DER STANDARD

Eine bitterböse Satire. Ähnlichkeiten mit aktuellen Diskursen sind rein zufällig und unerwünscht:

Wir haben ja heuer ein Gedenkjahr, hundert Jahre Republik, aber auch 80 Jahre "Anschluss", und immer wieder wird gefordert, man müsse die Geschichte lebendig halten, um aus der Geschichte zu lernen. Aber was genau soll man aus der Geschichte lernen?

Man darf Faschisten natürlich niemals als Faschisten bezeichnen und Feinde der Demokratie nie als Feinde der Demokratie, denn das könnte sie kränken, dann fühlen sie sich als Opfer, und nichts lieben sie so sehr, wie Opfer zu sein. Das war früher zwar anders, da wollten sie lieber Helden sein, aber heute wollen sie Opfer sein, woran man schon sieht, dass sich Geschichte nie exakt wiederholt.

Aus der Geschichte kann man auch lernen, dass man nie Vergleiche aus der Geschichte bemühen soll, denn das kränkt die Faschisten besonders, was aber zugleich das Lernen aus der Geschichte erschwert. Die Geschichte der dreißiger Jahre lehrt auch, dass das Hauptproblem die böse Polarisierung ist, etwa die zwischen den Nazis und den Gegnern der Nazis. Hätte es diese fürchterliche Polarisierung nicht gegeben, hätten sich die Nazis nicht so gekränkt, und wahrscheinlich wären sie dann nicht so böse Nazis geworden, sondern irgendwie nettere.

Das Hauptproblem war die Ausgrenzung der Nazis; hätte man ihnen rechtzeitig Ämter gegeben, in denen sie sich hätten nützlich machen können, wären sie nicht auf blöde Gedanken gekommen. Insofern waren in gewissem Sinne nicht die Nazis an den Nazis schuld, sondern die Gegner der Nazis. Auch das könnte man, wenn man wollte, aus der Geschichte lernen. Die Geschichte lehrt somit, dass man den Faschismus am besten bekämpft, indem man ganz lieb zu ihm ist und ihm am besten nicht widerspricht, denn das könnte ihn reizen und erst recht bestärken. (Robert Misik, 16.9.2018)