In Mati trauern Angehörige bei einem Gedenkdienst um die Verstorbenen.

Foto: AP/Yorgos Karahalis

Athen – Die griechische Regierung sieht sich nach der schwersten Brandkatastrophe des Landes seit Jahrzehnten drängenden Fragen ausgesetzt. Neue Details zum Ablauf des Brands in Ferienorten östlich von Athen, die am Wochenende bekannt wurden, werfen Zweifel auf, ob Premier Alexis Tsipras zunächst vom tatsächlichen Ausmaß der Katastrophe in Kenntnis gesetzt worden war. Politische Kommentatoren insinuierten gar, der Regierungschef hätte der Öffentlichkeit am Abend des Desasters bewusst verschwiegen, dass es Tote gab.

Die ersten Opfer sind am Sonntag bestattet worden, auf Wunsch der Angehörigen ohne öffentliche Teilnahme. 88 Leichen wurden bisher nach den Waldbränden in der Nähe von Marathon am Montag vergangener Woche geborgen.

Tsipras war an jenem Abend wegen der Brände früher von einer Auslandsreise nach Athen zurückgekehrt. Im Krisenzentrum der griechischen Feuerwehr ließ er sich dann kurz vor Mitternacht bei laufenden Kameras von Ministern und Sicherheitskräften über den Stand der Brandbekämpfungen westlich und östlich der Hauptstadt unterrichten. Dass dabei Menschen ums Leben kamen, erfuhren die Fernsehzuschauer nicht.

Frühzeitige Information

Dies lässt den Schluss zu, dass die Regierung über die verheerende Brandkatastrophe in und um den Ferienort Mati entweder nicht im Bilde war – oder aber das Ausmaß, aus welchen Gründen immer, bewusst verschwieg. Der Kommandant einer Marineeinheit, die Hunderte von Menschen mit Booten von den Stränden in Mati und Kokkino Limanaki rettete, gab jedoch an, er habe den Chef der Küstenwache bereits nach 19.00 Uhr an jenem Abend über Tote informiert, die seine Männer gesichtet hätten. Die Information sei allerdings nicht ganz sicher gewesen, räumte der Offizier am Sonntag ein.

Tsipras übernahm in einer ebenfalls live übertragenen Kabinettssitzung am vergangenen Freitag die "politische Verantwortung" für die Brandkatastrophe, ohne aber deutlich zu machen, welche Konsequenzen er daraus ziehen wird. Er sei mit der Frage beschäftigt, ob die Regierung im entscheidenden Moment richtig reagiert habe. "Wir werden niemals versuchen, unserer Verantwortung zu entkommen", sagte Tsipras. Die Brandkatastrophe nannte er den "schlimmsten Moment in unserer Regierungszeit".

Konsequenzen

Politische Beobachter in Athen ziehen bereits einen Vergleich mit der Regierung des konservativen Premiers Kostas Karamanlis. Diese hatte sich von dem bis dahin größten Branddesaster im Sommer 2007 mit 69 Toten nicht mehr erholt und zwei Jahre später die Parlamentswahlen verloren.

Mehrere Minister kündigten bereits an, dass die Baugenehmigungen in dem nun zerstörten Ferienort Mati und den umliegenden Siedlungen rigoros überprüft würden. Mati, das rund 20.000 Einwohner gezählt haben soll, werde neu und den Sicherheitsanforderungen gerecht wiederaufgebaut, hieß es. Zwei Vizebürgermeister von Marathon traten am Wochenende als Konsequenz aus der Brandkatastrophe zurück. Die Stadtverwaltung ist zum Teil auch für Mati verantwortlich. (Markus Bernath, 30.7.2018)