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Die NGO Give Well hilft dabei, klug zu spenden.

Foto: GiveWell

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich halte mich mit Spenden meist zurück. Zumindest bei Organisationen, die ich nicht unmittelbar kenne. Was passiert mit meinem Geld? Versickert es in der Bürokratie? Bringt es wirklich etwas?

Das führt bei mir dazu, dass ich meist nur Projekte unterstütze, die ich kenne. Tolle Podcasts, Projekte auf Youtube oder Medien-Start-ups.

Gleichzeitig weiß ich, dass es auf der Welt in etwa 170 Länder gibt, die ärmer sind als Österreich. Dort gibt es also mehr Bedarf als hier – und vielleicht wichtigere Projekte als Podcasts. Heuer möchte ich Weihnachten als Anlass nehmen. 100 Euro für ein cooles Projekt, das Gutes tut. Aber wofür?

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Ich will 100 Euro so effektiv wie möglich spenden.
Foto: APA/HANS PUNZ

Damit ich eine gute Entscheidung treffen kann, will ich verstehen, wann und warum Menschen überhaupt spenden. Michaela Neumayr von der Wiener Wirtschaftsuni forscht dazu. "Das ist ganz banal", sagt Neumayr, "wir spenden, wenn wir gefragt werden. 80 bis 90 Prozent der Spenden werden getätigt, weil uns jemand anspricht oder wir Reklame bekommen."

Wenn Menschen in einer Gruppe gefragt werden oder von jemandem, den sie persönlich kennen, sagen sie eher Ja, sagt Neumayr, "es gibt sozialen Druck". Spenden würden unser schlechtes Gewissen beruhigen. Und: "Menschen, die Vertrauen in andere haben, spenden außerdem mehr, da gibt es einen sehr starken Zusammenhang."

Vertrauen habe ich, ein schlechtes Gewissen auch – und sozialer Druck? Ein bisschen, Sie lesen ja mit. Aber: Wenn ich auf der Straße gefragt werde, sage ich höflich, aber immer: Nein. Ich möchte nicht unter Druck entscheiden, sondern in Ruhe.

Wie finde ich aber passende Projekte? Eine Spendenanleitung der Organisation Phineo hilft. Zuerst soll ich mir die Frage beantworten, was mir wichtig ist. Tiere? Menschenrechte? Die Umwelt? Dann: die Homepage checken, vor allem: die NGO googeln. Wird negativ oder positiv über sie berichtet? In Österreich gibt es außerdem das Spendengütesiegel. Es prüft, ob Organisationen seriös, nicht aber, ob Projekte sinnvoll sind.

Nächster Schritt: vielleicht mal eine E-Mail schreiben. Wer Spenden möchte, muss auch Fragen beantworten. Was wird genau getan? Und: Weiß die NGO, ob ihre Maßnahmen helfen? Wenn ich die NGO wirklich unterstützen möchte, soll ich ihr das Geld "ungebunden" geben. Manche haben es gerne konkret, wollen zum Beispiel eine Ziege spenden. Wenn ich der NGO vertraue, schreibt Phineo, soll ich ihr das besser selbst überlassen.

Vor Weihnachten nimmt das Spendenvolumen stark zu.
Foto: reuters / mckay

Klingt vernünftig. Michaela Neumayr macht mich auf noch etwas aufmerksam. Dass ich so viel Wert darauf lege, dass mein Geld direkt bei Menschen ankommt und nicht an Mitarbeiter einer Organisation oder ins Marketing wandert, könne nach hinten losgehen. "Weil so viel darauf geachtet wird, ist der Druck groß, Kosten zu reduzieren. Das kann die wichtige Infrastruktur einer NGO kaputtsparen."

Meine Eitelkeit – ich will sehen, was ich bewirke – hat also Schattenseiten. Außerdem scheint sie wissenschaftlich unfundiert: Der Ökonom Dean Karlan sagt, manche Projekte seien einfach aufwendiger als andere und trotzdem hilfreich. Die Forschung zeige: Nur dass Organisation A billiger arbeite als Organisation B, heiße nichts.

Also die Bürokratie lasse ich in meiner Entscheidung außen vor. Wofür ich spenden will, weiß ich grob: Für Projekte, die das Leben von Menschen in Ländern besser machen, die wesentlich ärmer sind als Österreich. Wofür genau? Hm.

Ich habe Glück, denn die NGO Give Well nimmt mir quasi das Denken ab.

Wie setzt man sein Geld sinnvoll ein?
Foto: APA/dpa/Bodo Marks

Wer "gut" spenden will, kommt daran nicht vorbei. Zahlreiche Wissenschafter haben mir Give Well empfohlen. Es ist ein Projekt einiger Hedgefonds-Manager, die herausfinden wollten, wie sie ihr üppiges Salär am besten spenden können – und keine ordentlichen Infos fanden.

Also schufen sie eine NGO, die genau das macht: Einrichtungen werden penibelst überprüft, ihre Programme wissenschaftlich abgeklopft – gibt es Beweise dafür, dass sie helfen? – und Mitarbeiter berechnen, wo ein Dollar am meisten Wirkung hat.

Was empfehlen sie also?

