Hilary Sanders, Leonardo Cortellazzi und Frode Olsen (v. li.) in György Kurtágs "Fin de partie".

Foto: AP/Ruth Walz

"Fin de partie" an der Mailänder Scala.

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Die Uraufführung war schon sehr lange angekündigt, sie hätte ja bereits vor Jahren bei den Salzburger Festspielen stattfinden sollen. Damals war Alexander Pereira Intendant, aber Komponist Gyögy Kurtág ließ sich nicht hetzen. So vergingen die Jahre, Pereira ging im Zwist, wurde Intendant der Mailänder Scala und nahm das Uraufführungsprojekt mit. "Fin du partie", diese erste und einzige Oper des 92-jährigen Kurtág, erblickte nun also in Italien und nicht hierzulande das Licht der Opernwelt.

Wobei: Nicht nur Pereira hatte sie einst als sein wichtigstes Auftragswerk angekündigt. Auch Pierre Audi, der Intendant der Netherlands Opera, mit dem die Scala nun kooperiert, sieht sich als Initiator. Er hatte nach dem Erfolg von Morton Feldmanns Oper "Neither" auch Kurtag in den 1990er-Jahren ermuntert, eine Beckett-Oper zu komponieren. Zudem begleitet Dichter Beckett den Tonsetzer Kurtág seit mehr als sechzig Jahren, seit er in Paris 1956 Roger Blins Inszenierung von "Fin du partie" gesehen hat, seine "Bibel", wie Kurtág erklärte.

Beckett meisterhaft in Klang übersetzt

Die zwei passen zusammen: Auch ohne Opernbühne scheinen Kurtágs Stücke Becketts Theater effektvoll und durchaus heiter weiterzuführen: Becketts abstrakte Spiele mit Stille, Atemholen und Verstummen, seine "Tritte", wie ein Stücktitel Becketts auch heißt. Becketts letzten Text "What is the word" hatte der Ungar 1991 meisterhaft in Klang übersetzt.

"Fin de partie" ist nicht so radikal und oft komödiantisch: Das Gähnen bei Hamm (im Rollstuhl) und das kurze Lachen beim humpelnden Clov sind exakt mitkomponiert wie auch jene Bahnschaffnerpfeife, mit der Hamm seinen Diener zu sich beordert. Über weite Strecken kann man aber vor allem kulinarische, geradezu betörende Oper hören, nostalgisch elegische Klänge insbesondere von den in zwei Mülltonnen entsorgten Eltern: Hillary Summers Mezzo entschwebt immer wieder mühelos in zarteste Höhen, während Leonardo Cortelazzi seinen Tenor weich strömen lässt.

Minimalistische Arbeit

Kurtág hat in seiner Fassung Becketts Vorlage zu mehr als 60 Prozent Wort für Wort übernommen, wobei er "Fin du partie" in dreizehn Szenen segmentiert. Zwischen ihnen lässt Regisseur Pierre Audi in seiner grundsätzlich minimalistischen Arbeit manchmal den Vorhang fallen. Danach hat sich auf der Bühne nicht viel verändert. Nur der Kubus, in den zwei Rechtecke als Fenster und Tür geschnitten sind, hat sich gedreht. Es ist das Haus, in dem Hamm und Clov wohnen und auf das sie öfter effektvoll ihre Schatten werfen (Bühne: Christof Hetzer).

Das Musikniveau ist hoch: Frode Olsen überzeugt als immer stärker werdender Hamm, während Leigh Melrose immer wieder mit schneidenden Einwürfen den Diener Clov zu charakterisieren versteht. Das Orchester der Mailänder Scala unter Dirigent Markus Stenz zelebriert die oft sanften, immer wieder aber überraschend ausbrechenden Orchesterfarben. Es deckt aber das Sängerquartett nie zu, das Auskosten der Worte steht im Mittelpunkt.

Diese Uraufführung hat nicht nur Kurtág als Opernkomponisten etabliert, sie scheint auch Becketts Theater eine Dimension gegeben zu haben, nach der es geradezu verlangt hat. Es ist durchaus vergleichbar mit Büchners Fragmenten, die in Alban Bergs "Wozzeck" ihre Kraft vollends zu entfalten scheinen. Kurtág hat übrigens angekündigt, noch eine zweite Fassung komponieren zu wollen. "Fin de partie" ist allerdings jetzt schon reif fürs Opernrepertoire. (Bernhard Doppler, 17.11.2018)