Verbesserte Lebensverhältnisse bringen mehr gesunde Lebensjahre.

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Man kann nicht über Gesundheitspolitik reden, ohne gleichzeitig die zentralen Herausforderungen, die sich heute unseren Gesellschaften stellen, Chancengerechtigkeit und gesellschaftlichen Wandel, zu thematisieren.

Chancengerechtigkeit deshalb, weil die Verteilung von Wohlstand immer ungleicher wird. Damit meine ich nicht nur finanzielle Aspekte. Gesellschaftlicher Wandel, da die Globalisierung unsere Arbeits- und Lebensweisen so stark verändert hat, dass viele Menschen nur schwer mit ihr zurechtkommen. Ausschlaggebend ist das Tempo des Wandels. Wenn man die Anforderungen durch die Globalisierung zusammen mit der globalen Finanzkrise betrachtet, dann ist eine Überforderung nicht verwunderlich. Zu viel Wandel in zu kurzer Zeit schwächt den Gemeinschaftssinn der Menschen.

Wieso passiert das? Weil offenbar die Chancen und Gefahren der Globalisierung nicht gleichmäßig verteilt sind. Menschen mit Hochschulbildung finden sich in einer globalisierten Welt leichter zurecht. Die Geschichte zeigt, dass Globalisierung immer auch einen starken sozialen Schutz erfordert – dies ist kein Widerspruch, sondern eine Grundvoraussetzung für Erfolg.

Gesundheit ist der zentrale Aspekt bei all diesen genannten Herausforderungen. Gesundheit ist die Basis für die soziale Kohäsion unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund sind Gesundheitssysteme auch Ausdruck des kollektiven Zusammenhalts unserer Gemeinschaft. Dabei haben sich die Herausforderungen in den letzten Jahrzehnten wesentlich geändert. Der demografische Wandel mit steigender Lebenserwartung bringt eine rasante Zunahme chronischer und degenerativer Erkrankungen sowie vermehrt psychosoziale Störungen mit sich. Hinzu kommen die Abnahme des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie steigende finanzielle Ungewissheiten, welche die Tragfähigkeiten des Gesundheitssystems und somit auch den gesellschaftlichen Wohlstand in vielfacher Hinsicht gefährden.

Mehr gesunde Jahre

Wir wissen, dass sozioökonomisch benachteiligte Menschen allgemein eine schlechtere Gesundheit aufweisen und früher sterben. Auch die Daten der letzten Österreichischen Gesundheitsbefragung (ATHIS) bestätigen das. Dabei hat Österreich grundsätzlich ein sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem. Unsere Lebenserwartung liegt über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Unser Problem ist jedoch, dass die gesunde Lebenserwartung unter dem OECD-Schnitt liegt.

Vorrangiges Ziel ist es daher, die Zahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen. Hierzu muss der Fokus auch auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse gelegt werden. Denn effiziente und nachhaltige Gesundheitsförderung spielt sich nicht nur innerhalb des traditionellen Gesundheitssektors, sondern zu einem überwiegenden Teil außerhalb dessen – in unserem täglichen Sein – ab. Ob in der Schule, in der Familie oder am Arbeitsplatz – Gesundheit ist das Ergebnis vieler Alltagsfaktoren und unzähliger persönlicher Entscheidungen. Diese sind ganz wesentlich, unter anderem, von Faktoren wie Bildung und Sozialstatus beeinflusst. Determinanten, die ganz maßgeblich mit der individuellen Chance auf gesundes Aufwachsen korrelieren.

Ein öffentliches Gut

Doch wie kann es gelingen, angesichts all der Vielfältigkeit und Diversität der Gesellschaft, die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu fördern? Hier gilt es, Gesundheitspolitik neu zu denken, einen strategischen Rahmen zu schaffen, der eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung und Planung von "Mehr Gesundheit für alle" ermöglicht. Gesundheit soll nicht nur als Ziel medizinischer Krankenbehandlung, sondern als wertvolles öffentliches Gut verstanden werden, das für den sozialen Zusammenhalt, das Wirtschaftswachstum und somit auch für unseren Wohlstand von entscheidender Bedeutung ist.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist 2011 mit den Gesundheitszielen Österreichs erfolgt. Gemeinsam setzten sich unter der Führung des Gesundheitsministeriums engagierte Vertreter aus vierzig verschiedenen Institutionen – Ministerien, Kammern und NGOs – inner- und außerhalb des gesundheitspolitischen Handlungsfeldes mit Perspektiven, Werten und Normen von Gesundheit auseinander. Gesundheit wurde zum Gesprächsthema unter Experten aus verschiedenen Bereichen, welche vielleicht nie zuvor miteinander über Gesundheit diskutierten. Nur wenn die Werte und Normen, die den individuellen Betrachtungen und Standpunkten der Dialogbeteiligten zugrunde liegen, bekannt sind, können sie in künftigen Planungen berücksichtigt werden.

Auch sollte es mittels dieser neuen Kooperationen gelingen, Verantwortung und Bewusstsein für den Themenbereich Gesundheit außerhalb des traditionellen gesundheitlichen Handlungsfeldes zu kreieren. Dieser Dialog auf Augenhöhe war der Grundstein für eine gemeinsame Sichtweise, für Verantwortung und schließlich für eine künftige partnerschaftliche Umsetzung. Doch mit den Gesundheitszielen allein ist es nicht getan. Sie sind bestenfalls der strategische Rahmen.

Gesamtpolitische Aufgabe

Der gemeinsame Weg zu mehr Gesundheit muss erst geebnet, erbaut und befahren werden, und er muss sich dabei klar an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Ebenso wie die Gestaltung der Ziele, so muss auch die Konkretisierung und Umsetzung, angelehnt an den Health-in-All-Policies-Ansatz, als gesamtpolitische Aufgabe betrachtet werden. Die Zukunftsfähigkeit und der Erfolg hängen dabei wesentlich von einer verbindlichen Verankerung sowie einer kohärenten Steuerung und politischen Verantwortlichkeit ab. Dabei darf die Ausweitung der Zuständigkeiten nicht als Schwächung, sondern sie sollte vielmehr als Stärkung der gesundheitspolitisch Verantwortlichen betrachtet werden. (Pamela Rendi-Wagner, 31.8.2018)