"Höchste Zeit, dass wir uns starkmachen für eine Arbeitswelt mit einem festen Wertesystem, in der es nicht nur um Profit und Gewinn, sondern auch um Menschlichkeit und Gerechtigkeit geht, eine Arbeitswelt, in der die Gesundheit der Mitarbeiter mindestens so hoch wie die wirtschaftliche Gesundheit der Unternehmen bewertet wird", sagt Martin Wehrle.

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Wie bekommen Firmen es hin, dass Beschäftigte zu perfekten Selbstausbeutern werden? Drei Schritte können diesen Prozess beschleunigen:

1. Nimm einen Mitarbeiter in die Geiselhaft der alleinigen Verantwortung: für eine Aufgabe, ein Projekt, ja für die ganze Firma. Als Hinterbänkler der Hierarchie soll er dieselbe Verantwortung tragen wie ein Chef, ohne auf die blöde Idee zu kommen, dafür dasselbe Gehalt zu wollen.

2. Sorg dafür, dass seine Aufgabe die reguläre Arbeitszeit sprengt. Beschäftige zu wenig Personal, dann ist der Einzelne so richtig beschäftigt. Lass komplexe Aufgaben gleichzeitig auf ihn einprasseln; ein Ball muss immer in der Luft sein, sonst geht er früh nach Hause.

3. Lass durchblicken, dass du ihn am Erfolg misst. Er wird den Umkehrschluss verstehen und alles dafür tun, dass sein Arbeitsplatz nicht von der nächsten Entlassungswelle weggeschwemmt wird, an einen Freiberufler ausgelagert oder von einem nachrückenden Jungspund zum Billigtarif erledigt.

Die Beschäftigten bekommen mehr Verantwortung auf den Teller, als in der regulären Arbeitszeit zu bewältigen ist. Das Unerledigte zieht Gedanken magisch an. Wer zu Hause sein Essen kaut, kaut in Gedanken auf seiner Arbeit herum. Und was im Bett als Liebesgeflüster beginnt, endet als Gespräch über die Arbeit. Höhepunkt ist dann das Versenden einer tagsüber vergessenen Mail.

Hobbys ordnen sich Job unter

Das Leben schmilzt zum Arbeitsleben, alles hat einen Bezug zum Job. Sogar die Hobbys sind nur noch ein Kasernenhof, der Menschen für die tägliche Arbeitsschlacht abrichtet. In der Karriereberatung höre ich immer wieder Aussagen wie: "Ich jogge, damit ich fit bleibe und mich nicht jede Grippewelle umhaut" – bloß nicht zu oft durch Krankheit fehlen! "Ich gehe abends ins Fitnessstudio, damit ich am nächsten Tag einen freien Kopf habe" – bloß keine Fehler machen! "Ich gehe zum Boxen, denn als Managerin brauche ich Durchsetzungskraft" – bloß nicht beim Meeting als zu weich gelten! "Ich hab das Bergsteigen angefangen, denn mein Chef verlangt von mir mehr Zielstrebigkeit" – bloß nicht den Projektgipfel zu spät erreichen!

Warum ist es nicht mehr genug, sich beim Sport zu erholen? Warum ordnet sich alles dem Job unter? Warum sitzt die verflixte Arbeit auf einem Thron und regiert unser ganzes Leben? Vor einiger Zeit habe ich verfolgt, wie der leitende Hausjurist eines Konzerns an Lungenkrebs erkrankte. Die Ärzte stellten ihm eine schlechte Diagnose aus. Stapelweise ließ er sich Arbeit ins Krankenhaus bringen. Die Blumen wurden beiseite geschoben, sein Nachttisch war unter Akten kaum mehr zu sehen.

Vor lauter Arbeit haben wir nicht einmal mehr Zeit fürs Sterben. Und erst recht nicht fürs Vergnügen. Trifft eine lange geplante Party auf eine kurzfristige Überstunde, hat der Job immer Vorfahrt – wer könnte eine Feier genießen, während sein Arbeitsbaby nach ihm schreit?

