandtschaft der falschen Anastasia Anna Anderson zu den Romanows widerlegen. Bei ihr dürfte es sich in Wahrheit um die gebürtige Westpreußin Franziska Czenstkowski, eine einfache Fabriksarbeiterin, gehandelt haben.

Die heutigen Erkenntnisse um die wahre Identität verarbeitet Simon Schwartz in Ikon mit Fantasie und psychologischer Raffinesse: Der Autor stellt Anderson bzw. Czenstkowski nicht als plumpe Hochstaplerin dar. Denkbar sei, dass sie im harten Arbeiterinnenalltag schwere Traumata erlebte, vor denen sie in der adeligen Anastasia-Identität Schutz suchte und fand.

Czenstkowski starb 1984, ihre Urne wurde im bayerischen Seeon bei Traunstein beigesetzt. Auf ihrem Grabstein steht der Name Anastasia. Für alle lesbar auch in kyrillischer Schrift. (Stefan Weiss, 16.7.2018)