Eigentlich war es ja um etwas ganz anderes gegangen. Vergangene Woche lief mir Harald Rother über den Weg. Oder ich ihm. Je nach Sichtweise. Denn: Harald Rother ist blind. Er läuft trotzdem.

Das tun andere Blinde auch. Meist mit einem "Begleitläufer". Mit dem sind sie durch ein lose getragenes Band verbunden – und der Guide warnt vor Hindernissen, Schwellen und Gefahren. Begleitlaufen ist keine Kunst, aber doch ein Stück Verantwortung, das sich nicht jeder oder jede aufhalsen will. Für Blinde ist es eine Frage des Vertrauens: Letzteres aufzubringen, nötigt mir allergrößten Respekt ab.

Harald Rother geht einen Schritt weiter: Er läuft "solo". Also ohne Guideläufer – nur mit Stock. Dass das geht, hätte ich nicht geglaubt, bevor ich es selbst gesehen habe: Ich habe Rothers Geschichte vor einem Jahr hier erzählt. Ein paar Wochen danach kam ein Folgeartikel: Da reagierte nämlich der Leichtathletikverband auf ein wirklich unschönes Detail in der Geschichte von Harald Rother. Von sich aus, ohne jeden "Stesser" von außen: ÖLV-Generalsekretär Helmut Baudis überreichte dem 60-jährigen Läufer eine Staatsmeisterschaftsmedaille. Die war ihm 42 Jahre zuvor verweigert worden. Baudis hatte damals nicht einmal gewusst, dass es einen Leichtathletikverband gibt. Trotzdem entschuldigte er sich. Ganz offiziell. Rothers "Vergehen": Er war mit Nichtbehinderten in einer Staffel gelaufen – und die hatte den dritten Platz bei den Staatsmeisterschaften gemacht – jener der Nichtbehinderten. In den 1970er-Jahren durfte es so etwas nicht geben.

Foto: thomas rottenberg

Ich hatte den blinden Läufer seit dem Vorjahr nicht mehr gesehen. Ich freute mich, als er mir nun frühmorgens auf der Prater Hauptallee entgegenkam: Es gehe ihm ausgezeichnet, erzählte der 61-Jährige. Er habe einen neuen Stock, mit dem ihm das Laufen leichter falle, weil er anders ausbalanciert sei und deshalb sowohl in der rechten als auch der linken Hand gut liege.

Außerdem werde er mittlerweile an Schulen eingeladen, um zu erzählen, wie man sich trotz eines Handicaps nicht unterkriegen lasse, sondern sein Leben selbstbestimmt, fröhlich und optimistisch leben könne. Das sei nicht nur (hoffe er) für das Publikum, sondern auch für ihn ermutigend.

Wir trabten ein paar Minuten nebeneinander, ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfe. Eines von uns beiden stellte ich dann in den SoMe-Laufgruppen online. Mit Verweisen und Links auf Harald Rothers Geschichte.

Für die Geschichte des Blinden gab es ein paar Likes. Aber quasi aus dem Stand explodierte eine Debatte über etwas ganz anderes: Es ging um mein "Outfit".

Ich trug – es war einer der ersten Tage, an denen es schon frühmorgens schwül war – nämlich kein Shirt. Ich hatte mir schlicht und einfach genau gar nichts dabei gedacht: Ich mag den Wind auf der Haut lieber als Funktionstextilien. Ich bin damit – das beweist die Alltagsempirie, sobald die Temperaturen in Richtung Sommer zeigen – auch keineswegs allein.

Foto: thomas rottenberg

Und auf der Hauptallee – also im Wald – sieht man ohnehin zu jeder Jahreszeit Läuferinnen und Läufer in de facto jeder Adjustierung. Okay: Frauen, die ganz "oben ohne" unterwegs sind, sieht man tatsächlich nie.

Ansonsten ist das Spektrum aber breitgefächert. Es reicht von einem älteren Herrn, der sogar bei Minusgraden und Schneefall mit nacktem Oberkörper und roter Hose unterwegs ist, bis hin zu Damen mit Daunengilet und schräg darüber getragener Designerhandtasche und Schal während der Hundstage im August.

So what? Möge jede und jeder so laufen, wie es ihm oder ihr Spaß macht: Mir ist jedenfalls kein verbindliches Regelwerk bekannt, das festlegt, wer wie viel Haut in welcher Umgebung bei welchem Wetter und bei welcher Form der körperlichen Betätigung tragen darf. Ich fände es auch – gelinde gesagt – seltsam.

