Mit Mohammed bin Salman, dem saudischen Kronprinzen, haben wir Medien unter anderem sozusagen ein ästhetisches Problem: Die Bilder des kraftvollen großen jungen Mannes mit dem dunklen Bart im weißen, oft bewegten Gewande sind, was man auf neudeutsch einen "Hingucker" nennt. Dass dieser Prinz, der einer "Lawrence of Arabia"-Kulisse entstiegen sein könnte, keine Filmfigur ist, sondern womöglich in der Realität kaltblütig morden lässt, führt die "schönen" Bilder zwar ad absurdum – aber ganz widerstehen kann man ihnen dennoch nicht.

MbS in voller Größe beim G20-Gipfel in Argentinien.
Foto: APA/AFP/SAUL LOEB

Und wenn man die eigene Perspektive aufgibt, dann kann man nachvollziehen, dass dieser Mann für einen Teil der Jugend in Saudi-Arabien eine Art Popstar ist. Wenn er irgendwo auftaucht, schlägt ihm meist Sympathie entgegen. Er verkörpert die Hoffnung vor allem der Jungen auf ein "normales" Leben, das nicht mehr bis in alle Ecken und Enden von einem erzkonservativen Islam dominiert wird, ein Leben, in dem einen nicht ständig die Religionspolizei im Nacken sitzt, in dem man auch einmal ins Kino oder Konzert gehen kann und in dem Frauen alle Berufe ergreifen und sich selbst an ihren Arbeitsplatz chauffieren können. Auch wenn man kein Parlament wählen und schon gar nicht selbst politisch aktiv werden darf. Während viele Saudis auf mehr Luft zum Atmen hoffen, sitzen mehr Dissidenten als je zuvor in den saudi-arabischen Gefängnissen, sowohl Liberale als auch Konservative.

"Mr. Knochensäge" ist der brutalste Beiname für den 33-Jährigen: Er bezieht sich auf die mittlerweile auch von Saudi-Arabien bestätigte Geschichte, wie die Leiche des von saudischen Agenten ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul am 2. Oktober entsorgt wurde. Dass MbS, wie er kurz genannt wird, in den Mord verwickelt war, ist zwar nicht bewiesen, aber, so wird der republikanische Senator Lindsey Graham nach einem Briefing durch die CIA-Chefin Gina Haspel zitiert, man müsse schon "absichtlich blind" sein, um das nicht zu sehen.

DER STANDARD

Abrissbirne und Problembär

Graham nennt MbS einen "wrecking ball", eine Abrissbirne. In der Familie Saud, zumindest jenen Teilen, die der Kronprinz während seines Aufstiegs beiseite geschoben hat, wird man mit dieser Bezeichnung etwas anfangen können. In der Familie blieb kein Stein auf dem anderen. Ein harmloserer Spitzname, der schon lange vor der Affäre Khashoggi auftauchte, ist ad-dubb ad-dashir, was man nach hiesigem Sprachgebrauch am besten als "Problembär" übersetzen würde.

Optisch kommt er selbstbewusst und stark herüber: Aus den Palastgerüchten, die sehr oft in Form von Tweets von @mujtahidd in die Öffentlichkeit gelangen, ergibt sich aber auch ein anderes Bild: Nervös und angespannt, geradezu paranoid sei MbS, überall sehe er Feinde – wobei es der anonyme Twitterer ebenfalls als gegeben annimmt, dass sich die Familie Saud jederzeit gegen den Thronfolger wenden könnte. Demnach hätte er 95 Prozent der Familienmitglieder gegen sich. Selbst wenn man diese Zahl cum grano salis nimmt, entsteht der Eindruck, die Position des Kronprinzen sei prekär. So soll er vor seiner Abreise zur jüngsten Tour durch arabische Länder und zum G20-Gipfel nach Argentinien wichtige Personen im Sicherheitsapparat ausgetauscht haben, weil ihm zu Ohren gekommen sei, dass innerhalb der Familie ein Coup geplant würde.

Die Tatsache, dass Mohammed bin Salman dennoch tagelang aus Saudi-Arabien weg blieb, lässt jedoch unwahrscheinlich erscheinen, dass diese Gerüchte stimmen. Seit mit der Thronbesteigung seines Vaters Ende Jänner 2015 MbS Höhenflug begann, hat er systematisch den Sicherheitssektor unter seine Kontrolle gebracht. Sein Zirkel gilt als absolut loyal. Das könnte sich allerdings ändern, wenn MbS tatsächlich den Khashoggi-Mord befohlen hat und seine Befehlsempfänger über die Klinge springen lässt. Zwei wichtige Vertraute von MbS verloren ihren Job, 18 mutmaßlich direkt an der Tat in Istanbul Beteiligte warten in Saudi-Arabien auf ihren Prozess.

