Im chinesischen Fernsehen wurde mehr über Chinas Parteichef Xi Jinping berichtet als über die geglückte Landung auf dem Mond.

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Zum ersten Mal erhellt ein Scheinwerfer die dunkle Seite des Mondes.

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Nach innen lief technisch alles wie am Schnürchen ab. Doch so zurückhaltend hatte die Welt Pekings Führung ausgerechnet am Tag ihres größten bisherigen Raumfahrterfolges noch nie erlebt. Obwohl China zur ersten Nation wurde, der eine Landung ihrer Raumsonde auf der dunklen Seite des Mondes gelang. Die Nachricht, die weltweit gehypt wurde – selbst die Nasa gratulierte sofort –, wurde in der halbstündigen Hauptnachrichtensendung vom Staatsfernsehen CCTV am Abend unter "ferner liefen" abgehandelt. Sie kam erst an fünfter Stelle vor und zeigte nur kurz, wie sich Chinas Raketentechniker im Pekinger Raumfahrtkontrollzentrum freuten, weil alles gutgegangen war.

15 Minuten lang hatten die 19-Uhr-Nachrichten von CCTV zuvor über ideologische und politische Aktivitäten von Chinas Parteichef Xi Jinping berichtet und über Reaktionen auf seine Vortagsrede zur forcierten Wiedervereinigung mit Taiwan. Offensichtlich sollte der Eindruck geweckt werden, dass der Präsident in künftig erwarteten, schwierigen Zeiten der wirtschaftlichen Abschwächung und Auseinandersetzung mit den USA China in festem Griff hat. Vor dem Primat der Politik musste die Meldung über die Großleistung seiner Raumfahrt hinten anstehen.

Bilderbuchlandung

Dabei hätte China mit mehr Transparenz und Lob der eigenen Leistung punkten können. Um 10.15 Uhr sendete das Raumfahrtzentrum sein Signal zur Landung an die nach der Mondfee Chang'e genannte Raumsonde. Die war da noch 15 Kilometer von der Mondoberfläche entfernt. Chang'e-4 brauchte nur elf Minuten, um im automatischen Blindflug, Stufe um Stufe abgebremst in einer Bilderbuchlandung mit ihrem Erkundungsfahrzeug an Bord sicher auf der Rückseite des Mondes aufzusetzen.

Der mitgeführte Rover soll schon in den kommenden Tagen losfahren und Bodenproben aufnehmen, die in mitgeführten Labors untersucht werden können. Um 11.40 Uhr sendete die Mondfee ihr erstes Foto vom Landeplatz, das erste überhaupt, das aus Bodennähe von der bisher unzugänglichen Seite des Mondes aufgenommen wurde. Zur Überbrückung der Signale für das Funkbild von der Mondsonde zur Erde hatte China einen Kommunikationssatelliten seit Mai 2018 im All platziert. Es taufte ihn "Elsternbrücke" nach einer uralten Liebesgeschichte.

Anfangs kaum Berichte in China

Trotz mythischer Namen und chinesischer Folklore erlaubten Chinas Politiker nicht live zu berichten, als sie nach sicherer Landung keinen Fehlschlag mehr befürchten mussten. Meldungen der Staatsmedien wurden anfangs zurückgepfiffen, die sozialen Medien gedämpft, selbst als dickes Lob von Nasa-Administrator Jim Bridenstine auf Twitter kam. Um 12.26 Uhr gratulierte er. "Das ist ein erstes Mal für die Menschheit und eine eindrucksvolle Leistung!" Es dauerte weitere vier Stunden, bis die Nachrichtenagentur Xinhua erste Details meldete. Erst am Abend schrieb sie von der "historischen Landung". Experten glaubten, dass sie "China vorbereiten hilft auf die nachfolgende Erforschung des Mondes und künftige Expeditionen zu anderen Planeten".

Dabei wäre mehr offizieller Jubel durchaus angebracht. Mehr als 120 Millionen Chinesen verfolgten bis 21 Uhr Pekinger Zeit alle Nachrichten über Chang'e-4 in den Weibo-Mikroblogs. 80.000 darunter kommentierten sie. Die gelungene Landung ist für die junge Raumfahrtnation eine Zäsur. Erst 2003 gelang es China, mit seiner ersten bemannten Raumfahrtmission Shenzhou (Heiliges Schiff) unter Astronaut Yang Liwei den Anschluss an die USA und Russland zu finden. Inzwischen konnten ein halbes Dutzend weiterer bemannter Shenzhou-Flüge den Abstand verringern helfen. Mit seinen Raumlabors Tiangong (Himmelstempel) und vier Starts bisher ließ China Module testen, die es nach 2022 zur ersten Raumstation zusammenbauen will.

Deutlicher Vorsprung Russlands und der USA

Dennoch war das alles bislang nur eine nachholende Entwicklung. Die USA, die 1969 ihren ersten Mann auf den Mond gebracht haben, und Russland verfügen über mehr als ein halbes Jahrhundert Vorsprung. Doch 15 Jahre nach Raumfahrer Yangs bahnbrechendem Flug hat Peking nun eigenständige Raumfahrtakzente gesetzt. "Chang'e-4 wird in die Geschichte eingehen als erste Landung auf der Rückseite des Mondes", schrieb das finanzpolitische Magazin "Caixin". An den Experimenten an Bord sind als Europäer Schweden und Deutschland beteiligt. Chinesische Universitäten wollen das Wachstum von Kartoffeln, Baumwolle, Ölsaaten, einem kohlähnlichen Gewächs und das Überleben von Fruchtfliegen testen. Sie verfolgen allerdings nicht die ihnen unterstellte Absicht, den Mond zu kolonisieren, sondern wollen erkunden, ob sich eine "Minibiosphäre" erzeugen lässt. Ihr Plan sei, so meldete Xinhua, die "erste Blume auf dem Mond zu pflanzen".

Dennoch ist die aktuelle Mission ein Baustein für Chinas Absichten, im All Schritt um Schritt vorzudringen und bis 2030 zu den USA und Russland auf Augenhöhe aufzuschließen. So steht es im Ende 2016 erschienenen Weißbuch dazu. Nach Chang'e-4 sollen Ende 2019 Chang'e-5 und danach Chang'e-6 starten, um Mondgesteinsproben zu gewinnen. Dann ist das Erkundungsprogramm vorläufig abgeschlossen, und es beginnen Chinas noch nicht terminierte Vorbereitungen auf eine menschliche Mondlandung. 2020 soll auch die erste von zwei geplanten Mars-Missionen starten und der Vorbeiflug bei Jupiter geplant werden, kündigte Vizedirektor Wu Yanhua von der Nationalen Raumfahrtbehörde an. China hofft – sehr langfristig gedacht –, Mond und Mars wirtschaftlich zu nutzen, auch als Basis zur Exploration des Weltalls.

Im Weißbuch formulierte Peking seinen Anspruch, neue Raummacht zu werden. Bisher ist es eine Vision. China ist in Fragen der Arbeitsteilung, Ausbildung seiner Astronauten auf sich allein gestellt. Besuch oder Mitarbeit in der Internationalen Raumstation sind seinen Astronauten bisher verwehrt. Trotz aller Fortschritte sagen Pekings Raumforscher, sie hätten noch viele Hausaufgaben zu erledigen, von der Konstruktion wiederverwendbarer Shuttle-Fahrzeuge über den Bau der nach 2022 geplanten eigenen Raumstation bis zum Vordringen tief ins All. Statt bereits jetzt schon nach den Sternen greifen zu können, seien sie noch mitten auf ihrem langen Marsch ins All. (Johnny Erling aus Peking, 3.1.2019)