Kinderkriegen wird zum "Projekt"

Und auch im Urlaub schauen viele Arbeitnehmer aufs Display – flimmert ja auch blau! – statt aufs Meer hinaus. "Ich muss öfter mal kurz meine Mails checken, sonst werde ich unruhig", sagt eine Wirtschaftsprüferin. "Öfter" heißt: alle zehn Minuten; "mal kurz": bis in die tiefe Nacht. Denn die Kollegen haben ein Bombardement aus Anfragen gestartet. Wer einmal im Urlaub nach fünf Minuten antwortet, muss sich rechtfertigen, wenn die nächste Antwort sechs Minuten dauert; es entsteht ein Gewohnheitsrecht zu seinen Ungunsten.

Arbeit bestimmt sogar die Familienplanung. Paare fragen sich nicht mehr: Wollen wir Kinder? Sondern: Vertragen sich Kinder mit der Karriere? Und wann wäre der optimale Zeitpunkt für dieses "Projekt"? Alles ist zum "Projekt" mutiert und wird mit kühler Hand organisiert, die eigene Hochzeit genauso wie die Beerdigung der Eltern.

Doch wer vorm Kinderkriegen noch rasch die große Fortbildung abschließen, den Aufstieg hinlegen und einen unbefristeten Vertrag ergattern will – der schaukelt am Ende des Tages nur sein Arbeitsbaby. Weil sich der Partner verkrümelt. Oder die Biologie verweigert. Oder der Festvertrag ausbleibt.

Hinter dem Kampf um den beruflichen Erfolg lauert die Angst vorm Scheitern. Viele Bürostühle sind Schleudersessel geworden. Wer nicht funktioniert oder nicht mehr kann, macht den Abflug, erst recht mit befristetem Vertrag. Wehe, ein Mensch zerbricht an seiner Arbeit! Dann war nie die Arbeit zu hart, sondern immer der Mensch zu weich. Wer unter dem Druck zusammenbricht, wird zur "Burnout-Persönlichkeit" erklärt. Mir kommt das vor, als würde man einen Fluss vergiften und dann zu den Fischen sagen: "Was seid ihr für Schlappschwänze, dass ihr umkippt!"

Arbeitswelt mit Menschlichkeit

Ein Heer von Ausgebrannten habe ich schon beraten, deshalb weiß ich: Der Fehler liegt nicht beim Einzelnen, er liegt im System. Anfällig macht uns ein gesellschaftliches Klima, das Aufstieg im Job mit einer Himmelfahrt verwechselt. Jeder Arsch, der sich auf einen Chefsessel setzt, hat angeblich "etwas aus sich gemacht"; Calvinismus schlägt Humanismus. Wer dagegen Teilzeit arbeitet, gilt als halber Mensch. Und Arbeitslose stehen im Abseits einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen vom Gehaltszettel abliest.

Aber was sagen Positionen und Gehälter eigentlich aus? Ist ein Manager denn mehr wert als eine Verkäuferin, nur weil er mehr verdient? Tut ein erziehender Vater weniger für die Gesellschaft als ein leitender Angestellter? Und ist es überhaupt klug, die Höhe der Gehälter der Willkür des Marktes zu überlassen? Höchste Zeit, dass wir uns starkmachen für eine Arbeitswelt mit einem festen Wertesystem, in der es nicht nur um Profit und Gewinn, sondern auch um Menschlichkeit und Gerechtigkeit geht; eine Arbeitswelt, in der die Gesundheit der Mitarbeiter mindestens so hoch wie die wirtschaftliche Gesundheit der Unternehmen bewertet wird.

Unrealistisch, meinen Sie? Hängt ganz davon ab, was die Arbeitnehmer gemeinsam fordern. Durchsetzen ließe sich (fast) alles. Denn ein Unternehmen ohne Mitarbeiter ist wie ein Meer ohne Wasser: Es verdient seinen Namen nicht mehr. Und erst recht kein Geld. (Martin Wehrle, 12.10.2018)