Joachim Holmboe Rønneberg bei einer Ehrung in London im Jahr 2013.

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Im Februar dieses Jahres folgte Norwegens Kronprinz Haakon (vorne rechts) zum 75. Jahrestag dem Weg der Widerstandskämpfer der Operation Gunnerside in Vemork bei Rjukan.

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"Er war einer unserer großen Helden." So würdigte Norwegens Regierungschefin Erna Solberg den Widerstandskämpfer Joachim Holmboe Rønneberg: "Sein Mut und seine Tapferkeit trugen zu der erfolgreichsten Sabotagekampagne auf norwegischem Boden bei." Rønneberg ist am Sonntag im Alter von 99 Jahren gestorben. Als 23-Jähriger war er der Anführer eines Einsatzkommandos der britischen Special Operations Executive (SOE) im von den Nazis besetzten Norwegen.

Die Operation "Gunnerside" hatte von Anbeginn schlechte Chancen auf eine erfolgreiche Durchführung. In der Nacht des 16. Februar 1943 sprangen sechs Mitglieder der Norwegian Independent Company 1, einer britischen Sondereinsatztruppe, über dem unwegsamen Gelände der Hardangervidda im Süden Norwegens ab. Ihr Auftrag: die Zerstörung der Schwerwasserproduktion im Wasserkraftwerk Vemork in der Provinz Telemark. Damit sollte die Entwicklung einer deutschen Atombombe verhindert werden.

Katastrophaler Einsatz

Die nach ihrem 1941 getöteten Anführer Martin Linge auch "Kompani Linge" oder "Linge-Folk" ("Linge-Leute") genannte Truppe war für einige Aktionen gegen die Nazibesatzung verantwortlich. Drei Monate vor "Gunnerside" war eine weitere Kommandoaktion gegen die Produktionsstätte in einer Katastrophe mit 41 Toten geendet. In der Operation "Freshmen" sollte ein britischer Trupp eingeflogen werden und mit zwei Lastenseglern des Typs Airspeed Horsa auf dem zugefrorenen See Møsvatn nahe Vemork landen. Doch die Sicht war schlecht – eines der beiden Halifax-Schleppflugzeuge flog in einen Berghang, dabei starb die siebenköpfige Crew. Der Segler konnte sich zwar ausklinken, stürzte aber ebenfalls ab.

Das zweite Gespann erreichte zwar den See, konnte das geplante Landegebiet aber nicht orten. Der Pilot entschied sich für den Abbruch der Aktion. In Turbulenzen riss jedoch das Schleppseil, und auch der zweite Segler legte eine Bruchlandung hin. Insgesamt 23 Mitglieder der jeweils 17-köpfigen Besatzungen der beiden Airspeed Horsa überlebten die Abstürze zum Teil schwer verletzt und gerieten in Gefangenschaft. Nach Folterverhören durch die Gestapo wurden sie Hitlers Kommandobefehl folgend ermordet. Nun wussten die Nazis, dass die Schwerwasserproduktion in Vemork auf der Agenda der Briten stand.

Kontrolle über die Kettenreaktion

In den frühen 1940er-Jahren steckte die Forschung über die Kernspaltung noch in den Kinderschuhen. Durch eine Reihe von Experimenten war jedoch klar, dass es sich dabei um eine neue und schier unerschöpfliche Energiequelle handelte – eine Verlockung für die Militärs aller Kriegsparteien im Zweiten Weltkrieg. Um die nukleare Kettenreaktion jedoch kontrollieren zu können, war eine Substanz vonnöten, die als Moderator eingesetzt werden konnte – Deuteriumoxid (D2O), auch schweres Wasser genannt, kommt dafür infrage. Deuterium ist ein natürlich vorkommendes Isotop des Elements Wasserstoff. Der Atomkern enthält im Gegensatz zu normalem Wasserstoff neben einem Proton auch ein Neutron. Die einzige Fabrik auf europäischem Boden, die Anfang der 1940er-Jahre zur Herstellung von nennenswerten Mengen schweren Wassers in der Lage war, war die Anlage im Wasserkraftwerk Vemork.

Wettlauf um das schwere Wasser

Schon früh wussten die Alliierten vom Interesse der Deutschen an dem Werk in Vemork. Die IG Farben besaß einen Anteil an Norsk Hydro und wollte den Norwegern die Bestände an schwerem Wasser abkaufen. Vor dem Eintreffen der Nazis hatten die Franzosen den Abtransport des gesamten Bestands an schwerem Wasser organisiert. Erst wurden 185 Kilogramm Deuteriumoxid aus dem Werk in Vemork nach Frankreich geschmuggelt. Nach dem Einmarsch der Nazitruppen wurde das Schwerwasser erst in einer Bank eingelagert, dann in einem Gefängnis versteckt und schließlich von Bordeaux aus nach England gebracht.

Nach der Besetzung Norwegens im Frühling 1940 ordneten die Deutschen eine massive Produktionssteigerung in Vemork an. Die Alliierten wussten zwar über den exakten Stand der deutschen Forschungen an der Atombombe nicht Bescheid, klar war jedoch, dass die Entwicklung unter allen Umständen verhindert werden musste.

