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Sind sie nun Gläubige oder Aktivistinnen? Warum nicht beides, sagen die zwei Frauen, die im südindischen Kerala Anfang des Jahres jene Rechte wahrgenommen haben, die ihnen Indiens Höchstgericht zugesprochen hatte. Bindu Ammini und Kanakadurga, so die Namen der beiden, hatten unter Polizeischutz und mitten in der Nacht den populären Tempel von Sabarimala betreten – und damit Großproteste angefacht, die rechts-religiöse und hindunationalistische Gruppen seit_September am Kochen gehalten hatten. Da hatte Indiens Höchstgericht entschieden, dass ein bis dahin gültiges Betretungsverbot im Tempel für Frauen zwischen 10 und 50 Jahren nicht Indiens Verfassung entspricht.

Mit Versuchen, das Gebetshaus zu besuchen, das dem zölibatär lebenden Gott Ayyappa gewidmet ist, waren trotzdem zahlreiche Frauen auch danach gescheitert – sie wurden von der aufgebrachten Menge abgedrängt, geschlagen oder mit Steinen geworfen. Bindu und Kanakadurga waren Ende Dezember auch schon einmal nicht durchgekommen – am Mittwoch ist es ihnen aber gelungen. Die Häuser ihrer_Familien stehen seither aus Angst vor Angriffen unter Bewachung der Polizei – und sie selbst halten sich an einem öffentlich unbekannten Ort auf.

Zusammengeführt hat sie gemeinsamer Ärger, Streben nach gleichen Rechten – und das Internet. Bindu Ammini, 42-jährige Juristin, und Kanakadurga, 44, Beamtin für Versorgungsangelegenheiten, trafen einander auf der Facebook-Seite der "Renaissance"-Bewegung, die Werte der Aufklärung in Indien verbreiten will.

Während über Kanakadugas Hintergrund wenig bekannt ist, weiß man über Bindu Ammini, dass sie früher im linken Flügel der Kerala regierenden Kommunisten engagiert war, später die Bewegung der Dalits unterstützte. Mittlerweile ist sie nicht mehr aktiv, sagte sie jüngst – vielleicht, um die Partei bei der Mehrheit der Bürger Keralas, die den Tempel-Zutritt für Frauen ablehnt, nicht zu diskreditieren.

Ohnehin scheint beiden – auch abseits der aktuellen Gefahr – wenig an der öffentlichen Aufmerksamkweit gelegen. Sie sprechen in Interviews lieber über die Renaissance-Bewegung, seit 1. Jänner mit neuem Stolz. Da formten fünf Millionen_Frauen eine 620 Kilometer lange Menschenkette im Süden Keralas, um auf ihre Rechte aufmerksam zu machen. Gehen auch sie alle bald in den Tempel, wären Bindu und Kanakadurga schnell vergessen – sie selbst würden es sich womöglich wünschen. (Manuel Escher, 4.1.2019)