Der Bosco Verticale (Vertical Forest) in Mailand gilt als internationales Vorzeigeprojekt für grüne Stadtentwicklung.

Foto: REUTERS/Stefano Rellandini

"Es wird unerträglich." – Der deutsche Stadtplaner Martin Berchtold fand kürzlich bei einer Veranstaltung zum Thema "Die Stadt im Klimawandel" klare Worte für die Zukunft der Städte, wenn planerisch nicht mehr passiert. "Die Materialien der Stadt heizen sich auf, speichern die Wärme und geben sie nachts ab, das Resultat ist starke Überhitzung", so der Experte, der international klimaangepasste Stadtentwicklung betreibt.

Immer mehr Hitzetage

Der heurige Frühling war laut Daten der ZAMG der zweitwärmste in der Messgeschichte und lag zwei Grad über dem Mittel. Im April wurde erstmals die 30-Grad-Marke erreicht. Der Klimawandel ist nicht zu leugnen, die Konsequenzen der zunehmenden Hitzetage hautnah in der Stadt spürbar. Fakt ist, dass die Dichte an temporär extremen Wettersituationen zunimmt, darüber waren sich die Teilnehmer der Diskussion, organisiert von der Internationalen Bauausstellung Wien (IBA Wien) und dem Futurelab der TU Wien, vergangene Woche einig.

Das Szenario betrifft das Gros der Menschheit: Das Bevölkerungswachstum wird dafür sorgen, dass 2050 rund 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Zeit, intensiv die Bauweise in Städten zu überdenken, um das Leben in ihnen erträglich zu machen.

Renaturierung der Stadt

"Was heute gebaut wird, wird im Jahr 2100 noch stehen. Daher müssen wir gut überlegen, wie und was wir heute bauen", so Bernhard Scharf von der Boku, der mit seinem Kompetenzzentrum Green4Cities ein Planungstool entwickelt hat, um Begrünbarkeit, Effizienz und Kosten von Bauvorhaben zu simulieren. Denn die Anzahl der Wüstentage werde sich verdoppeln, Wien wandere mit seinen Temperaturen gen Süden, vergleichbar mit Neapel. Die Stadt ist zwar mit ihrem Urban-Heat-Islands-Strategieplan und Vorzeigeprojekten wie der Biotope-City, die derzeit auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen gebaut wird, vorn mit dabei, was das Bewusstsein betrifft, und auch Begrünungstechniken sind vorhanden. Erst vor kurzem wurde etwa die Initiative "Anpassung an den Klimawandel" unter Leitung von Paul Oblak der Stadtbaudirektion Wien gestartet. Derzeit ist man noch am Sammeln von Maßnahmen und Strategien, um dabei "Kostenwahrheit hineinzubringen".

Aus Fehlern zu lernen sei auch gut, meinte die bekannte deutsch-niederländische Stadtplanerin Helga Fassbinder, denn anderswo fange man jetzt wieder von vorne an bei Projekten, die einst Vorbilder waren. Dennoch ticken Vorschriften und Regelwerke anders, gab die Vorsitzende der Stiftung Biotope-City und Chefredakteurin des gleichnamigen Onlinejournals zu bedenken. Sie ist überzeugt, dass eine Renaturierung der Stadt möglich ist. Ihr Konzept: "Entsiegelung durch dichten Neubau." Von der von ihr und dem 2016 verstorbenen Architekten Harry Glück initiierten Biotope-City, die wissenschaftlich von der Boku begleitet wird, verspricht sie sich eine Bauanleitung für die grüne Stadt der Zukunft.

Blattgrün als Methode

Laut Scharfs Planungstool, das etwa Klima, Wasser und Kosten bewertet, kommt man auf dem über fünf Hektar großen Areal auf Kosten von 38 Euro pro Quadratmeter Begrünung, was er für überschaubar hält. Auch die Pflegekosten mit etwas mehr als zwei Euro pro Quadratmeter seien moderat, weil die Begrünung größtenteils den privaten Wohneinheiten zugeordnet sei.

"Blattgrün ist die effizienteste und kostengünstigste Methode", so Fassbinder, die von technischen Lösungen wie Klimaanlagen wenig hält. Der Mensch müsse vom hohen Ross steigen und die regenerativen Mechanismen der Natur nutzen. Die Klimaeffizienz von grünen Bauten sei jetzt auch wissenschaftlich bewiesen, was 2002, als sie ihr Konzept erstmals in den Niederlanden vorstellte, noch nicht der Fall war.

Außerdem bedürfe es einer neuen Formensprache der Architektur. Denn selbst im "Arch Daily"-Newsletter, also jenem der weltweit meistbesuchten Architekturwebsite, kämen immer noch oft Bauten mit kahlen Fassaden und Glas vor. (adem, 18.9.2018)