Nach der diesjärigen Rekordhitzewelle führt die Donau Anfang September Niedrigwasser wie seit langem nicht mehr. Manche Schotterbänke, die sonst von Wasser umschlossen sind, lassen sich zu Fuß erreichen. Dafür dauert die Fahrt mit dem Schlauchboot zu den noch bestehenden Inseln deutlich länger als sonst; die Fließgeschwindigkeit der Donau ist unter diesen Umständen gering. Die Inseln im Strom haben jetzt breite Strände aus Kies – wo es nicht aus Naturschutzgründen verboten ist, kann man auf Erkundungstour gehen.

Mitten im dichtbesiedelten und industrialisierten Europa gibt es also noch Wildnis – und zwar nicht nur im Gebirge. Kleine Flecken Naturbelassenheit finden sich eben auch in der Donau: Es handelt sich um jene Inseln, die der Fluss überall dort schafft, wo er noch nicht in ein starres Korsett von Stauwerksmauern und betonierter Uferverbauung gepresst wurde. Hier leben spezialisierte Pflanzen und Tiere. Der Mensch profitiert ebenfalls von diesem besonderen Lebensraum.

Nationalpark Donau-Auen

150 Wildnisinseln

Die Donau, das ist nicht nur eine gewaltige Wassermasse, sondern auch eine enorme Menge an Sediment, das der Strom auf seinem Grund loslöst und mit sich führt. In Flachwasserbereichen oder in Schlingen kann es wieder liegen bleiben und im Lauf der Zeit eine Insel aufschütten. Dabei entscheidet der jeweilige Donauabschnitt darüber, aus welchem Material eine solche Insel besteht: Je näher an der Quelle, desto größer sind die Steine, die das Wasser mitreißen kann. Im Mittelbereich reicht die Schleppkraft des Flusses gewöhnlich noch für Schotter, im Mündungsbereich größtenteils nur noch für Sand.

Das gilt jedoch nur für Bereiche, in denen die Donau zumindest noch einen Teil ihrer ursprünglichen Dynamik behalten hat wie zwischen Wien und Bratislava, wo sie zwar reguliert ist, im Bereich des Nationalparks Donau-Auen aber immer noch weitgehend ungehindert über die Ufer treten kann. Der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser kann bis zu sieben Meter betragen – ein Umstand, der den umgebenden Auwald ebenso prägt wie die Landschaft im Fluss selbst, sprich die Inseln.


900 Inseln gibt es auf der etwa 2800 Kilometern langen Donau. Knapp 150 davon wurden als Wildnisinseln ohne menschliche Beeinflussung eingestuft.
Foto: Nationalpark Donau-Auen

Sechs Wildinseln in Österreich

Mit einer vor kurzem angelaufenen EU-finanzierten Initiative mit dem Titel "Wild Island" hat man sämtliche Inseln in der gesamten Donau erhoben und ökologisch bewertet. Träger des Projekts ist die Organisation Danubeparks, in der alle Schutzgebiete entlang der Donau im Jahr 2007 zusammengeschlossen wurden. Ihr Ziel lautet, eine durchgehende Reihe naturnaher Donau-Inseln zu erhalten oder zu schaffen, indem Eingriffe durch den Menschen in Zukunft verhindert werden.

Insgesamt gibt es rund 900 Inseln auf der etwa 2800 Kilometern langen Donau. Knapp 150 davon wurden als Wildnisinseln ohne menschliche Beeinflussung eingestuft, und mehr als 200 wurde ein hohes Potenzial, eine Wildnisinsel werden zu können, bescheinigt. Der größte Teil dieser ökologisch wertvollen Lebensräume liegt in Rumänien und der Ukraine.

Österreich hat sechs Wildnisinseln, und zwar in der Wachau und im Bereich des Nationalparks Donau-Auen. "Die österreichischen Donau-Inseln bestehen aus Schotter und Kies, und die sind mittlerweile sehr selten geworden", sagt Wild-Island-Projektleiter Georg Frank vom Nationalpark Donau-Auen. "Das bedeutet eine besondere Verantwortung für Arten, die genau auf diesen Lebensraum angewiesen sind", ergänzt er.

Die natürlich gewachsenen Inseln in der Donau bieten Tieren wie dem Flussregenpfeifer einen wichtigen Lebensraum. Durch den Verlust desselben ist er bedroht.
Foto: REUTERS/Vasily Fedosenko

Hohe Brutpaardichte

So keimt etwa die Schwarzpappel zwischen den Kieselsteinen, oft ohne Erde. Ursprünglich eine Charakterart der Auwälder, gilt sie heute als gefährdet. Vor allem alte Exemplare, die bis zu 30 Meter hoch werden können, sind eine Rarität. Schuld daran sind neben Flussregulierungen Hybridpappeln, Mischlinge zwischen der heimischen und der Kanadischen Schwarzpappel. Sie wurden vor der Entstehung des Nationalparks und dem damit verbundenen Ende der Nutzung in den Donau-Auen angepflanzt, weil sie rascher und gerader wachsen als einheimische Pappeln, die sie seitdem auch weitgehend verdrängt haben.

Schotterflächen braucht auch der Flussregenpfeifer: Nach der Rückkehr aus seinen südlichen Überwinterungsgebieten legt er vier durch ihre Fleckung perfekt getarnte Eier in eine Mulde auf den nackten Kies. Nationalparkranger machen bei Führungen gern dasselbe mit Kunsteiern und fordern die Teilnehmer auf, sie zu suchen – ein Unterfangen, das gewöhnlich erfolglos verläuft.

Dafür führt es aber vor Augen, wieso das Betreten mancher Schotterbänke untersagt ist: Die Gelege können allzu leicht zertreten werden. Offenbar fühlt sich der Flussregenpfeifer im Osten Österreichs auch sehr wohl: Zwischen Wien und Bratislava weist er die höchste Dichte an Brutpaaren an der ganzen Donau auf, wobei er Inseln bevorzugt: Mehr als 80 Prozent aller Bruten an der Donau liegen auf solchen.

Wildnis als seltenes Gut

Auch für viele Fischarten sind die Inseln wichtig. Die selten gewordenen Nasen bevorzugen im Grunde rasche Strömung, zum Laichen aber flache Schotterbänke. Für die Entwicklung ihrer Larven suchen sie beruhigte Bereiche auf, wie sie vor allem an der strömungsabgewandten Seite von Inseln zu finden sind. Dort schützen sich viele andere Fischlarven und Jungfische vor dem Wellenschlag von Fracht- und Kreuzfahrtschiffen.

Freilich bestehen Flussinseln nicht nur aus Schotterbänken: Wie die umgebenden Auwälder durchlaufen auch sie eine Entwicklung, die gewöhnlich in einem Pappelwald gipfelt. Tatsächlich setzt die im Rahmen von Wild Island erarbeitete Definition einer Insel nicht nur eine gewisse Mindestgröße voraus, sondern auch, dass sie seit mindestens zehn Jahren bestehen und bei mittlerem Wasserstand noch aus dem Wasser ragen muss. Sie muss auch dauerhaft zumindest mit Büschen bewachsen sein.

Dort finden auch menschliche Besucher Schatten. Neben einigen besonders geschützten Inseln mit Betretungsverbot ist in ausgewählten Bereichen im Nationalpark Donau-Auen das Baden und Anlanden erlaubt. "In unserer heutigen Welt ist Wildnis ein seltenes Gut", sagt Georg Frank, "und wir wollen, dass die Menschen die Wildnis und die Schönheit der Inseln am eigenen Leib erfahren." (Susanne Strnadl, 15.9.2018)