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Alle vereint gegen die Barbarei, Trauer nach dem Attentat in Straßburg.

Foto: Imago / Panoramic / Elyxandro Cegarra

Die französischen Behörden mussten die Bilanz des Attentates in der Straßburger Altstadt nach oben korrigieren. Drei Menschen – ein ehemaliger Bankangestellter, ein afghanischstämmiger Automechaniker und ein Tourist aus Thailand – ließen Dienstagabend ihr Leben; ein viertes Opfer befand sich im Zustand des Hirntodes. Dazu kommen fünf Schwer- und mehrere Leichtverletzte. In der Straßburger Kathedrale fand am Donnerstag ein Gottesdienst für sie statt.

Hunderte Polizisten setzten die Suche nach dem mutmaßlichen Täter Chérif Chekatt fort. Bisher wurden fünf mutmaßliche Komplizen festgenommen, am Donnerstagabend war zudem eine Polizeieinsatz in Straßburg im Gange, bei dem offenbar auch Schüsse gefallen sind.

Der 29-jährige Franzose algerischer Herkunft hatte sich nach seinem Amoklauf durch die Altstadt mit einem Taxi in Richtung seines Wohnorts im Viertel Neudorf fahren lassen. Die Polizei entdeckte ihn dort, verlor aber seine Spur in einem Hinterhof wieder. Der radikalisierte, offenbar am Arm verletzte Schwerkriminelle, der als gemeingefährlich gilt und dessen Strafregister 27 Verurteilungen ausweist, entkam damit knapp – zumindest vorerst.

Fahndung läuft

Experten schließen nicht aus, dass der mit Pistole und Messer agierende Täter bei Bekannten untergekommen ist. Da er noch kurz vor der Tat einen Anruf aus Deutschland auf sein Handy erhalten hatte, legt die Polizei besonderes Augenmerk auf die Grenzübergänge über den Rhein.

Am Hauptübergang der Landesgrenze bildeten sich wegen der Fahrzeugkontrollen lange Warteschlangen. Deutsche und Schweizer Behörden beteiligten sich an der Großfahndung.

Der historische Weihnachtsmarkt von Straßburg, einer der größten Frankreichs, blieb auch am Donnerstag – wie schon am Vortag – geschlossen. Die Präfektur Ostfrankreichs rief streikende Mittelschüler auf, ihre Blockaden einzustellen. Die Polizei müsse alle ihre Mittel in die Täterfahndung investieren können, teilte sie mit. Aus diesem Grund wurden auch Fußballspiele der französischen Spitzenliga abgesagt.

Die Proteste an den Mittelschulen waren im Zuge der Gelbwesten-Proteste neu ausgebrochen. Diese Bürgerbewegung für niedrigere Steuern gerät durch das Attentat in Straßburg selbst unter Druck, ihre Aktionen einzustellen oder zu suspendieren. In Avignon starb bei einer der zahlreichen Straßensperren ein 23-jähriger Protestierender, als er von einem Lkw überfahren wurde. Der polnische Fernfahrer hatte die Winkzeichen des Gelbwestenträgers offenbar als Angriffsversuch gedeutet und war in Panik aufs Gaspedal getreten.

Dieser tragische Zwischenfall erhöht die Zahl der Todesopfer durch die Gelbwestenkrise auf sechs. Regierungssprecher Benjamin Griveaux, andere Politiker und die gemäßigte Gewerkschaft CFDT appellierten an die Protestierenden, wenigstens die geplanten Samstagsdemos abzusagen.

Vor einer Woche waren 89.000 Polizisten zu diesem Zweck mobilisiert gewesen. Sie würden teilweise bei der Fahndung nach dem Attentäter C. fehlen. Stellvertretend für viele Franzosen sagte eine Pariser Büroangestellte namens Kenza in die TV-Mikrofone: "Ich würde mir wünschen, dass das alles endlich aufhört!"

Sinkende Beliebtheitswerte

Eine Sprecherin der Gelbwesten, Priscillia Ludosky, erklärte hingegen bei einer Pressekonferenz, der Aufruf für Samstag gelte weiterhin. Sie forderte eine generelle Senkung der Steuern auf Energie, Wohnen, Nahrung und Bekleidung.

In Umfragen haben die "gilets jaunes" bereits Sympathien verloren, nachdem ihnen Präsident Emmanuel Macron am Montag erhebliche Konzessionen gemacht hatte, die weit über die ursprüngliche Forderung nach einem Verzicht auf die Benzinsteuererhöhung hinausgehen.

Vertreter der Macron-Partei République en Marche kritisierten derweil die drei größten Linksparteien, die im Parlament einen Misstrauensantrag gegen die Regierung eingereicht hatten: Man dürfte in dieser schwierigen Zeit nicht alles daran setzen, die Staatsführung zu destabilisieren. Die Partei Unbeugsames Frankreich warf der Regierung daraufhin vor, sie versuche das Attentat zu instrumentalisieren. (Stefan Brändle aus Paris, 13.12.2018)