Robert Habeck gilt als charismatisch und unkonventionell. Parteiintern fürchtet man dennoch, dass der Hype 2019 enden könnte.

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"Komm mal mit", sagt Robert Habeck. Er streckt seine Hand aus, will Annalena Baerbock in einer Halle der Leipziger Messe auf die Bühne ziehen. Unten toben die Delegierten, sie klatschen und jubeln ihm zu. Eben hat er auf dem Parteitag seine Rede gehalten. Pult brauchte er keines, er sprach frei und ging gestikulierend auf der Bühne herum.

Baerbock, die Co-Chefin der deutschen Grünen, aber erklärt Habeck, er solle da jetzt vor der Wand, auf der nichts Geringeres als die Erde von oben zu sehen ist, stehenbleiben. So möchte es die Parteitagsregie. "Aber ich will hier nicht alleine stehen", ruft Habeck. Also stellt sich Baerbock doch zu ihm, auch Bundesgeschäftsführer Michael Kellner schließt auf. Habeck schaut zufrieden.

Es gibt oft Szenen wie diese in seinem Leben. Immer wieder betont er, dass die Brandenburgerin Baerbock und er sich den Vorsitz der Grünen-Partei ja teilen. Aber alle rufen ständig nach Habeck.

In Leipzig – vor ein paar Tagen – bittet ihn ein TV-Sender nach dem anderen zum Interview. Baerbock ist schon längst beim Essen. Endlich hat es auch Habeck geschafft und inspiziert das Buffet. "Was is'n das? Doch nicht echte Wurst?", fragt er leicht entsetzt. Nein, beruhigt ein Mitarbeiter, "ist vegetarisch, kannste essen".

"Brad-Pitt-Faktor"

17,5 Prozent haben die Grünen bei der Bayernwahl erreicht, 19,8 Prozent in Hessen. Im Bund liegen sie laut ARD-Deutschlandtrend bei 23 Prozent, nur noch drei Punkte hinter der Union. Was ist Habecks Aufgabe in der großen Grünen-Show? "Ich versuche, gute Laune zu verbreiten", sagt er und grinst ein wenig.

Ja, der Robert, der ist toll. Immer wieder hört man dies in den Grünen-Reihen. Anders sei er. Lässig. Authentisch, einer, der die Menschen mitnehme. Nicht von Nachteil ist natürlich das, was der "Spiegel" den "Brad-Pitt-Faktor" von Habeck nennt. Andere 49-Jährige mit zerrissenen Jeans und zerwuschelter "Out-of-Bed"-Frisur, die sich mit ausgebreiteten Armen am Strand fotografieren lassen, fände man ein bisschen lächerlich. Bei Habeck ist es o. k. oder sogar mehr als das.

Er wird von vielen immer noch als Philosoph und Schriftsteller wahrgenommen, weniger als Berufspolitiker. Philosophie, Germanistik und Philologie hat der gebürtige Lübecker studiert. Er promovierte über literarische Ästhetizität und lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Andrea Paluch, in Flensburg (Schleswig-Holstein). Als die vier Söhne klein waren, gab es eine strikte Regel: Erziehung und Job wurden geteilt.

Wenn Muscheln nuscheln

Das Paar schrieb gemeinsam Kinderbücher, übersetzte englische Lyrik, verfasste gemeinsam Romane – über den Hereroaufstand, den G8-Gipfel in Heiligendamm und die verheerende Sturmflut an der Nordseeküste 1962. Das Meer, den Wind und die Küste seiner schleswig-holsteinischen Heimat thematisiert Habeck auch in seinen Gedichten:

"schafe mahlen schlaf

entlang der schluckenden küste

wind bläst sich schlaff

wasser gibt feuchte küsse.

"muscheln nuscheln, büsche tuscheln", heißt es in einem anderen Werk.

Für Politik beginnt sich Habeck nach Tschernobyl (1986) zu interessieren. Den GAU beschreibt er in seinem Buch "Wer wagt, gewinnt – die Politik und ich" (Verlag Kiepenheuer & Witsch) als "jähen Einbruch ins Glück des Erwachsenwerdens". Da sei auch sein Leben plötzlich "konkret bedroht" worden.

Den Grünen tritt er aber erst 2002 bei, danach geht es stetig aufwärts. Kreisvorsitzender, Landesvorsitzender, 2012 wird er erstmals Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Bald wird man auch in Berlin auf ihn aufmerksam, erst recht, als er 2017 an der Waterkant mit CDU und Grünen ein Jamaika-Bündnis schmiedet.

