Die Architekten der Nokia-Microsoft-Partnerschaft: Stephen Elop (links) und Steve Ballmer.

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Es war ein denkwürdiger Moment der IT-Geschichte: Am 3. September 2013 traten der damalige Microsoft-Boss Steve Ballmer und Nokia-Chef Stephen Elop vor die Presse, um zu verkünden, was im Vorfeld bereits monatelang aus der Gerüchteküche zu hören war: Um 5,5 Milliarden Euro schnappte sich Microsoft die komplette Mobiltelefonsparte des finnischen Unternehmens.

Die beiden Protagonisten stellten den Deal natürlich in äußerst positiven Farben dar: Das Know-how von Nokia sollte die Basis für Microsofts Hardwareambitionen bilden und so auch Microsofts mobilem Windows endlich zum ersehnten Erfolg verhelfen. Was damals die breite Masse noch nicht wusste: Hinter den Kulissen waren längst die Weichen gestellt, die zu einem raschen Ende von Nokia führen sollten.

Machtdemonstration

Bereits einige Tage vor der Bekanntmachung des Nokia/Microsoft-Deals hatte Ballmer nämlich seinen Rückzug von der Spitze von Microsoft angekündigt. Das Problem dabei: Wie später publik werden sollte, war der Nokia-Deal eine fixe Idee des langjährigen Firmenchefs, der intern nur wenige zustimmten. So wurde der Kauf zu einer Art letzter Machtdemonstration für Ballmer – und eine mit verheerendem Ausgang für die tausenden betroffenen Nokia-Mitarbeiter.

Wenige Monate später übernahm nämlich einer das Ruder bei Microsoft, der eine wesentlich nüchternere Perspektiv auf das Smartphone-Geschäft hatte: Satya Nadella öffnet das Unternehmen rasch in Richtung Android und iOS und verabschiedete sich vom kostspieligen und über die Jahre wenig erfolgreichen Fokus auf Windows (Phone) – hatte der Versuch Smartphones mit dem eigenen Betriebssystem über exklusive Microsoft-Dienste zu verkaufen doch nicht Android oder iOS Marktanteile gekostet, sondern Microsofts anderen Geschäftssparten geschadet.

Zusperren

Danach ging es schnell: Bereits im Sommer 2014 begann Nadella damit, den milliardenschweren Kauf abzuschreiben und die Nokia-Entwicklung nach und nach komplett aufzulösen. Etwas später gestand man sich dann auch ein, dass mit dem mobilen Windows nichts mehr zu holen ist, und verabschiedet sich gänzlich vom Fokus auf diese Variante des Betriebssystems.

Nur der letzte Akt

Für Nokia war dieser denkwürdige Septembertag des Jahres 2013 freilich nicht der Anfang vom Untergang, sondern nur die Einleitung des letzten Akts. Die entscheidende Fehlentscheidung hatte man schon mehr als zwei Jahre zuvor unternommen: Im Februar 2011 verkündete Nokia – bereits unter der Ägide des ehemaligen Microsoft-Managers Stephen Elop – eine weitreichende Kooperation mit Microsoft. In deren Rahmen würde Nokia in den kommenden Jahren zahlreiche Geräte mit Windows-Phone auf den Markt werfen.

Eine Windows-Phone.
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Zweifel an dieser Entscheidung gab es schon damals: Android hatte in den Jahren zuvor einen rasanten Aufstieg hingelegt und schien praktisch uneinholbar. Dabei hatte Google direkt das Windows-Erfolgsrezept kopiert und noch weiter verbessert: Partnerschaften mit vielen Hardwareherstellern und Providern wurden mit der freien Verfügbarkeit des Codes und dem Verzicht auf Lizenzkosten garniert. So mancher Beobachter merkte damals an, dass es gegen dieses Momentum kein Ankommen mehr gebe, doch Microsoft und Nokia wollten Google nicht so einfach die Dominanz im mobilen Bereich überlassen. Oder wie es ein hochrangiger Nokia-Manager einige Monate zuvor formuliert hatte: Auf Android zu setzen sei wie "in die Hosen zu pinkeln, um es im Winter warm zu haben".

Vertanes Lob

In den folgenden Jahren versuchten Nokia und Microsoft einiges, um dieser Vorherrschaft zu entkommen. Die aus der Partnerschaft hervorgegangenen Geräte erhielten zum Teil hervorragende Kritiken, auch das moderne Design des Betriebssystem wurde vielerorts gelobt. Größtes Problem blieb die mangelnde Softwareauswahl, selbst mit all der Macht von Microsoft war es nicht möglich, Drittentwickler in größerem Ausmaß für die Plattform zu begeistern. In Hinblick auf die Marktanteile konnte man zwar in einzelnen Ländern Achtungserfolge erzielen, doch bei näherer Betrachtung stellte sich schnell heraus, dass dieses Wachstum vor allem von extrem billig verkauften Geräten getragen wurde – teilweise wohl sogar unter den Produktionspreisen. Auf Dauer war dies eine nicht haltbare Strategie.

Das Maemo-Versagen

Doch der Windows-Partnerschaft allein die Schuld am Untergang von Nokia zu geben wäre ebenso zu kurz gegriffen: Der finnische Hardwarehersteller hatte schon die Jahre zuvor schwere strategische Fehler begangen. So hatte man etwa unter dem Namen Maemo schon 2005 ein eigenes, Linux-basiertes Betriebssystem für mobile Geräte entwickelt. Doch anstatt dessen Potenzial zu erkennen und die Entwicklung offensiv voranzutreiben, wurde die Maemo-Abteilung schnell zum Ziel interner Intrigen. Gerade das Symbian-Team war mit der internen Konkurrenz alles andere als glücklich, und so wurde bei den Maemo-Entwicklern jedes Jahr wieder kräftig umgerührt, bis das Ganze dann ins Mee-Go-Projekt aufging. Das erste Nokia-Smartphone mit Mee Go, das Nokia N9, war dann zwar ein beeindruckendes Beispiel dafür, was möglich gewesen wäre, es wurde aber erst am Vorabend des Microsoft-Nokia-Deals vorgestellt, war also von Anfang an dem Untergang geweiht.

Ausblick

Vom einst so glorreichen Nokia ist mittlerweile kaum mehr etwa übrig. Die Firma konzentriert sich aktuell vor allem auf die Entwicklung von Netzwerkausrüstung. Zumindest die Marke legt derzeit aber ein Comeback hin: Der finnischer Hersteller HMD Global, der sich zu guten Teilen aus ehemaligen Nokia-Mitarbeitern speist, feiert derzeit erste Erfolge mit seinen unter Lizenz produzierten Nokia-Smartphones. Als Betriebssystem kommt hier Android zum Einsatz – also genau das, was Microsoft und Nokia einst verhindern wollten und dafür viele Milliarden Euro verbrannten. (Andreas Proschofsky, 5.9.2018)