Foto: thomas rottenberg

Andere sehen das allerdings anders. Ganz anders. Und diese verweisen unter anderem umgehend darauf, dass das bei Wettkämpfen ja auch nicht gehe.

Mag ja durchaus sein. Im Reglement jedenfalls. Aber die Wirklichkeit sieht – abseits der Eliteläufer, die sich zum Beispiel ja auch an das Kopfhörerverbot halten – reichlich anders aus: Nicht nur beim Wiener, auch bei so gut wie jedem anderen Marathon, den ich (nebenbei: immer mit Shirt) gelaufen bin, habe ich etliche leiberllose Männer im Feld gesehen. Detto bei kleineren Läufen. Bei Swimrun-Events ist es gang und gäbe, dass man den Neoprenanzug auf den längeren Laufstrecken bis zu den Hüften aufmacht – nicht zuletzt deshalb haben viele Swimrun-Neos ja auch vorn und hinten einen Zipp. (Den "klassischen" Tri-Wetsuit zippt man nur hinten auf – das hat vor allem aquadynamische Gründe.)

Ganz abgesehen davon: Das Lauf-Leben besteht nicht nur aus Wettkämpfen und Bewerben. Zum Glück.

Foto: screenshot

Debatten, die einmal vom Zaun gebrochen sind, kann man nicht mehr stoppen. Und sie lassen sich auch nur schwer steuern: ORF-Anchor Roman Rafreider wollte mir gegen den Vorwurf des "Zur-Schau-Stellens" zur Seite springen und attestierte mir (freundlich, aber doch zu Unrecht) "Uneitelkeit", weil man "ein Bäuchlein" sähe, ich mir aber "nix pfeife".

Die seltsame Dynamik derartiger Diskurse bedingt, dass sich Rafreider und Michael Wernbacher, der Betreiber des Laufschuhladens We Move, dann allen Ernstes in die Haare gerieten: Wernbacher erklärte mein "Bäuchlein" zur Muskeldecke und zu einem nicht komplett definierten Sixpack. Eh lieb gemeint, aber Rafreiders Blick-Befund stimmt schon. Und eine Wiener Fotografin wies darauf hin, dass in der Antike Sport nur von von gänzlich nackten Männern und so weiter.

Nebenbei: Das Bild hier vor dem Theseustempel – war gestellt. Dort, wo ich die Stadt als Stadt wahrnehme und erlebe, ziehe ich mir das Shirt nicht aus. Das ist keine Frage Ästhetik, sondern des guten Benehmens.

Ich muss mich nicht bis ins kleinste Detail mit Dresscodes und Kleidungsvorschriften auskennen – und will das auch nicht: In einem früheren Job wurde ich an einem heißen Junifreitag von einem Mitglied der Geschäftsführung offiziell gerüffelt. Ich war (auf dem Rad) mit kurzer Hose ins Office eingeritten: Der "Casual Friday" gelte nur während der Schul-Sommerferien. Offene Schuhe (ich trug Sneakers) seien bei Männern übrigens generell verboten. Seine Assistentinnen hatten die Oberhoheit über die Einstellung der Klimaanlage – und trugen Riemchensandalen, Trägertops und Minirock. Die Fenster im Büroturm ließen sich nicht öffnen.

Dort, wo ich derzeit arbeite, rennt jede und jeder herum, wie er oder sie grad lustig ist. "Dresscode?", hatte ich beim Einstellungsgespräch gefragt. "Angezogen: Es zählt, was einer auf dem Kasten hat, nicht was drin hängt", sagte der CEO – und zog irritiert die Augenbraue hoch.

Aber Sie haben recht: Ich schweife ab.

Foto: thomas rottenberg

Die Sache mit dem "Topless Runner" ist aber – alle Jahre wieder – ein sicherer Bringer: Clickbaiting at it's best. Einzig die Frage, ob Männer ihre Beine rasieren sollen/dürfen/müssen, zieht noch besser. Vermutlich deshalb, weil da zwei oder drei Dinge zusammenkommen: Zum einen ist bei Debatten in sozialen Medien und Onlineforen jeder und jede davon überzeugt, alleiniger Hüter (oder eben Hüterin) der einzig gültigen Wahrheit zu sein – während alle anderen entweder Unwissende, Provokateure oder Abtrünnige von der einzig wahren Lehre sind. Das kommuniziert man dann dementsprechend – aus dem Schutz der Anonymität gern auch mit der dem Netz eigenen Höflichkeit anderen Menschen und deren Meinungen gegenüber.

