Bevor die saudischen und die türkischen Ermittler am Montag Untersuchungen aufnahmen, betrat ein Putztrupp das saudische Konsulat in Istanbul. Danach folgten die Wachen.

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Sie schleppten blaue Plastiksäcke aus der Residenz des saudischen Generalkonsuls und kleine Container, die besonders empfindliches Material enthalten mussten. DNA-Proben zumal, die sich vielleicht zu einem Bild zusammenfügen lassen und die erklären, was am 2. Oktober mit Jamal Khashoggi, dem prominenten saudischen Journalisten, geschehen ist. Neun Stunden lang, bis in die Nacht auf Donnerstag, untersuchten türkische Ermittler die Residenz des Konsuls im Istanbuler Stadtteil Levent. Dass Khashoggi umgebracht wurde, gilt ihnen als sicher. Was fehlt, ist seine Leiche.

DER STANDARD

Die türkische Polizei dehnt ihre Suche über Istanbul hinaus nach Yalova am Marmarameer aus, so berichtete eine regierungsnahe Zeitung am Donnerstag. Am Tag von Khashoggis Verschwinden war einer der schwarzen Konsulatswagen in der Gegend um Yalova beobachtet worden. Die Hotelresorts mit ihren Thermalbädern dort sind auch bei saudischen Touristen sehr beliebt. Khashoggis zerstückelte Leiche könnte in diesem Gebiet beseitigt worden sein, hieß es, möglicherweise aber auch im Belgrad-Wald im Nordwesten Istanbuls.

Lebendig verstümmelt

Das Ergebnis der Ermittlungen zu Khashoggis Verschwinden werde schon bald präsentiert werden, kündigte der türkische Justizminister Abdülhamit Gül an.

Khashoggi, ein Kritiker des de facto regierenden saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman, soll Erkenntnissen türkischer Sicherheitskreise zufolge im Büro des Generalkonsuls von einem Mordkommando umgebracht worden sein. Wichtigster Beleg dafür ist ein Audiodokument über den Moment der Ermordung, das die türkische Seite angeblich in ihrem Besitz hat. Unter Berufung auf den Tonmitschnitt, dessen Inhalt zumindest einigen türkischen Medien bekannt sein soll, malten sich Journalisten aus, welche Körperteile Khashoggi in welcher Reihenfolge abgeschnitten wurden. Der 59-Jährige soll dabei betäubt, aber noch am Leben gewesen sein.

Verbindung zum Kronprinzen

Sieben der 15 Männer, die offenbar für Khashoggis Ermordung nach Istanbul geflogen waren, seien saudische Offiziere, die dem engsten Sicherheitsschutz von Kronprinz Salman angehören. Das ergaben Recherchen der Nachrichtenseite "Middle East Eye". Zunächst war von wenigstens vier mutmaßlichen Killern die Rede gewesen, die direkt mit Salman verbunden seien. Der als Reformer auftretende Kronprinz, der im Frühjahr eine vielbeachtete Reise in die USA und nach London unternommen hatte, stritt jede Kenntnis über das Schicksal Khashoggis ab.

Einer der verdächtigen Männer, der dem Kommando angehörte, soll mittlerweile bei einem Autounfall in Riad ums Leben gekommen sein. Mashad Saad al-Bostani, 31-jähriger Leutnant der saudischen Luftwaffe, sei als Mitwisser aus dem Weg geräumt worden, mutmaßte "Yeni Şafak", das islamistische türkische Boulevardblatt, das sich in den letzten Tagen mit angeblichen Informationen aus Ermittlerkreisen hervortat.

Verantwortung abgeschoben

Auch dem saudischen Generalkonsul Mohammad al-Otaibi drohe nun die Ermordung, warnte ein regierungsnaher türkischer Kolumnist. Otaibi war am Dienstag plötzlich aus Istanbul abgereist und nach Saudi-Arabien zurückgeflogen. Am Tag darauf wurde bekannt, dass er von seinem Posten entbunden und eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet worden sei. Kronprinz Salman, so scheint es, versucht die mutmaßliche Ermordung Khashoggis als ein Werk des Konsuls und von dessen Helfern darstellen zu wollen.

Der Verdacht, die saudische Führung habe einen Kritiker auf besonders grausame Weise im Ausland ermorden lassen, bringt vor allem Regierungen und Konzerne im Westen in Verlegenheit. Der britische, der niederländische und der französische Finanzminister sagten am Donnerstag ihre Teilnahme an einer für nächste Woche angesetzten großen Investorenkonferenz in Saudi-Arabien ab. (Markus Bernath, 18.10.2018)