Die Crew der Aquarius übergibt die Geretteten an die maltesische Küstenwache.

Foto: Blei

Die Übergabe musste auf hoher See passieren, da der Wellengang sehr stark war.

Foto: Blei

Die 58 Menschen – und ein Hund – wurden dann ans Festland gebracht. Malta hatte am Mittwoch bekanntgegeben, sich mit den EU-Mitgliedstaaten Frankreich, Deutschland, Spanien und Portugal geeinigt zu haben, die Geretteten zu übernehmen und anschließend auf die vier Staaten zu verteilen.

Foto: Reuters

Kurz nach 12.30 Uhr signalisierten am Sonntag die Mitglieder der maltesischen Küstenwache mit einem Daumen-hoch, dass sich alle 58 Geretteten und der Hund an Bord ihres Schiffes befinden. Hinter den Männern mit den Gesichtsmasken und den weißen Einweganzügen saßen die Frauen, Männer und Kinder in orangen Rettungswesten an Deck. Sie winkten noch ein letztes Mal dem Rettungsboot des Hilfsschiffs Aquarius zu, bevor es mit seiner Besatzung wieder zurück auf das Schiff übersetzte.

Hoher Wellengang erschwerte Übergabe

Die Aquarius und die Küstenwache hatten sich im Süden der Insel, in internationalen Gewässern getroffen, um die Übergabe der Menschen durchzuführen. Malta hatte am Mittwoch bekanntgegeben, sich mit den EU-Mitgliedstaaten Frankreich, Deutschland, Spanien und Portugal geeinigt zu haben, die Geretteten zu übernehmen und anschließend auf die vier Staaten zu verteilen. Dass der Transfer so lange gedauert hat, war dem Umstand geschuldet, dass Malta die Aquarius in keinen seiner Häfen einlaufen ließ. Wellengang von bis zu fünf Metern machte eine Übergabe in internationalen Gewässern unmöglich. Die Geretteten mussten auf dem Deck des Hilfsschiffs von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen unter Heizstrahlern ausharren. Das medizinische Personal war damit beschäftigt, Medikamente und Injektionen gegen Seekrankheit zu verteilen. Die Menschen befanden sich eine Woche beziehungsweise zehn Tage an Bord der Aquarius.

Was nun mit den Menschen passiert

Was mit den Geretteten am Festland passiert, darüber haben die Retter keine Macht mehr, sagt Seraina Eldada, die für die humanitäre Arbeit an Bord zuständig ist. Fest steht, dass die Menschen nun in ein Auffanglager in Malta kommen, um dann so schnell wie möglich auf die EU-Staaten verteilt zu werden. "Wir versuchen mit Organisationen wie dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Kontakt zu bleiben, um Informationen zu den Geretteten zu erhalten", sagt Eldada. Gemeinsam mit zwei anderen MSF-Kollegen versucht sie nach der Rettung mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, um ihre Fluchtgeschichten zu erfahren, um ihnen die nötige Hilfe zukommen zu lassen.

"Die Geschichten der 58 Geretteten waren nicht repräsentativ für die Geschichten, die wir nach früheren Rettungen erfahren haben", sagt Eldada. Neu sei unter anderem gewesen, dass sich so viele Libyer auf der Flucht aus ihrem Heimatland befinden. War Libyen traditionell ein Transitland auf dem Weg nach Europa, so wird es seit Ausbruch der Kämpfe in der Hauptstadt Tripolis im August vermehrt zum Herkunftsland. Alle Libyer an Bord haben laut Eldada angegeben, wegen des Kriegs in das Boot gestiegen zu sein. "Deshalb hatten wir diesmal auch so viele Kinder an Bord", sagt Eldada. "Die Menschen haben erzählt, dass sie daheim ein relativ komfortables Leben hatten – bis die Kämpfe wieder aufgeflammt sind. Dann haben sie ihre Familien gepackt und sind geflohen."

Flucht ins Nachbarland schwierig

Warum sie den Weg über das Meer gewählt haben und nicht etwa ins Nachbarland Tunesien geflohen sind? "Es ist sehr schwer, für eine gesamte Familie ein Visum für Tunesien zu bekommen", sagt Eldada. Beim kleinsten Verdacht, dass es sich um eine Flucht und keine Reise mit Rückkehrdatum handelt, würden Visumsanträge abgelehnt werden, sagt die MSF-Mitarbeiterin. Außerdem sei bereits der Weg an die Landesgrenzen gefährlich, da die Straßen und Checkpoints von verschiedenen Milizen kontrolliert werden würden.

Die Aquarius befindet sich indessen auf dem Weg in die französische Hafenstadt Marseille. Dort wird sie die Flagge Panamas verlieren. Ein künftiger Flaggenstaat hat sich noch nicht angeboten, obwohl es unter anderem in der Schweiz oder Irland politische Anfragen dazu gibt, der Aquarius die Flagge zu verleihen. Auch in Norwegen werden Stimmen in Medien lauter, das Hilfsschiff zu registrieren. Die beiden Hilfsorganisationen an Bord werden gleichzeitig tätig und wollen öffentlichen Druck aufbauen, um ihre Arbeit im Mittelmeer fortsetzen zu können. Eine Petition, die am Freitagabend online gegangen ist, verzeichnete am Sonntagnachmittag bereits 51.000 Unterschriften. Ihre Ziel: Die Aquarius wieder auf hohe See zu senden. Außerdem sollen am Samstag, dem 6. Oktober, in mehreren europäischen Städten Kundgebungen zur Solidarisierung mit den Rettern stattfinden. (Bianca Blei, 30.9.2018)