Der österreichische Großmeister Markus Ragger analysiert die erste Partie der Schach-WM 2018.

Österreichischer Schachbund

Auftakt in London.

Foto: AP/Dunham

London – Am Anfang dieser WM steht ein ungeschickter Hollywood-Star. Schachfan Woody Harrelson hat sich blau bemützt und unerkannt in das viktorianisch anmutende ehemalige Kunstcollege in Holborn geschlichen, um symbolisch Fabiano Caruanas ersten Zug auszuführen. Der flüstert Harrelson etwas zu, worauf der Schauspieler ins Brett greift und – erst einmal den weißen König seines Landsmannes ausknockt! Nicht unbedingt das Omen, das der Herausforderer sich für seine erste Weißpartie gegen den Weltmeister gewünscht haben dürfte. Dann greift Tollpatsch Harrelson auch noch zum Damen- statt dem von Caruana favorisierten Königsbauern, aber nach etwas Hin und Her steht endlich der erste echte Zug der WM auf dem Brett: 1. e4.

Carlsens Asymmetrien

Wer Carlsen kennt – und das tut Caruana natürlich –, der erwartet jetzt den symmetrischen Doppelschritt des schwarzen Königsbauern. Aber Carlsen hat heute keine Lust auf Symmetrie. Er hat Lust auf die Sizilianische Verteidigung. Sein Vorvorgänger auf dem Thron, Garri Kasparow, war der unangefochtene Champion dieser aggressiven schwarzen Antwort, mit der der Russe zahllose spektakuläre Angriffspartien gewann. Dass Carlsen an diesem ersten Tag so spielt, darf als Ansage verstanden werden: kein Abtasten, kein Spiel auf Ausgleich. Der Weltmeister will schon in Partie eins klären, wer Chef im Ring ist.

Caruana versucht es mit kontrollierter Offensive. Statt der scharfen offenen Hauptlinien entscheidet der Herausforderer sich für die positionelle Rossolimo-Variante, eingeleitet durch 3. Lb5. Denkt er in diesem Moment womöglich daran, dass Namenspatron Nicolas Rossolimo, ein Schach spielender Lebensküstler, der sich zeitweise als Taxifahrer und Hotalpage über Wasser hielt, in den 1950er-Jahren just jenes legendäre "Chess Studio" im Greenwich Village gründete, in dem Fabiano Caruana Jahrzehnte später seine ersten Lektionen erhalten sollte?

Wahrscheinlicher ist, dass historische Feinheiten dieser Sorte beiden Spielern in diesem Moment völlig egal sind. Carlsen spielt schnell und selbstbewusst, er parkt anstatt zu rochieren ein Pferd auf f8 und stößt dann mit h6 und g5 seine Königsflügelbauern in Richtung Caruanas König vor. So rasch wie Woody Harrelson wird er den weißen Monarchen nicht straucheln lassen, aber die schwarzfeldrige Kontrolle, die der Weltmeister gekonnt aufzieht, könnte ein erster Schritt zum Königsmord sein.

Königsflucht in Zeitnot

Und Caruana hat neben Carlsens aktiven Figuren bald noch ein weiteres, kontinuierlich wachsendes Problem: Er driftet Zug für Zug in Richtung horrender Zeitnot. Ist es seine Unerfahrenheit im Endspiel um die Weltmeisterschaft, die den Herausforderer in der Eröffnungsphase dieser ersten Partie zu langsam agieren lässt? Was immer es ist, Caruanas Lage auf dem Brett ist zunächst unangenehm, bald kritisch. Mit seinen Schwerfiguren dringt Carlsen schwungvoll via g-Linie in die Bastion seines Gegners ein, dessen König zu Fuß zum Damenflügel huchteln muss. Carlsens schwarzfeldriger Läufer, sonst in dieser Variante mitunter ein Problemkind, deckt nicht nur des Weltmeisters Freibauern auf der f-Linie. Der dunkle Bischof bestreicht auch die empfindlichen Felderschwächen, die Caruanas weißfeldrig gebautes Bauerngerüst zwangsläufig hinterlassen hat.

Zu diesem Zweitpunkt deutet alles auf einen vernichtenden Schwarzsieg des Weltmeisters hin. Aber obwohl Caruana für seine letzten Züge vor der Zeitkontrolle jeweils nur noch die Bonussekunden verblieben sind, die er pro ausgeführtem Zug erhält, verteidigt er sich in höchster Not höchst zäh. Und Carlsen hat ein Problem, das jeder Schachspieler kennt: Seine Stellung ist so gut, dass viele Wege Richtung Rom zu führen scheinen, sich zugleich jedoch kein zweifelsfreier Gewinnweg aufdrängt. Mehrmals zeigen die Computerprogramme entscheidenden schwarzen Vorteil an. Als Caruana aber mit seinem 40. Zug die Zeitkontrolle erreicht, hat er das Schlimmste plötzlich hinter sich. Die Damen verschwinden vom Brett, damit auch die Gefahr für den weißen König.

Scherzkeks aus Hollywood

Das hindert den gefürchteten Schleifer Carlsen natürlich keineswegs daran, seinen Kontrahenten in einem theoretisch remisen Turmendspiel mit drei gegen zwei Bauern auf demselben Flügel noch bis zum 115. (!) Zug mit der norwegischen Wasserfolter zu quälen. Caruana muss solche Torturen in einem Match gegen Carlsen freilich erwartet haben. Er zeigt sich sattelfest und führt Partie eins nach knapp über sieben Stunden Spielzeit erfolgreich in den ersehnten Remishafen.

In der Pressekonferenz ist die Müdigkeit der Spieler dann in ihren Gesichtern abzulesen. Irgendwie sind beide unzufrieden: Caruana ist die Anlage seine ersten Weißpartie gleich gründlich danebengegangen; Carlsen hat seine zuletzt notorische Abschlussschwäche nicht ablegen können. Auch die von Großmeister Daniel King überbrachte Nachricht, wonach Scherzkeks Woody Harrelson den weißen König vor Partiebeginn als vorbereiteten Gag umgelegt habe, findet in dieser Stimmung keiner der beiden besonders lustig. Harrelson wird sich länger gedulden müssen, bevor er noch einmal symbolische Züge ausführen darf.

Famoser Beginn

Für das Publikum hingegen hätte diese WM kaum besser beginnen können: Eine Weißniederlage Caruanas in Runde eins wäre ein schwerer, früher Schlag für die Hoffnungen des Herausforderers und seiner Fans gewesen. Beim Stand von 1/2 zu 1/2 ist naturgemäß alles offen, ein weiterer heftiger Angriff Carlsens mit den weißen Steinen in Runde zwei darf für Samstag erwartet werden. (Anatol Vitouch, 10.9.2018)