Bessere Zeiten: Alexandre Benalla und Emmanuel Macron.

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Wort- und gestenreich bemühte sich Emmanuel Macron in seiner Silvesteransprache, Optimismus zu verbreiten – und den Ausdruck Gelbwesten zu vermeiden. "Wir können es besser machen, und wir müssen es besser machen", erklärte er im Versuch, einen Schlussstrich unter die zu einer Sozialkrise ausgewachsene Steuerrevolte zu ziehen. Auf den Pariser Champs-Élysées demonstrierten derweil nur noch einige Hundert Personen. In der Masse der Zaungäste, Touristen und 12.000 Polizisten ging ihr Ruf "Macron démission" aber weitgehend unter.

Eine lautstarke Rückkehr feierte hingegen Alexandre Benalla, Ex-Sicherheitschef im Élysée-Palast. Nachdem der 27-Jährige im vergangenen Sommer mit einer Prügelattacke auf Demonstranten eine kleinere Staatsaffäre losgetreten hatte, meldete er sich nun in der Pariser Politik zurück – und wird dem Präsidenten wieder lästig.

Reise mit Diplomatenpass

Zuerst in N'Djamena, der Hauptstadt des Tschad, wo Macron mit französischen Antiterroreinheiten Weihnachten feierte: Wie sich erweist, hatte der geschasste Leibwächter wenige Tage zuvor die Stadt besucht und dort Sondierungen vorgenommen. Das sei im Beisein katarischer und libanesischer Geschäftsleute passiert, hieß es. In Paris wird nur die Frage diskutiert, ob Benalla wohl im Auftrag des Élysée-Palastes den Präsidentenbesuch vorbereitet habe – denn Benalla reiste mit einem Diplomatenpass.

Das Präsidialamt erklärte, Benalla habe diesen Ausweis nach seiner Entlassung eigentlich zurückgeben müssen. Der Angesprochene widersprach durch seinen Anwalt: Ein Beamter habe ihm den Diplomatenpass im Oktober bei einem Geheimtreffen ausgehändigt – mit dem Hinweis, er solle "keine Dummheiten" machen.

"Dementi kaum möglich"

In einem Interview mit dem Enthüllungsportal Mediapart erzählte Benalla, er habe sich mit Macron noch bis vor kurzem regelmäßig über das sichere Kommunikationsmittel Telegram-Messenger unterhalten. Gesprächsthemen seien etwa "die Gelbwesten, einzelne Personen oder Sicherheitsfragen" gewesen. Wohl wissend, wie brisant diese Kontakte wären, fügte Benalla an: "Ein Dementi wird nur schwer möglich sein, da ich diese Kommunikation auf meinem Handy gespeichert habe." Der Élysée tut sie hingegen als "puren Wahn" ab. Wie groß die Nervosität ist, zeigte sich in einem Statement eines Präsidialsprechers, man wolle nicht auf jede Wortmeldung Benallas reagieren – obwohl man das seit Tagen macht.

Mediapart-Gründer Edwy Plenel, bisher nicht als Fürsprecher Macrons aufgefallen, sagte, er habe allen Grund zur Annahme, dass Benalla die Wahrheit sage. Andere wenden ein, dass Benalla offensichtlich von Rachegefühlen getrieben sei: In dem Interview prangere er die "Technokratenfamilie" im Élysée an, die "schlimmer als die Mafia" sei. Der Ex-Kommunikationschef des früheren Staatschefs François Hollande, Gaspard Gantzer, spricht von einem "schlechten Agentenfilm", bei dem man die Fakten unter den Teppich zu kehren versuche.

Der zweite Akt der Benalla-Affäre würde nicht mehr Aufmerksamkeit als eine Politposse verdienen – wenn sie nicht alle Anstrengungen des geschwächten Präsidenten zunichtemachen würde, mit neuer Kraft in das neue Jahr zu starten. In Le Parisien seufzte ein Vertreter der Macron-Partei La République en marche: "Es wird Zeit, dass diese Geschichte zu Ende geht." Es sei denn, Benalla veröffentlicht seine Gespräche mit Macron tatsächlich. (Stefan Brändle aus Paris, 1.1.2019)