Manche haben sich Decken um die Schultern geschlagen, so kalt ist der Jänner in Bihać. Am Rand der bosnischen Grenzstadt, durch die der schönste aller bosnischen Flüsse, die Una, sprudelt, sind in einem alten Lagerhaus etwa 3.500 Migranten untergebracht. Insgesamt befinden sich etwa 4.000 Ausländer im Kanton Una-Sana. Das Bira-Zentrum liegt im Industriegebiet, gegenüber einer Tankstelle und einem Bauhaus, wo sonst eigentlich nur untertags etwas los ist. Doch seit die Migranten im Vorjahr gekommen sind, herrscht hier immer reges Treiben.

Es ist ein Ort des Kommens, Gehens und vor allem des Zurückkommens. Denn die meisten jungen Männer, die von hier aus ihren Marsch zur Grenze antreten, landen wieder in dem von der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) betreuten Camp. "Etwa 70 Prozent werden von der kroatischen Polizei abgefangen", erzählen ein paar Pakistaner aus dem Punjab, die gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt sind.

Von Griechenland nach Bosnien-Herzegowina

Manche von ihnen sind bereits seit vier Jahren in Europa, viele seit zwei, drei Jahren. Ihre Reise führte sie zumeist zuerst nach Griechenland. Nachdem sie dort verstanden hatten, dass sie "keine Papiere" bekommen würden, brachen sie Richtung Mazedonien und Serbien auf und landeten daraufhin in Bosnien-Herzegowina.

Eng ist es für die 3.500 Migranten in der Lagerhalle in Bihać – aber dafür warm.
Foto: REUTERS/Antonio Bronic

Vor einem Jahr noch waren die bosnischen Behörden ziemlich überfordert, doch heute sind die Unterkünfte und die Versorgung viel besser. Es gibt für alle zumindest ein Dach über dem Kopf und dreimal am Tag Essen. Der 15-jährige Farhati Hemmati und seine Familie, die aus dem afghanischen Mazar-i-Sharif kommen, wollen hier die härteste Winterzeit abwarten, bis sie weiterziehen. Schließlich hat Farhati einen dreijährigen Bruder, den man nicht so einfach über die schneereichen Berge tragen kann. Farhati, der ziemlich gut Englisch spricht, will zu seinen Brüdern nach Belgien. Sie haben dort bereits nach zwei Jahren im Lager einen Aufenthaltsstatus bekommen.

Vor der kroatischen Polizei verstecken

Für viele ist die rote Halle hinter dem Robot-Kaufhaus in Bihać aber nur eine Zwischenstation, die sie so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen. Von Zeit zu Zeit verlassen Gruppen von Männern, mit Rucksäcken bepackt, die Unterkunft und lassen sich wieder auf das ein, was man hier "das Spiel" nennt: Sie gehen in Richtung der Hügelkette, wo die Grenze liegt, stapfen oft durch einen halben Meter Schnee und versuchen sich vor den kroatischen Polizisten zu verstecken. "Wenn die uns sehen, fragen sie: Woher kommt ihr?, und dann treiben sie uns sofort zurück Richtung Bosnien", erzählt der 26-jährige Iraner Reza R. aus Teheran.

So wie alle hier hat auch er es schon ein paar Mal versucht. Das letzte Mal haben die kroatischen Polizisten derart auf seinen Finger geprügelt, dass der Nagel noch heute schwarz ist. Reza zeigt auch Fotos von den Striemen, die Polizeiprügel auf dem Rücken und der Schulter seines Freundes hinterlassen haben.

Reza R. zeigt seinen Finger mit dem schwarzen Fingernagel.
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"Warum behandeln die uns wie Tiere?"

"Warum ist die kroatische Polizei so brutal? Warum behandeln die uns wie Tiere?", fragen auch die Nepalesen, die an die frische Luft gekommen sind. Fast jeder hier hat eine Geschichte über die kroatische Polizei zu erzählen. Die Beamten würden Handys zertreten, Geld wegnehmen, mit Stöcken schlagen oder ihren Schuhen treten. Die Geschichten sind seit vielen Monaten die gleichen. Doch Kroatien will dem Schengenraum beitreten, und in Zagreb ist man daher der Ansicht, dass man größere Chancen hat, die anderen EU-Innenminister zu überzeugen, wenn man an der Grenze Härte zeigt.

