Mesut Özil: "Egal, wie die letzte Wahl ausgegangen ist, oder die Wahl davor, ich hätte das Foto trotzdem gemacht."

Foto: AP/Probst

Keine Ausrede, keine Entschuldigung – stattdessen ein klares Bekenntnis: Nach zwei Monaten des Schweigens hat sich der deutsche Nationalspieler Mesut Özil (29) erstmals öffentlich zur Erdoğan-Affäre geäußert und das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten verteidigt. "Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Handlungen wären nicht anders gewesen", schrieb Özil auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken. Zudem hat er seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekanntgegeben.

Özils Foto mit Erdoğan hatte für große Aufregung gesorgt. Er habe sich dazu "aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie" bereiterklärt, das er unabhängig von der Person Erdoğan achte: "Für mich hat es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war, sondern dass es der Präsident war."

Er verstehe, dass seine Erklärung "vielleicht schwer nachzuvollziehen" sei, so Özil. Aber die Queen oder die englische Premierministerin Theresa May hätten ähnlich gehandelt, als sie Erdoğan trafen. "Was auch immer das Ergebnis der letzten Wahlen gewesen wäre oder der Wahlen davor, ich hätte das Bild trotzdem gemacht." Er würde es also wieder tun.

Das Foto, das entstand, als Erdoğan mitten im Wahlkampf war, sei weder als politische Botschaft noch als Wahlhilfe zu verstehen gewesen, schrieb Özil analog zu seinem Kollegen Ilkay Gündoğan. Dieser hatte sich bereits kurz nach Erscheinen der Bilder geäußert, während Özil bisher schwieg. Das Thema überlagerte damit die WM in Russland mit dem historischen deutschen Vorrunden-Aus.

Nur über Fußball geredet

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit Präsident Reinhard Grindel an der Spitze hatte Anfang Juli gefordert, dass Özil sich öffentlich zu der Sache äußert, "wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse". Das geschah nun an dem Tag, an dem Özil mit dem FC Arsenal auf Singapur-Reise ging.

Özil betonte, er habe mit Erdoğan, dessen Wege er seit einem ersten Treffen am Rande eines Länderspiels gegen die Türkei im Oktober 2010 in Berlin mehrmals gekreuzt habe, wie bei früheren Begegnungen über Fußball gesprochen. Außerdem verwies er auf seine Wurzeln: "Ich habe zwei Herzen, das eine ist deutsch, das andere türkisch."

Seine Mutter habe ihn stets gelehrt, Respekt zu zeigen und nie zu vergessen, "wo ich herkomme". Hätte er sich geweigert, Erdoğan zu treffen, hätte er seine Wurzeln verleugnet, meinte Özil. Er sei sich darüber im Klaren, dass das Treffen in den deutschen Medien hohe Wellen geschlagen habe, wolle aber nicht als Lügner dastehen. Und: "Mein Beruf ist Fußballer, nicht Politiker."

Attacke auf den DFB

In einem zweiten Beitrag attackierte Özil den DFB und die Medien. Der Verband habe nichts dagegen unternommen, dass einer seiner Sponsoren (Mercedes-Benz) ihn im Zuge der Affäre aus seiner WM-Kampagne genommen habe. Während DFB-Präsident Grindel von ihm eine öffentliche Erklärung gefordert habe, habe sich der Sponsor für Verfehlungen in der Abgasaffäre nicht entschuldigen müssen.

"Warum?", fragte Özil, "was hat der DFB zu alldem zu sagen?" Außerdem kritisierte er den Verband dafür, auf öffentliche Kritik an Rekordnationalspieler Lothar Matthäus verzichtet zu haben, als dieser sich am Rande der WM mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin fotografieren ließ. Den deutschen Medien wirft Özil Rassismus vor. Er werde allein aufgrund seiner Herkunft kritisiert.

Im dritten Beitrag griff Özil Grindel scharf an. "Ich äußere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein", teilte Özil mit. "Ich weiß, dass er mich nach dem Bild aus dem Team haben wollte. Reinhard Grindel, ich bin sehr enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln."

Darüber hinaus erklärte Özil nach 92 Länderspielen seinen Rücktritt aus dem DFB-Team: "Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen." (sid, red, 22.7.2018)

Özils Karriere im DFB-Team.
DER STANDARD