Um ihn in die Hauptstadt zu lotsen, gestattet die Parteibasis geradezu Ungeheuerliches. Sie hebt für Habeck die jahrzehntelang strikt eingehaltene Trennung zwischen Regierungs- und Parteiamt auf. Habeck wird im Jänner 2018 zum Grünen-Chef gewählt, darf aber noch acht Monate lang Minister in Kiel bleiben, um dort seine Arbeit zu Ende zu bringen.

Hervorragendes Herbarium

Jetzt in Berlin ist die Bühne viel größer geworden und Habecks Meinung zu allem gefragt. In der ehrwürdigen Gesellschaft für Auswärtige Politik präsentiert er das Buch "Deutschland und die Welt 2030" (Ullstein). Es ist ein sehr fetter Wälzer, und Habeck feixt: "Das eignet sich ja hervorragend für ein Herbarium."

Dann stellt er die (natürlich hypothetische) Frage, ob Europa Potentaten wie Trump und Putin brauche. Sein Befund: "Die Antwort muss normativ sein. Wie immer in der Politik geht es nicht nur darum, der Wirklichkeit hinterherzubeten, sondern die Wirklichkeit zu interpretieren und daraus eine starke Politik abzuleiten."

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So manchem im überfüllten, stickigen Saal ist die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. "Aber Wahnsinn", sagt einer, "frei vorgetragen, ohne Manuskript."

"Ja, reden kann er unglaublich gut, er beherrscht die ganze Bandbreite", sagt einer aus der Parteiführung der Grünen leicht süffisant. Vieles ist bei Habeck auch "krass", "geil" oder "cool".

"In einer Zeit, in der Parteipolitik als pfui und bäh gilt, sitzen hier tausend Delegierte voller Aufmerksamkeit und Konzentration. Dieser Dienst an der Demokratie ist ganz, ganz großartig. We will rock you", schmeichelt er den Delegierten am Parteitag. Während diese ihm zu Füßen liegen, ist die Konkurrenz ob des Höhenflugs weniger erfreut. In der CSU spottet man über die "Lebensgefühl-Grünen", die AfD höhnt über "Wohlfühl-Bionade-Bourgeoisie". Und Christian Lindner, dessen FDP nicht so erfolgreich ist wie die Grünen, nannte selbige "cremig".

Das hat Habeck wütend gemacht. Denn natürlich hat er ein Ziel, und was Lindner als "cremig" bezeichnet, sieht er als Versöhnung. Immer war bei den Grünen von den Flügeln die Rede. Fundis gegen Realos, Linke gegen Pragmatiker. "Das ist so Achtziger", befand Habeck mit Blick auf die Gründungsjahre. Er spricht jetzt lieber von einem "Bündnis".

Vereinte Grüne, die nicht streiten und sich als glühende Europäer präsentieren, sollen die SPD dauerhaft als Nummer zwei im Parteienspektrum ablösen, um mit der Union endlich eine Koalition zu bilden – zur Not mit den Liberalen im Jamaika-Boot. Das ist sein Plan.

Weil es so gut läuft, denkt Grünen-Urgestein Daniel Cohn-Bendit schon weiter und meint, Habeck könnte eines Tages Bundeskanzler werden. Auf derlei Szenarien spricht man Habeck lieber nicht an. Die Frage, wie er seinen Anteil am Grünen-Erfolg einschätzt, beantwortet er so: "Wir haben jetzt 70.000 Mitglieder. Mein Anteil beträgt also ein Siebzigtausendstel." Das ist so übertrieben tiefstapelnd, dass es natürlich kokett wirkt.

Parteifreunde halten es für möglich, dass Habeck eines Tages auch Bundeskanzler werden könne.
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Doch die Party könnte im Herbst 2019 auch wieder enden. Dann wird in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gewählt. Bislang gelang es den Grünen in Ostdeutschland nicht wirklich, Fuß zu fassen. Stark sind dort AfD und Linke.

Habeck weiß, dass es im Osten nicht einfach wird. Er mahnt die Grünen, "nahbar" aufzutreten, "nicht von oben herab". Er selbst, heißt es in der Partei, müsse natürlich auch auf dem Boden bleiben und dürfe nicht abheben. Man erinnert sich nur zu gut an einen, der auch mal Superstar, war: Joschka Fischer.

Auch der konnte begeistern und mitreißen, er wurde für seinen unkonventionellen Werdegang – vom Straßenkämpfer zum deutschen Außenminister und Vizekanzler – bewundert und gefeiert. Irgendwann aber ertrugen auch die größten Fans seine Arroganz nicht mehr. (Birgit Baumann, 17.11.2018)