Mit dem Fallschirm ins Einsatzgebiet

Schon Ende März 1942 war Einar Skinnarland von den Briten nach Norwegen eingeflogen worden. Skinnarland hatte in Vemork gearbeitet und kannte daher die Verhältnisse vor Ort. Erst Mitte März 1942 hatte er sich mit dem entführten Küstendampfer SS Galtesund über die Nordsee nach Großbritannien abgesetzt, wo er sich der Kompani Linge anschloss. Im Oktober 1942 folgten vier weitere Untergrundkämpfer, die ebenfalls über der Hardangervidda absprangen. Sie versorgten in ihrer "Operation Grouse" die Briten mit Informationen über die Bedingungen in und um Vemork.

Nach dem Desaster der "Freshmen" sollte nun "Gunnerside" den entscheidenden Schlag gegen die Schwerwasserproduktion der Nazis führen. Die Deutschen hatten mittlerweile die Sicherheitsvorkehrungen massiv erhöht. Das Gelände war mit Scheinwerfern und Minen und zusätzlichen Wachen gesichert. Die sechs Männer des Kommandos landeten 45 Kilometer von ihren Kollegen des "Grouse"-Teams entfernt, die schon den ganzen Winter vor Ort ausharrten und sich zum Teil von Flechten und Moos ernähren mussten. Nachdem das "Gunnerside"-Team wegen eines Schneesturmes fünf Tage lang in einer Jagdhütte hatte warten müssen, schlossen sich die Truppen zusammen.

Angriff auf das Schwerwasserwerk

In der Nacht von 27. auf 28. Februar 1943 traten die Widerstandskämpfer in Aktion. Der einzige Zugang zum Vemork-Werk führte über eine Brücke über die 200 Meter tiefe Schlucht des Flusses Måna. Da die Brücke streng bewacht war, wählten die Saboteure den Weg durch die Schlucht. Mithilfe des norwegischen Hausmeisters konnten die Linge-Leute durch einen Kabelschacht in das Gebäude eindringen. Dort brachten sie Sprengsätze an den Schwerwasserelektrolysekammern an.

Bei den folgenden Explosionen wurden nicht nur 500 Kilogramm Deuteriumoxid – die gesamten Bestände der Deutschen – vernichtet, sondern auch die gesamte Produktionsanlage, wodurch die Herstellung des schweren Wassers auf Monate ausgeschaltet wurde. Obwohl die Nazis mit bis zu dreitausend Soldaten nach den Urhebern des Sabotageakts suchten, konnte alle elf Mitglieder der Operation entkommen. Fünf von ihnen – darunter Rønneberg – setzen sich auf Skiern nach Schweden ab. Für die 400 Kilometer lange Flucht benötigten sie zwei Wochen.

Weitere Einsätze

Rønnebergs Kriegseinsätze waren damit noch nicht beendet. Im Jahr 1944 errichtete er im Rahmen der Operation "Fieldfare" im Westen Norwegens einen Unterschlupf – die Fieldfarehytta – als Stützpunkt für Aktionen gegen deutsche Nachschubwege. Noch im Jänner 1945 führte er ein Kommando gegen eine Eisenbahnbrücke, die mit einem Sprengsatz zerstört wurde.

Auch die Einsätze gegen das Schwerwasserprojekt waren noch nicht zu Ende. Im November 1943 flogen die Alliierten massive Bombenangriffe auf Vemork. Die Nazis gaben das Werk in der Folge auf und wollten die Ausrüstung und die Lagerbestände nach Deutschland bringen. Die Kompani Linge fand die Schwachstelle des Transports: Über den See Tinn musste die Eisenbahnfähre SF Hydro benutzt werden. Auf dieser brachten sie einen Sprengsatz an und versenkten das Schiff mitsamt der Fracht, wobei auch mehrere norwegische Zivilisten und deutsche Soldaten ums Leben kamen. Im Jahr 2005 wurde von einer Forschungsexpedition eines der Deuteriumoxidfässer aus dem See geborgen.

Höchste Auszeichnungen für Rønneberg

Noch 1943 wurde Rønneberg mit dem höchsten norwegischen Orden, dem Kriegskreuz mit Schwert, ausgezeichnet. Dieser Orden war 1941 von König Haakon VII. im Londoner Exil gestiftet worden. Später erhielt Rønneberg auch noch den britischen Distinguished Service Order (Orden für hervorragenden Dienst) und die US-amerikanische Medal of Freedom und wurde in die französische Ehrenlegion aufgenommen. Nach Kriegsende arbeitete er bis 1988 als Journalist für den norwegischen Rundfunk NRK.

Zunächst gab er der Öffentlichkeit wenig über seine Erfahrungen im Widerstand preis. Ab den 1970er-Jahren hielt er jedoch als Zeitzeuge Vorträge vor Schülern. Noch bis ins hohe Alter nutzte er seine Vorträge, um vor Krieg und totalitären Systemen zu warnen. 1990 half er bei der Renovierung der Fieldfarehytta. Heute ist diese ein Denkmal für den norwegischen Widerstand gegen die Nazis.

Leinwandhelden

Schon 1948 wurden die Einsätze gegen das Atomprogramm der Nazis erstmals filmisch bearbeitet: In der norwegischen Produktion "Kampen om tungtvannet" spielten sich mehrere der Widerstandskämpfer selbst. 1965 folgte "The Heroes of Telemark" mit Kirk Douglas und Richard Harris. Von dieser Verfilmung hielt Rønneberg nicht viel. (Michael Vosatka, 22.10.2018)