Aufgewachsen in einer Zeit, als die Gärten noch groß waren, die Umgebung wenig verbaut war und der heutige Speckgürtel um Wien noch als "Land" galt, wurde es Jahr für Jahr schwieriger zu ertragen, wie Kindheitserinnerungen sprichwörtlich planiert und durch Wohnblöcke oder Reihenhäuser mit Minigärten ersetzt wurden. Umgebungslärm und Verkehr wurden immer stärker, die Nachbarschaft immer unpersönlicher, und so war es an der Zeit, ein neues Zuhause zu finden.

Foto: Manuel Mayer

Die Suche

In alle Himmelsrichtungen streckten wir damals unsere Fühler auf der Suche nach dem Wunschobjekt aus. Ein Erfolg wollte sich aber irgendwie nicht einstellen, und so vergingen ein paar Jahre, bis wir bei einem Freund im Süden Wiens zu Besuch waren. Er selbst wohnte in einem Objekt der ÖBB neben einem Feld und ein paar Gleisen einer aufgelassenen Bahnstrecke. Uns gefiel dieses Objekt sehr, und er gab uns den Tipp, auf der Immobilienseite der ÖBB nachzusehen – "die verkaufen immer wieder was", sagte er, "vielleicht findet ihr ja was".

"Ehemaliges Bahnwächterhaus der Semmeringbahn gegen Gebot", hieß es auf der Website. Der Zufall spielt im Leben schon manchmal eine entscheidende Rolle. Als Kind fuhr ich öfters mit der Südbahn, und entlang der Semmeringstrecke haben mich schon immer die kleinen Bahnwächterhäuser in den Bann gezogen. Immer hübsch anzusehen, schöner Garten, viel Wald und sonst eigentlich nix.

So fuhren wir nach Breitenstein am Semmering, um das Häuschen zu besichtigen, und was soll ich sagen, als wir davorstanden, war sofort einer dieser "Bist du deppert"-Momente allgegenwärtig. Auf einer Anhöhe am Rande eines Wanderwegs, daneben ein Wald, umgeben von saftiggrünen Weidewiesen mit grasenden Kühen, und als Krönung der freie Blick auf die Brücke der "kalten Rinne", das Highlight der Semmeringbahn, verewigt auf dem alten 20-Schilling-Schein, stand das Haus.

Foto: Manuel Mayer

Da war's um mich geschehen, von dem Moment an wollte ich das Haus unbedingt haben. Tags darauf habe ich mein Gebot abgegeben, ich habe das Haus auch bekommen, und richtig kitschig wäre es, wenn wir sofort eingezogen wären und seither den Kühen beim Grasen zusehen würden. Na ja, nicht ganz.

Kauft man ein Objekt der ÖBB, sollte man bedenken, dass die bürokratischen Mühlen sehr langsam mahlen. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich meine Unterschrift unter den Vertrag setzten konnte, und weitere fünf Monate, bis ich den Schlüssel in der Hand hatte. Diese Zeit sollte man aber nicht als verloren ansehen – Denkmalschutz und Weltkulturerbe haben viel Zeit der Vorausplanung in Anspruch genommen. Das Knüpfen der richtigen Kontakte – vom Architekten bis zu den Handwerkern – war nützlich und wichtig, um gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt und der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich den Prozess der Restaurierung von Beginn an richtig zu gestalten.

Die Renovierungsarbeiten

Zum Glück war nach 170 Jahren die Grundsubstanz des Gebäudes noch in einem sehr guten Zustand, sodass keine tiefgreifenden Restaurierungsarbeiten am Mauerwerk notwendig waren. Trotzdem wurde zuerst das Gebäude innen komplett entkernt, um es in Sachen Wärmeisolierung auf den neuesten Stand zu bringen. Auch der historisch richtige Zustand wurde wiederhergestellt, indem die Fenster durch Holzkastenfenster ersetzt und der circa in den 60er-Jahren aufgetragene Putz entfernt wurden.

Fotos: Manuel Mayer

In den Wohnräumen wurde wieder ein Holzdielenboden aufgelegt, Heizungsinstallationen und Elektrik erneuert und an den Wänden mehrere Schichten Farbe und Tapete entfernt und durch Sumpfkalkfarbe ersetzt. Die Umbauarbeiten sind jetzt, Stand November 2018, schon fast abgeschlossen, und das Ergebnis kann sich, denke ich, sehen lassen. Auch die grasenden Kühe freuen sich schon auf neue Nachbarschaft. Zumindest haben sie vom ersten Tag an die Arbeiten neugierig mitverfolgt und gelegentlich auch lautstark kommentiert. (Manuel Mayer, 20.11.2018)