Zum anderen ist "oben ohne" aber eben auch ein Thema, bei dem es keine Kompromisse gibt: So, wie man nicht "ein bisserl schwanger" sein kann und es für den Betroffenen keinen Unterschied macht, wenn ihm ein "gemäßigter Taliban" bei der Enthauptung statt "grimmig" eben "mitfühlend" ins Gesicht blickt, ist das auch mit "nackt" und "oben ohne": Man ist es – oder man ist nicht.

(Anm.: Im Bild Teilnehmer des "Half-Naked Marathon" in Peking")

Foto: reuters/kyoung-hoon

Aber da ist noch etwas: Während es – vollkommen zu Recht – ein absolutes No-Go ist, wenn irgendjemand, egal ob Mann oder Frau, bei Frauen darüber extemporiert, ob es "mit diesem Körper" erlaubt sei, kurze oder enge Hosen, bauchfreie Tops, Miniröcke, String-Bikinis oder was auch immer zu tragen, ist "Bodyshaming" in all seinen Spielarten und Abwandlungen für kaum jemanden ein Problem, wenn es um Männer geht:

Schon bei Fotos von Frauen mit angeblich "perfekten Körpern", die verschwitzt in Hotpants und Sport-BHs am Strand, auf der Hauptallee oder sonstwo (ja, auch in der Stadt) Sport machen, würde auf die Frage, ob "das denn wirklich sein muss", mit dem Hinweis auf das Recht, sich zu kleiden, wie es beliebt, eher unwirsch gekontert werden. Ob die Frage von einem Mann oder einer Frau kommt, macht dann noch einmal einen Unterschied.

Foto: thomas rottenberg

Wird das dann mit der bloßen Andeutung eines "mit solchen Beinen", "so einer Figur", "in dem Alter" oder Ähnlichem garniert, geht es rund. Erst recht, wenn ein Mann da die Klappe öffentlich aufreißt – egal ob er Begeisterung oder Unmut artikuliert. Aber wenn zur Fußball-WM von weiblichen Rezensentinnen wöchentlich (männliche) "Rasenhasen" gekürt werden – sagen wir mal so: Dann ist das etwas anderes und hat mit Laufen ja auch wirklich nix zu tun.

"Dünnes Eis! Sehr dünnes Eis!", raunt mir Herzdame vom anderen Ende des Sofas zu.

Drum wechsle ich lieber wieder auf sicheres Terrain: Das Bild stammt vom diesjährigen Linz-Marathon – und ich habe (obwohl die Zustimmung zu etwaigen medialen Bilderverwertungen bei Wettkämpfen da noch Teil der AGBs war und nicht durch die DSVG insofern verkompliziert wurde, als es plötzlich u. a. einen Unterschied macht, ob der Fotograf "echter" Journalist oder "nur" Hobbyknipser ist) den älteren Herrn gefragt, ob ich ihn fotografieren und das Bild eventuell einmal verwenden dürfe. Er lachte: "Wenn ich gewusst hätte, dass ich fotografiert werde, hätte ich aber heute Früh die Zähne reingegeben."

Und: Im Schlosspark von Schönbrunn begegnete mir vor ein paar Jahren (ich trug ein Shirt) ein Topless-Runner. Ihm folgte ein Schrei: "Hean S', Se wiss’n oba scho, wo Se do san? Ziagn’s g’fälligst a Leiberl an!" Der Ruf kam von einem der Schlossgärtner. Er stand knietief in einem frisch ausgehobenen Loch. Schweißglänzend – und, eh klar, ohne Shirt.

Foto: thomas rottenberg

Samstagvormittag – auf einer kleinen Radbolzerei nach Greifenstein und zurück – sah ich dann genauer hin und zählte. Es war heiß und schwül, aber trotzdem waren etliche Läuferinnen und Läufer unterwegs. Gut ein Drittel der Damen lief mit Sport-BH statt Shirt.

Bei den Männern war die No-Shirt-Quote geringer – dafür waren aber auch auf dem Rad etliche ohne Leiberl unterwegs.

Am Ring, beim Lueger-Platz, überholt ich dann den letzten Halbnacktläufer dieses Tages und sprach ihn an. "Ich laufe am liebsten, wenn es heiß ist – und dann am liebsten ohne Shirt." Klar dürfe ich ein Bild machen – und seinen Namen drunter schreiben. "Ich heiße Konstantin. Mit K. Aber: Ist das wirklich etwas, was die Leute interessiert?" (Thomas Rottenberg, 31.7.2018)

Nächste Woche: Der Sportmediziner Robert Fritz erklärt, was beim Laufen bei Hitze zu beachten ist, was genau da im Körper anders läuft als sonst – und wie es trotz hoher Temperaturen ungefährlich und fein sein kann.

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Foto: thomas rottenberg