Der Lieblingssohn

Mohammed bin Salman ist der Lieblingssohn seines bald 83-jährigen Vaters. Manche Beobachter widersprechen der von auch von @mujtahidd kolportierten Behauptung, dass König Salman bin Abdulaziz zu krank und geistig zu schwach sei, um selbst Entscheidungen zu treffen. Sie meinen, König Salman habe MbS gerade wegen seiner zupackenden Art und Ruchlosigkeit ausgewählt, ohne die in Saudi-Arabien nichts weitergehen könne. Das Königreich galt jahrzehntelang als die Status-quo-Macht schlechthin, innen und außen. MbS sollte den gordischen Knoten der inneren Versteinerung durchschlagen und außenpolitisch der ehrgeizigen Regionalmacht Iran etwas entgegensetzen.

Salman ist, wie die fünf Könige vor ihm, ein Sohn von Staatsgründer Abdulaziz Ibn Saud (gestorben 1953): eine Art der horizontalen Thronfolge, die langsam zu ihrem biologischen Ende kommt. Mit Mohammed bin Salman würde der erste Vertreter der Enkelgeneration auf den Thron kommen. Aber das ist es nicht allein. Entscheidend ist, dass König Salman im Juni 2017, als er Mohammed zu seinem Kronprinzen machte, das saudische Grundgesetz änderte und die vertikale Thronfolge verankerte: Demnach würde MbS den Thron an einen seiner Söhne vererben. Das heißt, die "Bin Salman" wären dann die Königsfamilie, und alle anderen Zweige von Söhnen des Staatsgründers aus dem Spiel. Dass sich dagegen Unmut unter jenen regt, die selbst gerne zum Zug gekommen wären, liegt auf der Hand.

Der Aufstieg von MbS erfolgte schrittweise: Zuerst übernahm er im Jänner 2015 das Verteidigungsministerium, das sein Vater als Kronprinz innegehabt hatte. Im April 2015 wurde er Vizekronprinz hinter einem Neffen des Königs, Mohammed bin Nayef (MbN). Dafür musste bereits ein vom verstorbenen König Abdullah für die Thronfolge vorgesehener Prinz, Muqrin bin Abdulaziz (ein Halbbruder Abdullahs und Salmans) weichen. Im Juni 2017 musste dann MbS' Cousin MbN gehen – und MbS war ganz oben.

Juni 2017: MbS küsst seinem Cousin Mohammed bin Nayef, den er soeben entmachtet hat, die Hand.
Foto: AP, Al-Ekhbariya

Die Entmachtung der Abdullah-Söhne

In einem Artikel in der "Washington Post" hat David Ignatius minutiös nacherzählt, wie MbS jene, die ihm im Wege standen, bekämpfte. Am gefährlichsten erschienen ihm demnach die Söhne von König Abdullah: Laut Ignatius' Informanten hätte MbS bereits im Sommer 2016 versucht, einen Vertrauten von Prinz Turki bin Abdullah in China zu kidnappen, der seine "Vision 2030" – den Reformplan, der Saudi-Arabiens Wirtschaft auf eine neue Basis stellen soll – kritisiert hatte. Das Unternehmen ging schief, aber, so Ignatius, die Methode der Verschleppung von "Feinden" war damit etabliert. Die Söhne Abdullahs waren später unter jenen Prinzen, die im November 2017 im Ritz-Carlton in Riad mit Dutzenden Geschäftsleuten wegen Korruption festgesetzt wurden. Sie sind heute vollkommen entmachtet. Einer, Prinz Muteb bin Abdullah, war zuvor Chef der wichtigen Nationalgarden gewesen: eine Gefahr für den aufstrebenden MbS, die neutralisiert werden musste.

Als ein paar Wochen nach der Ausbruch der Affäre Khashoggi ein Bruder des Königs, Ahmed, von einem längeren Aufenthalt im Ausland wieder nach Saudi-Arabien zurückkehrte, sahen manche darin das erste Zeichen, dass die Macht MbS zu bröckeln begann. Der 76-jährige Ahmed bin Abdulaziz gilt als der letzte der alten Generation, der noch als König in Frage kommt. Dass er mit der Entscheidung Salmans für MbS – zuungunsten aller anderen und ohne den Konsens in der Familie zu suchen – unzufrieden war, war bekannt. Auch @mujtahidd behauptet, die Familie würde Ahmed sofort akzeptieren, wenn er denn die Dinge in die Hand nähme. Aber er sei "ein Feigling. Es ist wohlbekannt, dass er zögerlich, faul und ohne jeden Ehrgeiz ist", schimpft der Twitterer in einem seiner seltenen Interviews, das er vor kurzem "Al-Khaleej Online" gab.

Vielleicht ist Prinz Ahmed ja nur ein kluger Mann, der nicht ins Wespennest stechen und in Ruhe seine letzten Jahre genießen will. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er den Kampf mit MbS aufnehmen will – und schon gar nicht dafür, dass König Salman seinen Sohn dem Familienfrieden opfern will. Die Stunde der Wahrheit, ob sich MbS letztlich durchsetzt, kommt wohl erst, wenn der alte König stirbt. Aber in einem so opaken System wie dem saudischen kann es natürlich immer Überraschungen geben. (Gudrun Harrer, 6.12.2018)

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