Pornografie im Netz ist heutzutage mit wenigen Klicks kostenlos für jeden erreichbar – das hat einen Einfluss auf die Gesellschaft, sagen Sexualtherapeuten.

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Jährlich veröffentlichen Pornoplattformen wie Pornhub Statistiken zu den Nutzungsgewohnheiten ihrer User. Die Website publiziert auch detaillierte Informationen zu Österreich – diese offenbaren etwa im heurigen Jahr ein großes Interesse an "deutschen Nachbarinnen" und "Milfs" (zu Deutsch jugendfrei etwa: attraktive Mutter).

Auch beliebt sind "Stiefmütter". 2017 vermeldete die Erotikplattform in Österreich hingegen ein überschießendes Interesse für Pornografie, die "Pissing" beinhaltet, wie aus der entsprechenden Jahresstatistik hervorgeht. Auch im weltweiten Vergleich ist das keine Seltenheit – das Männermagazin "Esquire" etwa bezeichnet Urophilie als "den neuntbeliebtesten Fetisch" in Großbritannien.

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Zufälliger Zusammenhang

Die Sexualtherapeutin Claudia Wille-Helbich sagt dem STANDARD, dass sich das Lustgefühl eines Einzelnen oft an Vorstellungen, Bilder und Symbole binde, die für den jeweiligen Menschen aus irgendeinem Grund relevant seien oder zufällig im Zusammenhang mit Erregung in der Pubertät stattgefunden hätten. "Zum Beispiel erlebe ich den ersten Orgasmus in einem Schlafsaal, und in der Zukunft ist Lust mit Öffentlichkeit verknüpft, mit Exhibitionismus. Oder unser Kindermädchen, das ich sexy fand, ging auf mein Klo, sodass ich mir als Bub vorstellen konnte, wie ihr Po nackt war, während ich das Geräusch beim Urinieren hörte – und schon sind meine Lustgefühle ans Urinieren gekoppelt. So können sich Fetische entwickeln", erklärt Wille-Helbich.

Stiefmütter könnten hingegen auf eine Wiederbelebung von verbotenen erotischen Gefühlen gegenüber der Mutter in der Kindheit hinweisen, sagt Wille-Helbich und verweist auf die Entwicklungsphasen nach Sigmund Freud. "Als 'Stiefmutter' kann das eher angenommen werden, ohne Schuldgefühle zu entwickeln." Jedoch variiere das von Fall zu Fall.

Fantasien für die Entwicklung "wichtig"

Die Sexualtherapeutin Nicole Kienzl verweist hingegen darauf, dass der Konsum solcher Inhalte nicht gleich auf einen Fetisch hinweise, sondern eher auf erotische Fantasien. "Fantasie im Allgemeinen ist sehr wichtig, da gibt es keine Scham und keine Moral", sagt Kienzl.

Man könne Handlungen betrachten, die man niemals real umsetzen würde. Fantasien seien gerade deswegen wichtig, weil sie eine Form der Entwicklung seien. Ihr Inhalt hänge von Erfahrungen in der Kindheit und Jugend ab. "Pissing" sei etwa eine erotische Handlung aus dem BDSM-Bereich. "Wer durch Kindheitstraumata geprägt ist, neigt stärker zu sadistischen Fantasien", sagt Kienzl. Das sei aber nicht universell.

Pornografie beeinflusse moderne Sexualität massiv

Beide Therapeutinnen sehen einen großen Einfluss von Pornografie auf die Sexualität. Gerade die Generation, die mit Onlinepornos großgeworden ist, fasse sie als "Anleitung" auf, sagt Wille-Helbich. "Sex hat sich dadurch vom Gefühl sehr weit entfernt und ist mehr zu Performance geworden."

Kienzl sieht eine Übersexualisierung der Gesellschaft. Das führe zu Lustlosigkeit bei Einzelnen. "Die Sexualisierung steht im krassen Gegensatz zur sexuellen Praxis. Der Beischlaf ist rückläufig, und die Masturbation nimmt zu", sagt die Therapeutin. "Sex ist überall und fast immer zur Verfügung, wir werden geradezu von sexuellen Themen überfrachtet. Das lässt uns abstumpfen." (muz, 14.1.2019)