Reza R. zeigt ein Foto eines Freundes. Die Verletzungen sollen ihm kroatische Polizisten zugefügt haben.
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Die Zurückweisungen, die oft im Landesinneren und gar nicht unmittelbar an der Grenze durchgeführt werden, sind jedoch rechtlich umstritten, vor allem weil oft ganze Gruppen "zurückgeleitet" werden und keine Überprüfung im Einzelfall erfolgt, wenn jemand kundtut, in Kroatien um Asyl ansuchen zu wollen. Artikel 4 in Protokoll 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention verbietet "kollektive Zurückweisungen".

Zudem erfolgen die Zurückweisungen oft nicht über die offiziellen Grenzübergänge – wohl weil diese meist weit entfernt liegen. Kroatien beruft sich hingegen auf das Schengener Abkommen, wonach jenen Drittstaatsangehörigen, die kein gültiges Visum haben, die Einreise verweigert werden muss. Tatsächlich waren fast alle Migranten, die hierher gelangt sind, bereits in einem EU-Land, nämlich entweder in Bulgarien oder in Griechenland. Sie befinden sich jedenfalls in einem sicheren Drittland, nämlich Bosnien-Herzegowina. Doch hier will keiner von ihnen bleiben.

Junge Männer mit Rucksäcken, die die Lagerhalle verlassen.
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"Und die sollen Europäer sein?"

Einer der bosnischen Security-Leute wundert sich, weshalb die EU auf die Polizeigewalt der Kroaten nicht reagiert. "Das ist ja unmenschlich! Und die sollen Europäer sein?", meint er. "Wir sind sicherlich die humaneren Europäer", fügt er hinzu. Manche Bosnier engagieren sich als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe, auch private Hilfsorganisation wie das Netzwerk Asyl Aargau bieten Unterstützung.

Reza ist in seinen dünnen Jeans mittlerweile kalt geworden, ein paar Schneeflocken haben sich in seinen schwarzen Haaren verfangen. Er ist vor acht Monaten aus Shiraz im Iran nach Belgrad geflogen, damals gab es in Serbien noch Visafreiheit für Iraner, die jedoch mittlerweile – weil so viele nicht mehr in den Iran zurückkehrten – wieder aufgehoben wurde. Der IT-Fachmann mit der coolen Haartolle ist überzeugter Atheist und hält deshalb das "Leben im Gottesstaat Iran" nicht aus. Er will nach Italien.

Das Ziel der jungen Männer: durch den Schnee und über den Plješevica-Berg die EU erreichen.
Foto: Reuters/Dado Ruvic

Untertauchen in Italien

Mittlerweile ist "Italy" – und nicht mehr "Germany" – zum beliebtesten Zielland für die meisten Migranten geworden. Denn der größte Teil der Reisenden kommt aus Pakistan. Die, die hier in Bihać gelandet sind, wissen, dass sie ohnehin in keinem Land Europas Asyl bekommen werden, in Italien ist es aber leichter möglich unterzutauchen. Die Reise nach Europa – die meisten kommen über die schlecht gesicherte Grenze von Serbien nach Bosnien-Herzegowina – hat sie bisher etwa 7.000 Euro gekostet. Viele sind mit dem Talgo aus Sarajevo angereist, eigentlich ein Schnellzug, der sich durch schnaufartige Geräusche darüber zu ärgern scheint, das das Schienennetz in Bosnien-Herzegowina so schlecht ist.

Oft sitzen die Migranten in einem Abteil, die Bosnier in einem anderen. Kürzlich wurden Passagiere ausgeraubt. Im Herbst schlug auch die Stimmung in Bihać um, weil es zu einigen Ladendiebstählen gekommen war. Damals protestierten manche Bürger sogar dagegen, dass die Stadt zu einem Sammelpunkt für Migranten geworden ist. Andererseits lassen die Reisenden auch Geld hier, und mittlerweile haben sich wieder alle mit der Situation arrangiert. Enge Beziehungen entstehen aber kaum, die Migranten besuchen auch kaum die Moscheen von Bihać.

Migranten, die vor der Lagerhalle frische Luft tanken.
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"Übermorgen breche ich wieder auf"

Beliebter ist da schon das Einkaufszentrum oberhalb des Baumarkts. "Zurück? Nein, zurück nach Pakistan können wir nicht", sagt der 28-jährige Amar M. "Wir sind hierhergekommen, weil unsere Eltern ihr ganzes Geld gegeben haben, damit wir eine bessere Zukunft haben. Ich werde wieder und wieder versuchen, über die Grenze zu kommen. Wenn es sein muss, 150-mal! Übermorgen breche ich wieder auf", versichert der schlanke Mann. Und was ist, wenn die Polizei sie zurück nach Pakistan bringt? "Dann werden unsere Mütter uns willkommen heißen. Mütter sind Mütter", sagt er lächelnd. (Adelheid Wölfl aus Bihać, 21.1.2019)