Stürmische Zeiten für die deutsche Sozialdemokratie. Deren Frontfrau Andrea Nahles muss die Partei rasch wieder auf Kurs bringen.

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Prinzessinnen findet Ella daneben. Absolut. Ihr Held heißt momentan David. Der mit Goliath, kennt jeder. Die Geschichte ist so populär, weil sie einen Menschheitstraum erfüllt: Der Schwache besiegt den Starken, der Chancenlose nutzt seine Chance, der Loser ist gar keiner.

Ellas Mutter, SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, steht gerade inmitten dreier einigermaßen durchgeknallt wirkender Damen, die sehr gern Prinzessinnen wären. Es ist ein heiteres Bild. Der Himmel blau, die Sonne gelb – Nahles trägt Rot, die anderen Grün. Witzig, dass niemand politische Farbanspielungen macht. In diesem ersten Sommer der dritten großen Koalitionsregierung von Angela Merkel (CDU) bringen es SPD und Grüne in den Umfragen gemeinsam auf maximal 32 Prozent; das schafft die Union knapp auch allein. Rot-Grün aber ist vom Regieren so weit entfernt wie Berlin vom Mond.

Näher liegt schon das hessische Hanau, und dort das Amphitheater, wo die drei grünen Damen für die Brüder-Grimm-Festspiele engagiert sind: als die Bösen und Neidischen und Giftigen. Bei Grimm denkt die Welt an Märchen, bestenfalls noch an Sprachforschung; die Germanistin Nahles weiß, wie sehr sich Jacob und Wilhelm Grimm für die Demokratie starkgemacht haben. "Moderne Menschen", sagt sie, "in einem Zeitalter der Reaktion." Und: "Die beiden lebten auch in einer Zeitenwende."

Man kann das Ende der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts durchaus als Umbruchphase empfinden. Erst recht, wenn man SPD-Vorsitzende ist und die Partei vor dem Untergang retten muss. Nahles selbst würde das niemals so sagen. Aber sie weiß: Noch eine Bundestagswahl mit um die 20 Prozent der Stimmen oder gar eine mit einer Eins vorn – und der Titel "Volkspartei" wäre dahin.

Wahlkämpfe in Hessen und Bayern

Falls es die Regierung Merkel IV trotz des irrlichternden Horst Seehofer von der CSU, des zündelnden Jens Spahn von der CDU und der ermatteten Kanzlerin irgendwie durch die Legislaturperiode schafft, kommt die nächste Bundestagswahl erst in drei Jahren. Aber schon im Oktober drohen binnen zwei Wochen die Landtagsentscheidungen in Bayern und Hessen.

Und auch da prophezeien die Meinungserforscher der SPD Schreckliches: zwölf Prozent im Süden, Rang drei hinter den Grünen; kein Gedanke, dass Spitzenkandidatin Natascha Kohnen sich als ernsthafte Herausforderin der CSU und ihres neuen Wortprotzes Markus Söder verstehen darf. Und auch, wenn es in Hessen nicht halb so düster aussieht: Die durchschnittlich 24 Prozent bringen die SPD allenfalls als Juniorpartner in einer großen Koalition nach 19 Jahren endlich wieder zum Regieren.

"Hoffnung", sagt Nahles, "ist ein sehr großes Wort. Aber wir sind gut unterwegs und kämpfen." Seit 61 Jahren hat die SPD die Münchner Staatskanzlei nur noch bei Besuchen von innen gesehen. Kohnen will Stimmen vor allem in den großen Städten holen – doch manche glauben, dass sie sich mit dieser Strategie brutal verkalkuliert.

Von Berlin aus kann man leicht Zweifel hegen. Und muss, folglich, auf Hessen hoffen. Die Wahlen dort rutschen gern unter der Aufmerksamkeitsschwelle durch. Nahles beginnt ihre Sommerreise trotzdem in Frankfurt – oder gerade deswegen. Sie ist einigermaßen ausgeruht; in elf Tagen Familienurlaub auf Sardinien hat sie versucht, nur wenig an den Zustand ihrer Partei zu denken. In Berlin zurück blieb das Hochnervöse. Der SPD fehlt jede Sicherheit, sie ringt weiter mit sich. Und um Haltung.

Kampf gegen Spekulanten

Nahles weiß, wo sie steht: gerne an der Seite derer, die sich wehren. An der Seite von Marianne Ried beispielsweise. Die 83-Jährige kämpft seit fünf Jahren um ihre Wohnung. Hausverkauf, Luxusmodernisierungsankündigung, Schikanen, weil sie nicht weichen will – das volle Programm. "Wir bleiben" steht an ihrer Tür. 30.000 Wohnungen fehlen jetzt schon in Frankfurt. Falls der Brexit die Londoner Banker dorthin treibt, dann wird es für die Alteingesessenen noch enger und teurer. Die Wingertstraße 21 im Frankfurter Ostend ist längst ein Symbol des Widerstands gegen Gentrifizierung und Brachialgeldmache. Vier Mieter haben aufgegeben, vier halten durch. "Wir", sagt einer von ihnen, als Nahles bei Ried im Wohnzimmer sitzt, "sind die Mitte der Gesellschaft."

Irgendwann vergaß die SPD, wer auf sie setzt und für wen sie zuständig ist. Die Wähler haben sie daran erinnert: mit Stimmenentzug. Sie haben die Sozialdemokratie abschmieren lassen. Das Leben – und vielleicht Sterben – der SPD hängt von Nahles ab: 48 Jahre, katholisch. Handwerkerkind, Akademikerin. Mutter, geschieden. Nicht ganz, aber ziemlich alleinerziehend. Die SPD, in einer Person konzentriert. Und auf sie.

Wie dünn ist die Luft da, wo Nahles jetzt ist? Vorgänger Sigmar Gabriel würde etwas offensichtlich oder versteckt Gemeines sagen. Das tut er gern, seit Nahles ihn nicht Außenminister bleiben ließ. Vorgänger Martin Schulz würde aber antworten: sehr.

Wer Chefin ist, hat niemanden mehr zum Verantwortlichmachen. In Hanau erweist sich, wie hart der Job der SPD-Chefin ist, selbst in seinen allerfantastischsten Momenten. Die Möchtegernprinzessinnen, die einfach nur dumme Zicken auf Reichtums- und also Männerfang sind, wie immer im Märchen, singen: "Auf dieser Welt gibt es Gewinner und Verlierer." Nahles lacht. (Cornelie Barthelme aus Frankfurt, 30.7.2018)