Durch neue Technologien kann sich der Mensch schneller an die Umwelt anpassen als durch natürliche Evolution. Dazu zählen implantierte Chips wie auch neue Methoden der Gentechnik.

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Stefan Lorenz Sorgner gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Transhumanismus

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Der Transhumanismus ist eine schillernde Denkrichtung mit dem Ziel, den Menschen mittels Technologie zu verbessern. In weiterer Folge könnte das auch den Weg in den Posthumanismus ebnen und die Überwindung des Menschen ermöglichen. Während manche Vertreter implantierte Chips oder Körperprothesen bereits als transhumanistisch betrachten, träumen andere davon, den menschlichen Geist in einen Computer zu übertragen ("uploaded mind"). Auch die genetische Optimierung mittels molekularbiologischer Methoden wie CRISPR/Cas9 wird herbeigewünscht.

Doch Befürwortern steht vehemente Kritik gegenüber. Der amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama beispielsweise nennt den Transhumanismus "die gefährlichste Idee" der Welt. Mit dieser Zuschreibung hat sich der deutsche Philosoph Stefan Lorenz Sorgner in seinem Buch "Transhumanismus – Die gefährlichste Idee der Welt?!" (Herder, 2016) beschäftigt. Sorgner ist Jurymitglied des Staatspreises Patent des Patentamts und Verkehrsministeriums, der im November vergeben wird.

Bei der Veranstaltungsreihe TEDx sprach Stefan Lorenz Sorgner 2015 über Transhumanismus.
TEDx Talks

STANDARD: Mithilfe von Technologie das menschliche Leben zu verbessern ist kein neues Anliegen. Die Medizin zum Beispiel hat das schon immer getan. Woher kommt die Skepsis gegenüber dem Transhumanismus?

Sorgner: Eine zentrale transhumanistische Zielsetzung ist es, die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen des Posthumanen zu erhöhen, was weithin problematische Konnotationen hervorrufen mag. Welche Eigenschaften der Posthumane besitzen wird, ist innerhalb des Transhumanismus umstritten. Die radikalste Form ist der in einen Computer hochgeladene Geist, eine digitalisierte Persönlichkeit, wie sie von Ray Kurzweil vertreten wird. Ich schließe diese Möglichkeit zwar nicht aus, halte ihre Realisierung innerhalb der nächsten 30 Jahre aber für höchst unplausibel. Mir erscheinen die Varianten des Implantierens von Chips im menschlichen Körper und die menschliche Selbstgestaltung mittels Gentechnik wesentlich vielversprechender zu sein. Allen Transhumanisten gemein ist die Annahme, dass mit neuesten Techniken die Chancen auf ein erfülltes Leben erhöht werden.

STANDARD: Wird lediglich diagnostiziert, dass diese technischen Möglichkeiten kommen werden, oder wird das auch herbeigewünscht?

Sorgner: Bei Transhumanisten ist Letzteres von primärer Relevanz. Mithilfe von Techniken kann das Wohlbefinden der Menschen erhöht werden. Deshalb ist es in unserem Interesse, über die bisherigen Grenzen des Menschen hinauszugehen. Ein indirektes Beispiel: Malaria ist einer der größten globalen Massenmörder. Jährlich sterben 500.000 Menschen daran. Mithilfe von Gene Drive (Technik zur beschleunigten Verbreitung von Genen in Populationen, Anm.) ist es möglich, den Malariaüberträger, also die Anopheles-Mücke, so zu verändern, dass sie sich nicht mehr fortpflanzen kann. Das wäre natürlich ein großer Eingriff ins Ökosystem, aber wir könnten so jedes Jahr einer halben Million Menschen das Leben retten.

STANDARD: Manche Leute würden sagen, so ein Eingriff sei zu gefährlich und gewisse Dinge regle die Natur schon selbst.

Sorger: Aber das liegt nicht in unserem Interesse. Wollen wir 30 Jahre länger leben, selbst wenn das große soziale Herausforderungen mit sich bringt? Ja, selbstverständlich will ich länger leben und meine Gesundheitsspanne erhöhen! Das ist ein legitimes Interesse, für das ich mich einsetze. Aber das kann in der Praxis nur funktionieren, wenn ein bestimmter gesellschaftlicher Zusammenhalt vorhanden ist. Eine zu große Spannung zwischen Armen und Reichen etwa untergräbt die Möglichkeit, freie Entscheidungen zu treffen. Natürlich muss in einem liberalen Staat regulativ eingegriffen werden. Aber grundsätzlich ist das Interesse des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen, eine wunderbare gesellschaftliche Errungenschaft. Wir haben in der Aufklärung erfolgreich gegen die Bevormundung durch politische und kirchliche Herrscher und für das Recht, nach eigenen Vorstellungen des Guten leben zu dürfen, gekämpft.

STANDARD: Der Transhumanismus versteht sich demnach als emanzipatorische Denkrichtung?

Sorgner: Grundlage des westlichen Denkens war seit 2000 Jahren die Annahme, dass der Mensch eine immaterielle Vernunft hat, mit der er unveränderliche Wahrheiten erkennen kann. Erst mit Charles Darwin und Friedrich Nietzsche kam es zu einer Revision dieses Selbstverständnisses. Seither gilt: Wir sind auch nur ein Teil der Natur, und alle unsere Eigenschaften sind prinzipiell empirisch zugängig. Daher unterliegen wir einem beständigen Wandel. Mit den neuesten Technologien können wir uns besser an die Umwelt anpassen, als wir dazu auf Basis der rein natürlichen Evolution in der Lage wären. Mit diesem revidierten Selbstverständnis geht auch eine neue Bescheidenheit einher: Der Mensch ist nicht mehr die Krone der Schöpfung, da wir uns nur noch graduell von unserer Umwelt unterscheiden.

STANDARD: Wo bleibt in diesem Weltbild noch Platz für menschliche Autonomie?

Sorgner: Auf anthropologischer Ebene gibt es keine Autonomie. Wir können Autonomie noch nicht einmal auf plausible Weise denken. Aber die Fiktion von Autonomie ist eine wichtige Errungenschaft. Ohne sie wären wir in ein relationales Geflecht eingebunden und hätten keine Handhabe gegen Bevormundung oder Unterdrückung. Aber nicht nur Menschen sollten als Träger von Autonomie gelten. Jedes Wesen, das Träger von moralischen Eigenschaften ist, sollte als Person anerkannt werden. Also auch manche Tiere oder eines Tages vielleicht künstliche Intelligenzen. Diese Abkehr von unserem traditionellen Denken hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche – die Rechtssprechung bis hin zu unserem Verständnis menschlicher Beziehungen. Zum Beispiel ist es möglich, dass mithilfe neuster Techniken zwei Frauen und ein Mann gemeinsam ein biologisch verwandtes Kind haben. In Großbritannien ist das unter bestimmten Bedingungen bereits gesetzlich erlaubt. Die Technik ist vorhanden. Warum sollte man es ihnen verbieten? (Raimund Lang, 26.9.2018)