Zahlreiche Politiker, Künstler und bekannte Personen sind vom Leak betroffen.

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Unbekannte haben persönliche Daten und Dokumente von hunderten deutschen Politikern, anderen Prominenten und Journalisten im Internet veröffentlicht. Betroffen sind alle im Bundestag vertretenen Parteien mit Ausnahme der rechten AfD. Veröffentlicht wurden vor allem Handynummern und Adressen, aber zum Teil sehr persönliche Daten wie Personalausweise, Chats, Briefe, Rechnungen oder Kreditkarteninformationen.

In Einzelfällen wurden sogar private Chats im Familienkreis und Kreditkarteninformationen von Familienmitgliedern ins Internet gestellt. Darunter auch E-Mail-Adressen und eine Faxnummer der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, heikle Informationen über die Regierungschefin enthält der Datenbestand allerdings nicht.

Clouddienste und Accounts sozialer Medien gehackt

Die Daten sind nach Angaben des deutschen Innenministers Horst Seehofer (CSU) nicht aus den IT-Systemen von Bundestag oder Bundesregierung gestohlen worden. "Nach einer ersten Analyse deutet vieles darauf hin, dass Daten durch die missbräuchliche Nutzung von Zugangsdaten zu Clouddiensten, zu E-Mail-Accounts oder zu sozialen Netzwerken erlangt wurden", erklärte Seehofer am Freitag.

Es werde "mit Hochdruck daran gearbeitet, den Urheber der Veröffentlichung ausfindig zu machen und den Zugriff auf die Daten schnellstmöglich zu unterbinden", teilte Seehofer mit.

Angela Merkel

Die unbekannten Datendiebe veröffentlichten Links zu ihrer Beute über den Kurzbotschaftendienst Twitter. Die Daten wurden über verschiedene Text- und Dateihosting-Portale verteilt. Der betreffende Twitter-Account wurde mittlerweile gesperrt, auch der darin oft verlinkte Blog wurde bereits vom Netz genommen.

Der Datenbestand ist groß und besteht aus einer willkürlich zusammengestellten Sammlung, wie eine Analyse des STANDARD ergibt. Er enthält private Chats, parteiinterne Kommunikation und Bewerbungen, Fotos von Personalausweisen, E-Mails und auch Kreditinformationen der Betroffenen. Ebenso sind Mitgliederlisten zu finden, die meist von regionalen Parteiverbänden stammen.

Verbreitet worden seien die Daten bereits vor Weihnachten, bemerkt worden sei dies aber erst am Donnerstagabend, berichtete der Sender RBB. Konkret wurden seit 1. Dezember in einer Art "Adventkalender" jeden Tag Daten über ein neues Ziel öffentlich verfügbar gemacht. Einzelne Leaks wurden über das Konto schon vorher in Umlauf gebracht.

Per Twitter geleakt

Der betreffende Account.
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Unter den Opfern des Hackerangriffs sind auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Moderatoren Jan Böhmermann und Christian Ehring, Bands und Künstler wie der Deutsch-Rapper Materia und die Band K.I.Z sowie Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Die Angreifer kamen unter anderem bei Grünen-Chef Robert Habeck, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und Ex-SPD-Chef und Ex-Außenminister Sigmar Gabriel an besonders viele sensible Daten. Auch mutmaßliche Handynummern verschiedener Minister sind aufgeführt.

Aktion aus dem AfD-freundlichen Spektrum

Sicherheitsexperten vermuten hinter dem Hackerangriff eine politisch motivierte Aktion aus dem AfD-freundlichen Spektrum. "Es gibt starke Indizien dafür, weil die AfD nicht, aber Grüne und Linke und Journalisten stark betroffen sind", sagt Thomas Jarzombek, Netzexperte der Unionsfraktion im Bundestag der Rheinischen Post.

Reaktionen

Die SPD forderte in einer ersten Reaktion eine schnelle Aufklärung, auch was die Motivation hinter dem Angriff angeht. In die gleiche Kerbe schlägt die "Linke". Ein solcher Angriff sei keine tolerierbare Form politischer Auseinandersetzung, heißt es dort. Man bestätigt, dass rund 100 Funktionäre der eigenen Partei betroffen sind, nicht aber die Bundeszentrale. Auch die FDP verurteilt die Angriffe.

"Dieser Hacker-Angriff auf Journalisten, Künstler, ehrenamtliche und hauptamtliche Politiker ist ein massiver Eingriff in die demokratischen Grundrechte, Persönlichkeitsrechte und die Meinungsfreiheit", erklärte Michael Kellner, der politische Bundesgeschäftsführer von Bündnis '90/Die Grünen.

Ziel: Bundestag

In den letzten Jahren sorgten Cyberangriffe auf den Bundestag für weltweite Schlagzeilen. Die dabei erbeuteten Daten wurden bisher nicht veröffentlicht.

Bekannt wurde die Veröffentlichung durch Anrufe von Unbekannten bei dem SPD-Politiker Martin Schulz. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus Sicherheitskreisen.

Den Angaben zufolge hatte ein Mitarbeiter des ehemaligen SPD-Spitzenkandidaten am Donnerstag der Polizei in Aachen mitgeteilt, Schulz sei von Fremden auf seiner nicht öffentlich zugänglichen Nummer angerufen worden. Daraufhin wurde den Angaben zufolge auch das Landeskriminalamt von Nordrhein-Westfalen aktiv. Der Bundestag erfuhr dann in der Nacht, dass auch zahlreiche andere Abgeordnete betroffen sind.

Ein bisher noch unbekannter Twitter-User hatte im Dezember – zunächst weitgehend unbemerkt – Listen mit Telefonnummern, Adressen und anderen Daten von Prominenten ins Netz gestellt.

Die Fremden, die Schulz anriefen, sollen nicht unfreundlich gewesen sein. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen war der Ton der Unterhaltungen "weder bedrohlich noch beleidigend". (sum, gpi, APA/dpa, 4.1. 2018)