Zoltán Danyi, geb. 1972 in Senta in der Batschka, lebt dort als Rosenzüchter. Für seinen ersten Roman wurde er mit dem Miklós-Mészöly-Preis ausgezeichnet.

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Zoltán Danyi, "Der Kadaverräumer". Übersetzt von Terezia Mora. € 24,70 / 251 Seiten. Suhrkamp, 2018

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Zwei Jahrzehnte liegt der Krieg auf dem Balkan zurück. Aber "jene alles verwüstenden Jahre" nehmen kein Ende. Sie dauern immer noch an. In seinem Roman Der Kadaverräumer sucht Zoltán Danyi zu begreifen, was der Krieg mit den Menschen angerichtet hat. Sein Protagonist, der die Aufgabe hatte, tote Tiere von den Straßen zu beseitigen und dabei einen erschütternden Blick in das wahre Geschehen bekam, ringt verzweifelt darum, sich dem Strom verstörender Erinnerungen zu entziehen.

"Literatur eignet sich nicht zur Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen. Aber wenn man beschreibt, wie man sich anstrengt, sie zu bewältigen, und dennoch scheitert, kann daraus ein Stück Literatur werden."
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STANDARD: "Kein Volk kann im Vergessen leben", warnte der Schriftsteller Bora Cosic. War es die Angst, die Grausamkeiten der jugoslawischen Zerfallskriege würden dem Vergessen anheimfallen, die Sie zu Ihrem Roman veranlasste?

Danyi: Da kamen bei mir viele Emotionen zusammen. Die Angst vor dem Vergessen war eine. Aber ich fürchtete auch, meine für sicher gehaltene Welt könnte einstürzen. Ich war wütend darüber, dass mein Leben von einem Krieg bedroht wurde, mit dem ich rein gar nichts zu tun hatte. Wahrscheinlich empfand ich einen ebensolchen Hass auf den Krieg wie der, der den Krieg antrieb.

STANDARD: Zwei Jahrzehnte ist der Krieg her. Brauchten Sie so lange, um eine Sprache für das unfassbare Geschehen zu finden?

Danyi: Dieser Krieg war nicht unfassbar. Im Gegenteil, es war logisch, dass es zu ihm kam. Darum wollte ich mich nicht mit ihm beschäftigen. Er schien mir keiner literarischen Auseinandersetzung wert. Ich schrieb Gedichte über Bäume und vereiste Flüsse. Von diesem Krieg der Serben, Kroaten und Bosnier wollte ich nicht behelligt werden. Das Land konnte ich nicht verlassen. Ich musste bleiben, obwohl mein Land nicht mehr existierte. Aber ich versuchte, mein Leben weiterzuführen, als hätte es keinen Krieg gegeben. Plötzlich bekam ich Kopfschmerzen, Herzklopfen und Panikattacken. Ich hatte mir etwas vorgemacht. Ich war total verstrickt in diesen Krieg. Er hatte mein Leben so zerstört wie das vieler anderer. Ich erlitt genau das Schicksal, dem ich hatte entkommen wollen.

STANDARD: War dann der Roman für Sie der Weg, dieses traumatische Schicksal zu verarbeiten?

Danyi: Literatur eignet sich nicht zur Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen. Aber wenn man glaubwürdig beschreibt, wie man sich anstrengt, sie zu bewältigen, und dennoch scheitert, kann daraus ein Stück Literatur werden. Ich konzentrierte mich beim Schreiben nur auf meine Sätze, den Rhythmus und den Puls der Sprache. Sie halfen mir, meine Geschichte zu erzählen.

STANDARD: Im Roman verweisen Sie auf die 1991 gegründete serbische Fleischfabrik, mit der man ausdrücken könne, "worum es hier in den letzten mehr als zehn Jahren gegangen war, nicht nur in Serbien, sondern auf dem gesamten Balkan". Um ein Abschlachten?

Danyi: Wenn wir es vereinfachen, war es eine Schlächterei. Aber dann verliert die Metapher des Schlachthauses ihre Kraft. Um zu verstehen, was in diesem Krieg geschah, las ich Ivo Andrics Roman Die Brücke über die Drina. Darin gibt es eine Szene, in der Andric ausführlich eine Pfählung schildert. Das taten Menschen vor ein paar Hundert Jahren einander an. Aber solche Erfahrungen verschwinden nicht. Sie hinterlassen Spuren. Als ich Andrics Roman las, hatte ich das Gefühl, dass sein Roman weitergeht und bei uns sein nächstes Kapitel stattfindet.

STANDARD: Auch Historiker suchen die Wurzeln dieses Krieges in der Vergangenheit und sehen ihn als Spätfolge des Ersten Weltkrieges ...

Danyi: Ich betrachte Geschichte mehr aus der Perspektive der Literatur. Die Ursachen des Ersten Weltkrieges verstand ich nach der Lektüre von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Folgt man den subtilen Änderungen der Empfindungen und Gefühle und den weniger subtilen Änderungen der politischen Ansichten, die Proust beschreibt, merkt man, wie sie in eine Situation führen, in der Krieg unvermeidlich wird. Enttäuschungen, Kränkungen und Wut sammeln sich wie Bäche zu einem unkontrollierbaren Strom. So beginnen Kriege. Die Metapher mag irreführend sein, weil Kriege zumeist vermeidbar sind und es andere Lösungen gibt. Dennoch kommt es immer wieder zu Kriegen.

