Im Restaurant Haidilao in Peking arbeiten auch Roboter. Um Wohlstand zu fördern, muss der Einsatz von Maschinen fördert und nicht durch eine Erhöhung des Angebots an menschlicher Arbeit verzögert werden.

Foto: REUTERS/Jason Lee

Mit der schieren Unzahl von denkbaren und auch noch nicht gedachten Anwendungen, welche unter dem Begriff "Künstliche Intelligenz" firmieren, sind naturgemäß ebenso zahllose unterschiedliche Erwartungen, Hoffnungen und Ängste verbunden. Alle haben ihre Berechtigung. Entscheidend ist nämlich, wie und für welche Zwecke die neuen Technologien eingesetzt werden, wer beziehungsweise welche Interessen sich durchsetzen und ob langfristige Ziele oder kurzfristige Gewinnoptimierung im Vordergrund stehen werden.

Macht der Märkte

Bestehende Anwendungen und gegenwärtig eingeschlagene Wege der Politik lassen wenig Positives erwarten. Hochkomplexe Algorithmen werden auf Finanzmärkten genutzt, um in Mikrosekunden auf kleinste Veränderungen von Angebot und Nachfrage zu reagieren und so Finanzspekulationen zu optimieren. Wenn dies die Realwirtschaft behindert oder die Wirtschaftspolitik einzelner Staaten bestimmt, so ist dies kein Marktversagen oder fehlende Regulierung, sondern eine alternativlose Konsequenz der Macht der Märkte. Adam Smith würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er sehen müsste, wie seine unsichtbare Hand zu einer strafenden Faust geworden ist, die eine neoliberale Wirtschaftspolitik durchsetzt.

Auf den Arbeitsmärkten wird die wohl ineffizienteste und ungerechteste Form der Arbeitszeitverkürzung, nämlich Arbeitslosigkeit, über Jahre hinweg akzeptiert, obwohl damit einer ganzen Generation die Zukunft genommen wird. Neid und Angst dominieren statt sozialer Sicherheit den Alltag. Damit werden auch politische Strömungen begünstigt, welche über kurz oder lang zu einem Ende der Europäischen Union und damit des Friedens in Europa führen werden. Bestrebungen, die Wochen- und Lebensarbeitszeiten unter den Stichworten Flexibilisierung und Pensionsreform zu erhöhen, ignorieren völlig alle vorhandenen Chancen, durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Robotern menschliche Arbeit zu ersetzen und die Produktivität zu erhöhen. Kurzfristig mag dies für das eine oder andere Unternehmen die Konkurrenzfähigkeit positiv beeinflussen, langfristig hat dies aber eine gegenteilige Wirkung. Der Druck zur Automatisierung und Rationalisierung wird verringert und Österreich und Europa beginnen in einen Lohnwettbewerb einzutreten, während (ehemalige) Billiglohnländer wie China auf Automatisierung und neue Technologien setzen. Lernfähige Roboter sind langfristig flexibler und konkurrenzfähiger.

Wohlstand sichern und verteilen

In die Debatte um die langfristige Sicherung der Pensionen scheint die (künstliche) Intelligenz auch noch nicht tief eingedrungen zu sein. Der Hinweis, dass wir länger leben und daher eben länger arbeiten müssen, ignoriert vollkommen, dass es sich im Grunde nicht um eine Frage des Verhältnisses von arbeitenden zu nicht arbeitenden Personen handelt, sondern darum, den Wohlstand langfristig zu sichern und zu verteilen.

Dazu ist es notwendig, den Einsatz von Maschinen zu fördern und nicht durch eine Erhöhung des Angebots an menschlicher Arbeit zu verzögern. Wäre das Verhältnis zwischen aktiver und nicht aktiver Bevölkerung von irgendeiner Relevanz, so müsste man etwa – übertragen auf die Landwirtschaft – in Pol Pot-Manier die Menschen zwingen, wieder in der Landwirtschaft tätig zu werden, hat sich doch hier das Verhältnis der versorgenden zu den versorgten Personen viel krasser geändert als jenes zwischen Arbeitenden und Pensionisten. Dennoch leiden wir, zumindest hier in Europa an keinem Mangel an Lebensmitteln, im Gegenteil. Worauf es ankommt, ist die Produktion beziehungsweise die Produktivität. Man braucht jetzt nicht auf das Beispiel der Roten Khmer oder anderer Art planwirtschaftlicher Systeme zurückzugreifen, um sich vorstellen zu können, wie sich ein Überangebot an nicht benötigter Arbeit auf den Wohlstand auswirken würde.

Wenn es uns schon jetzt so schwerfällt, die Technik im Sinne des menschlichen Wohls einzusetzen, wie wird es erst dann sein, wenn Algorithmen nicht nur auf Finanzmärkten, sondern im Gesundheitswesen, in Vorstandsetagen, in Politik, Verwaltung und auch im höchstprivaten Leben Entscheidungen beeinflussen und letztendlich wohl auch treffen werden? Werden wir unser Schicksal auch in Zukunft bestimmen können oder werden wir zu Sklaven zahlloser anonymer, intransparenter und unbeeinflussbarer Optimierungen durch künstliche Intelligenzen? Werden demokratische Gesellschaften Bestand haben oder werden sie durch "Algokratien" abgelöst? (Johann Čas, 23.11.2018)