"Diskurse über Identität findet man in anderen Ländern nicht, in der Türkei waren sie mir unbekannt. Da hat der Mensch ganz andere Sorgen", sagt der Soziologe Erol Yildiz.

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15,8 Prozent – das ist der Anteil ausländischer Staatsangehöriger, die Anfang 2018 in Österreich wohnten. Obwohl Deutsche hier den größten Anteil bilden, sind sie meist nicht die Ersten, an die gedacht wird, wenn von Migrantinnen und Migranten die Rede ist. Die Unterscheidung zwischen "Migranten" und "Mobilen" ist auch dem Soziologen Erol Yildiz von der Universität Innsbruck bewusst. Der Experte für Migration und Bildung beschäftigt sich unter anderem mit internationalen Migrationsbewegungen und Identität.

STANDARD: Leben wir im Zuge der Globalisierung in vielfältigeren Gesellschaften als früher?

Yildiz: Vielfalt ist historisch normal. Ob man will oder nicht, es gibt immer Einflüsse von außen, die wir übernehmen, in unseren Alltag übersetzen, verinnerlichen und irgendwann nicht mehr als fremd wahrnehmen. Dazu braucht man nur an Tee- und Kaffeekultur zu denken, die Pflanzen kommen ja nicht aus Europa. Letztendlich wird aber vieles nationalisiert und als typisch österreichisch gesehen, obwohl der Ursprung ein anderer ist.

STANDARD: Auch Umzug oder Flucht in andere Länder, in denen man sich einen besseren Lebensstandard erwartet, gab es schon früher.

Yildiz: Von 1815 bis 1930 sind ungefähr sechzig Millionen Europäer interkontinental ausgewandert, vor allem in die USA. Sogar Donald Trump hat deutsche Wurzeln. Die Gründe waren oft auch ökonomischer Natur, dort hatten sie bessere Perspektiven. Heutzutage würde man durchaus von Wirtschaftsflüchtlingen sprechen.

STANDARD: Trotzdem gibt es Unterschiede zu früher, allein die Fortbewegungsmittel ...

Yildiz: Ja, Mobilität ist heutzutage für viele einfacher geworden. Man kann sich leichter auf den Weg zu Verwandten oder Bekannten machen, die woanders auf der Welt leben. Und durch die neuen Medien sind die Leute besser informiert und weltweit organisiert. Das hat sich erst in den vergangenen vierzig Jahren entwickelt. Man ist dabei natürlich von finanziellen Ressourcen abhängig. Und wer aus einem Krisengebiet flüchten will, muss oft fünf- bis zehntausend Dollar zusammenbringen, um Schlepper zu bezahlen. Die ärmsten Menschen bleiben meistens vor Ort oder in angrenzenden Ländern.

Gemeinsam mit Jugendlichen erforscht Erol Yildiz Migrationsgeschichten.
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STANDARD: Die Begriffe Mobilität und Migration sind interessanterweise unterschiedlich konnotiert.

Yildiz: Im Grunde ist Migration auch Mobilität. Bei Migranten denkt man aber direkt an Konflikte und notwendige Integrationsmaßnahmen und nicht zum Beispiel an einen erfolgreichen Arzt. Diese Trennung, die auch in der Wissenschaft vorgenommen wird, erzeugt eine scheinbare Normalität. Dabei sagt der Begriff "Migrant" so gut wie gar nichts aus. Meint man die erste Generation von Einwanderern, oder auch die zweite, die dritte? Meint man Gastarbeiter? Diejenigen Menschen, die in den vergangenen paar Jahren nach Österreich gekommen sind?

STANDARD: Müsste man also vor allem stärker differenzieren?

Yildiz: Ja, sonst erzeugt man künstliche Gruppen und erweckt den Eindruck, sie seien homogen. Die Unterscheidung in Einheimische und Migranten ist gerade heutzutage unnötig. Wir sollten viel spezifischer schauen, welche Probleme bestimmte Menschen haben und wie man damit umgehen soll – ohne zu verallgemeinern oder zu dramatisieren.

STANDARD: Welche Rolle spielen unterschiedliche Identitäten von Zugezogenen und ihren Nachfahren im Alltag?

Yildiz: Die Debatte über Identität kommt aus dem wissenschaftlichen Bereich und ist im Übrigen auch sehr westlich geprägt. Das hat historische Gründe, es hängt etwa mit der Epoche der Aufklärung zusammen. Derartige Diskurse findet man in vielen anderen Ländern nicht, in der Türkei waren sie mir unbekannt. Ich meine, dass das im alltäglichen Leben keine große Rolle spielt. Da hat der Mensch ganz andere Sorgen. Manchmal werden diese Sorgen mit Identität in Verbindung gebracht, aber letztendlich geht es doch um konkrete Probleme, an denen man arbeiten muss. Meinem Eindruck nach wird einem das teils von außen übertragen.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Yildiz: Im Alltag ist man selten mit solchen Fragen der Zugehörigkeit konfrontiert. Eher findet das bei bekannten Persönlichkeiten statt, die gefragt werden, ob sie sich zum Beispiel halb deutsch, halb türkisch fühlen. Interessant ist da auch Folgendes: Der Filmemacher Fatih Akin hat 2004 den Goldenen Bären verliehen bekommen, und in den Nachrichten hieß es gleich, dass der Preis erstmals seit 18 Jahren an einen deutschen Film ging. Wenn große Leistungen erbracht werden, wird man viel eher "verdeutscht", ansonsten hat man Migrationshintergrund.

STANDARD: Dennoch kann sich die Problematik ergeben, dass man sich keiner Gruppe vollständig zugehörig fühlt.

Yildiz: Die Frage ist: Muss man sich zu irgendetwas zugehörig fühlen? Was bedeutet ein solches Zugehörigkeitsgefühl konkret für mich? Was bringt mir das? Die Debatten über Zugehörigkeiten halte ich für sehr national gedacht. Wir sind aber immer mehrfach zugeordnet. Ich habe Verwandtschaft in der Türkei, wo ich aufgewachsen bin, und kenne viele Menschen in Köln und Klagenfurt, wo ich gelebt habe. Wenn man Biografien betrachtet, kommen ja meist mehrere unterschiedliche Bindungen und Netzwerke zusammen, die uns viel eher ausmachen.

STANDARD: Wie verbreitet ein "Migrationshintergrund" ist, zeigt auch Ihr aktuelles Citizen-Science-Projekt "Gesichter der Migration".

Yildiz: Da geht es um Jugendliche in Tirol, die die Migrationsgeschichte ihrer Familie erforschen. Schüler von zwei Neuen Mittelschulen in der Stadt und auf dem Land interviewen dafür ihre Verwandten. Und wenn man genau hinschaut, kommt Migration in allen Familien vor. Das wird aber selten so kommuniziert – wenn man darüber spricht, geht es meist nur um bestimmte Familien. Dabei gibt es ja auch die Binnenmigration, also wenn jemand aus dem Burgenland nach Innsbruck zieht oder aus Kärnten nach Wien. Ein Schüler hat von seinem Opa erzählt, der auf Besuch immer Äpfel aus Südtirol mitgebracht hat – sozusagen Obst mit Migrationshintergrund. (Julia Sica, 12.10.2018)