STANDARD: Die Bibliothek von Sarajewo mit ihren tausenden arabischen, türkischen und persischen Manuskripten galt als Symbol für ein friedliches Miteinander. Ihre Zerstörung vernichtete zugleich die Erinnerung daran. Wie beurteilen Sie die Wirkung ihrer Zerstörung?

Danyi: Bücher zu verbrennen ist keine balkanische, sondern eine europäische Gepflogenheit. Die Zerstörung der Bibliothek sehe ich nicht unbedingt als Symbol an. Menschen gehen häufiger auf Märkte als in Bibliotheken. Wenn ich ein symbolisches Ereignis in diesem Krieg benennen sollte, wäre es der Beschuss des Marktplatzes von Sarajewo. Aber wenn ich an diese Tragödie denke, fällt mir auch die Komödie der UN-Friedenstruppe ein, die dem Angriff folgte. Ihre Unfähigkeit zu bestimmen, wer die Angreifer waren, ist wahrscheinlich das wichtigste Symbol dieses Krieges. Wir wollen nicht wissen oder weigern uns zuzugeben, wer die Schuldigen waren.

STANDARD: Sie schreiben von den "hageren Männern vom Balkan mit ihrer knochigen Statur", die "immer wieder versuchen, sich gegenseitig auszurotten". Ist der Balkan ein dauernder Kriegsschauplatz?

Danyi: Die Männer vom Balkan sind nicht kriegerischer als andere Menschen. Sie leben an einem Ort, an dem große Kulturen zusammenkommen und manchmal aneinandergeraten. Alle 30, 40 Jahre stoßen sie zusammen. Geschichte an Orten wie diesem wird stürmisch. Aber wir können eine Menge tun, um die Risiken der Konflikte zu vermeiden. Ich bin davon überzeugt, dass Kränkungen überwunden werden können, Versöhnung möglich ist. Als ich den Roman beendet hatte, erwachte ich aus einem Traum mit der Vorstellung, dass all unsere Körper ein Körper sind. Verletze ich jemanden, verletze ich mich selbst. Diese Einsicht könnte die Grundlage für Identität und Gemeinschaft bilden. Im Traum erschien mir das als Weisheit. Nach dem Erwachen konnte ich darüber nur im Konjunktiv denken.

STANDARD: "... damit brach die alte Frage in ihm wieder auf, wer er denn in Wirklichkeit war und was zum Henker er mit diesem Ganzen zu tun hatte ...", heißt es im Roman. Wie beantworten Sie diese Frage?

Danyi: Die Suche nach einer Identität gehörte mit zu den Fragen, die mich zum Schreiben des Romans drängten. Aber wenn Sie eine Antwort entlang der Koordinaten Jugoslawe, Serbe, Ungar, Europäer von mir erwarten, muss ich Sie enttäuschen. Gegen Ende des Romans kommt mein Protagonist nach Split, und beim Anblick des Meeres widerfährt ihm etwas Bedeutsames. Er erlangt zum einen die Fähigkeit zu verzeihen. Und zum anderen streift er seine nationale Identität ab. Dem Meer gegenüber steht er völlig nackt da. Damit erreicht er einen Zustand, in dem er seine wahre Identität findet, die Identität der Knochen würde ich sie nennen. Wir alle haben Knochen, Haut und Blut, nicht nur jene, die dieselbe Sprache sprechen. Das verbindet uns.

STANDARD: Der Historiker Pieter M. Judson bezeichnet in seiner Geschichte des Habsburgerreiches die Nation als etwas künstlich Geschaffenes. Stimmen Sie ihm zu?

Danyi: Ja, diese nationalen Einheiten werden nach dem Muster familiärer Bande geformt. Sie beziehen sich auf Familien- und Blutbande, auch wenn wir mit diesen Menschen, mit denen wir durch die Verwendung derselben Sprache und die mehr oder weniger gleichen Traditionen verbunden sind, niemals auch nur ein einziges Wort wechseln, nicht einmal mit einem Tausendstel von ihnen. Die Emotionen allerdings, die diese Ideologie zu wecken vermag, sind überaus wirklich.

STANDARD: Wie blicken die Menschen in den Nachfolgestaaten heute, nach zwei Jahrzehnten, zurück auf den Krieg?

Danyi: Die Menschen verharren in demselben seelischen Zustand, in dem auch ich mich jahrelang befand. Ich fürchte, sie wollen nicht wahrhaben, dass dieser Krieg ihr Leben zerstörte. Dieser Krieg zerstörte auch das Leben derer, die durch ihn zu Reichtum kamen. Aber wenn sie sich dem, was geschah, nicht stellen, tragen sie die Last an Kränkungen weiter. Unfähig zu vergeben, bleiben sie Geisel ihrer Vergangenheit und können leicht gegen andere aufgehetzt werden.

STANDARD: Was erwarten Sie angesichts dieser drohenden Gefahr von der Zukunft?

Danyi: Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn die Geschichte an ihr Ende käme, so wie es ein gewisser US-amerikanischer Politikwissenschaftler einst prognostiziert hat. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Evolution der Ideologien und insbesondere die Ideologie des Nationalismus an ihr Ende kämen. Ich wäre glücklich, wenn Grenzen verschwänden. Aber das wäre auch eine Ideologie. So weiß ich keine Antwort. Noch hoffe ich. Vielleicht kann ich mit T. S. Eliot antworten: Glaube, Liebe und Hoffnung sind immer im Warten. (Ruth Renée Reif, 10.11.2018)