Acht NGOs, die entwurmen, Malaria bekämpfen und Vitamin-A-Pillen verteilen. Zur Einordnung: Würmer im Körper haben in Österreich nur Leute, die vielleicht aus einem exotischen Urlaub zurückkommen – global gesehen ist aber jeder vierte Mensch betroffen, man infiziert sich meist durch verschmutztes Wasser. Die Würmer machen müde, krank und unproduktiv.

Malaria ist eine der häufigsten Ursachen für den Tod von Kindern auf der Welt – genau wie beim Entwurmen gibt es aber Medizin, die sehr gut hilft. Mit Vitamin A verhält es sich ähnlich. Wer zu wenig Fleisch isst oder kaum Nahrungsmittel, denen das Vitamin beigefügt wurde, hat häufig einen Mangel – vor allem für Kinder ein riesiges Problem.

Alle drei Themen haben gemeinsam: Es sind Probleme, die man mit klugen Programmen und Geld lösen kann. Die Projekte, die empfohlen werden, haben ihre Arbeit evaluieren lassen, ihre Zugänge sind wissenschaftlich fundiert, und sie können zusätzliches Geld auch sinnvoll einsetzen, ein wichtiges Kriterium für Give Well.

Die Entwurmungspillen von Evidence Action.
Foto: Evidence Action

Im Laufe meiner Recherche ist etwas Spannendes passiert, davon möchte ich Ihnen noch erzählen. Give Well hatte ein Programm der NGO Evidence Action in ihrer Topauswahl. Was dann passierte, überzeugte mich, für sie zu spenden.

Die NGO funktioniert so: Projekte werden im kleinen Rahmen von Wissenschafterinnen begleitet. Fällt das Urteil positiv aus, wird versucht, sie groß zu machen. So, dass viele Millionen Menschen davon profitieren. Genau das passierte beim Programm No Lean Season. Im ländlichen Bangladesch gibt es jedes Jahr ein paar Monate, in denen wenig Arbeit da ist, weil die Felder bestellt sind. Vielen fällt das Einkommen weg, regelmäßig folgt eine Hungersnot, die auf Bengali sogar einen eigenen Namen hat: Monga.

Wissenschafter kamen mit der Idee auf, einfach kleine Kredite für Bustickets zu vergeben. Die Arbeiter können es sich dann leisten, in die Stadt zu fahren, verdienen mehr, als das Ticket kostet und zahlen den Kredit wieder zurück. Das funktionierte im kleinen Rahmen sehr gut, ein Yale-Ökonom begleitete das Projekt. Im Schnitt ging sich für die Personen eine Mahlzeit pro Tag mehr aus.

Evidence Action hat das Programm dann massiv ausgebaut und wissenschaftlich begleitet – Give Well nahm das Projekt in seine Topauswahl auf. Vor kurzem gaben die beiden NGOs bekannt, dass es zu Problemen kam. Die positive Wirkung, die im kleinen Rahmen festgestellt wurde, verschwand im großen – bemerkt wurde das nur deshalb, weil die Wissenschafter weiter an Bord waren.

Bis endgültig geklärt ist, warum es nicht mehr funktioniert, hat Give Well das Programm nun von seiner Liste gestrichen und Evidence Action verlautbart, kein Geld mehr dafür zu nehmen. Die Beteiligten glauben, schon eine Lösung zu haben. Aber dass eine NGO überhaupt eingesteht, dass ihre Arbeit keine Wirkung hat, finde ich erstaunlich.

Wofür spende ich? Evidence Action hat noch ein anderes Programm, das Give Well als besonders tauglich einstuft, das Entwurmungsprogramm Deworm the World. Meine 100 Euro fließen in Schulen in Indien, Kenia oder Äthiopien, in denen Tabletten ausgeteilt werden.

Es gibt aber auch Kritik an der Art und Weise, wie Give Well arbeitet. Der Ökonom Daron Acemoğlu schreibt sinngemäß: Am wichtigsten für die Entwicklung eines Landes sei, wie es politisch aufgestellt sei. Der Kampf gegen Korruption sei aber nicht so gut messbar wie der Einsatz von Pillen.

"Programme, die langfristig helfen, bekommen so zu wenig Aufmerksamkeit", sagt auch Eva Vivalt von der Australian National University, "unter dem Strich hilft Give Well aber dabei, dass NGOs besser werden".

Give Well hat keine Antworten auf alle Fragen. Eine Leserin hat mir vergangene Woche geschrieben, sie spende für große Organisationen wie Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen, für lokale wie das Integrationshaus und Ute Bock, manchmal kaufe sie die Straßenzeitung "Augustin" oder gebe Bettlern ein paar Münzen. Großartig.

Die eine richtige Art zu spenden gibt es nicht. Auf ein paar Dinge kann man aber achten – Gütesiegel, Transparenz, wird evaluiert? Und wenn Sie, wie ich, sinnvoll etwas Gutes für Menschen in sehr armen Ländern tun wollen, ist Give Well eine große Hilfe. Wie machen Sie das? Spenden Sie, wenn ja – wofür? Posten Sie im Forum.

Kommende Woche geht es in alles gut? um Kleiderspenden. Was passiert eigentlich mit unserer Kleidung, nachdem wir sie in Container geworfen haben? Eines nehme ich vorweg: Das herauszufinden war gar nicht so einfach. Wenn Sie sich für den Newsletter oben anmelden, melde ich mich, wenn der Artikel erscheint. (Andreas Sator, 16.12.2018)